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Aus: Ausgabe vom 09.05.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Strategischer Schwenk

Showdown rückt näher

Ukraine baut Gasvorräte auf, um auf Ende des Transits aus Russland vorbereitet zu sein. Kontrahent Gasprom reagiert ähnlich
Von Reinhard Lauterbach
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Verdichterstation Bojarka: Fließt bald kein russisches Gas mehr durch Leitungen in der Ukraine?

Russland und die Ukraine bereiten sich offenbar auf ein hartes Ende des jahrzehntelangen Gastransits nach Mitteleuropa vor. Der geschäftsführende Direktor des ukrainischen Pipelinebetreibers Naftohaz, Jurij Vitrenko, sagte gegenüber dem britischen Wirtschaftsdienst bne intellinews, sein Land erwarte, dass der russische Gasprom-Konzern den Transit auch dann einstellen werde, wenn die zweite Röhre der Ostseepipeline Nord Stream 2 nicht bis zum Jahresende fertig sein sollte. Dies ist wegen dänischer Obstruktion des Genehmigungsverfahrens für die Leitung – auf Druck der USA – inzwischen wahrscheinlich.

Nach Darstellung der Agentur trifft auch Gasprom Vorkehrungen für diese Situation. Ziel der russischen Seite sei es, im kommenden Winter mindestens die vertraglich vereinbarten 60 Milliarden Kubikmeter Gas an seine zentraleuropäischen Kunden liefern zu können. Die Kapazität der bestehenden Ostseepipeline Nord Stream 1 reicht dazu nicht ganz aus: Sie beträgt nur 55 Milliarden Kubikmeter. Gasprom fülle daher bereits jetzt seine bestehenden Lager vor allem in Deutschland – 5,5 Milliarden Kubikmeter – auf und sei bestrebt, durch die Anmietung weiterer Kapazitäten den Vorrat auf acht Milliarden Kubikmeter aufzustocken.

Auch die Ukraine ist derzeit bemüht, rechtzeitig für den nächsten Winter vorzusorgen. Seit Anfang dieses Monats wurde begonnen, die »Schubumkehr«-Lieferungen von (faktisch ebenfalls russischem) Gas aus ihren westlichen Nachbarländern zu steigern. Vor allem die Pipeline in die Slowakei ist nach Darstellung ihres Betreibers derzeit zu etwa 75 Prozent für solche Rückpumpaktionen in die Ukraine reserviert, dreimal soviel wie noch Anfang April. Die Ukraine verbrauchte 2018 rund 36 Milliarden Kubikmeter Gas, von denen sie die Hälfte im eigenen Land fördert. Die andere Hälfte musste direkt oder indirekt aus Russland importiert werden. Per Ende April waren die Lager in dem Land im Durchschnitt nur zu 30 Prozent gefüllt.

Sollte das Krisenszenario Realität werden und Gasprom im kommenden Winter den Transit einstellen, drohen beiden Seiten wirtschaftliche Einbußen, doch die der Ukraine dürften schlimmer ausfallen. Denn wenn die Menge des angebotenen Gases sich verknappt, steigt sein Preis. Der russische Konzern würde dann zwar weniger verkaufen, aber pro Einheit mehr erlösen. Für die Ukraine träfe das Gegenteil zu: Sie würde Gas aus den »Schubumkehr«-Lieferungen der EU benötigen, aber dieses wäre in diesem Fall nicht nur teurer als bisher, sondern vor allem physisch knapper. Im Klartext: Es könnte schlicht nicht mehr ausreichen, um die Ukraine aus den Überschüssen des westeuropäischen Gasmarkts mitzuversorgen. Was also für das russische Unternehmen eine »Delle« in der Exportstatistik bedeuten würde, könnte in der Ukraine zu realer Rohstoffknappheit führen.

Die harte Position von Gasprom würde noch durch einen anderen Faktor untermauert. Denn der halbstaatliche Konzern ist dabei, sich mittelfristig vom Absatzmarkt Westeuropa unabhängiger zu machen.

Anfang dieses Jahres vereinbarten Russland und China, einen zweiten Strang der Pipeline »Power of Siberia« in die Volksrepublik zu verlegen. Der würde aber nicht mehr mit Gas aus Vorkommen im russischen Fernen Osten befüllt, sondern mit solchem aus den Feldern im Norden Westsibiriens, die derzeit außer für den Inlandsverbrauch für den Export nach Westeuropa genutzt werden. Langfristig droht damit den Volkswirtschaften Westeuropas ein Ende der privilegierten Situation, relativ preiswertes russisches Pipelinegas nutzen zu können. Der Preis würde tendenziell auf das Niveau des Flüssiggases steigen, mit dem jetzt schon z. B. Ostasien versorgt wird. Er liegt um etwa 30 Prozent über dem europäischen und ist wesentlich stärkeren Schwankungen ausgesetzt. Denn Flüssiggastanker können mit einem Funkspruch dorthin umgeleitet werden, wo der Preis aktuell am höchsten ist. Das geht bei Pipelines nicht.

Offiziell bietet die Ukraine Russland weiterhin an, Gas durch ihr Leitungssystem nach Mitteleuropa zu leiten. Der erwähnte Manager Vitrenko erklärte Ende April, sein Land wolle Gasprom vorschlagen, zwei Drittel der ukrainischen Transitkapazitäten – 60 Milliarden Kubikmeter – auf zehn Jahre fest für sich zu »reservieren« – das restliche Drittel solle von anderen Gesellschaften, z. B. aus Zentralasien, genutzt werden.

Warum freilich Gasprom die Grundauslastung einer Pipeline finanzieren sollte, die auch seinen Konkurrenten zugute käme, ist nicht recht erklärlich. Offizielle Gespräche sind für Ende Mai geplant. Gasmarktexperten rechnen aber nicht damit, dass es zu einer schnellen Einigung kommt. Zumal noch verschiedene ukrainische Schadenersatzforderungen an Gasprom für die angebliche Übervorteilung der Ukraine durch ein entsprechendes Abkommen im Raum stehen, das die damalige Premierministerin Julia Timoschenko im Jahre 2009 abgeschlossen hatte. Gasprom hatte im Vorfeld erklärt, Grundvoraussetzung für die Fortsetzung der Zusammenarbeit sei, dass die Ukraine die Klagen zurückziehe. Es geht um insgesamt acht Milliarden US-Dollar.

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