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Aus: Ausgabe vom 08.05.2019, Seite 8 / Inland
Umgang mit Psychiatriepatienten

»In Auseinandersetzung der Klassen nimmt Gewalt zu«

Nach Tod in Hamburger Klinikum: Verhältnisse in Psychiatrien stehen in der Kritik. Gespräch mit Klaus-Jürgen Bruder
Interview: Kristian Stemmler
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Teilnehmer eines Trauermarsches auf dem Gelände des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (28.4.2019)

Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, UKE, ist vor zehn Tagen der Psychiatriepatient William Tonou-Mbobda gestorben, nachdem er von drei Sicherheitsleuten brutal am Boden fixiert worden war. Wie bewerten Sie das Vorgehen gegen den Kameruner?

Aus der Ferne kann man das schwer beurteilen. Ich denke, da ist zuallererst die Psychiatrie gefragt, Stellung zu nehmen. Und natürlich ist es Sache der Klinik und der Klinikaufsicht respektive der Ermittlungsbehörden zu bewerten, ob das Verhalten des Personals in Ordnung war.

Die Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft ergab nun, dass es seit 2015 vier Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes des UKE gegeben hat, drei wegen Körperverletzungen. Ist es nicht grundsätzlich ein Problem, dass in Psychiatrien Menschen der Gewalt oft wehrlos ausgeliefert sind?

Es ist richtig, dass in der Psychia­trie Gewaltmittel für den Umgang mit »schwierigen« Situationen bereitgehalten werden. Deren Einsatz muss beziehungsweise müsste aber streng überwacht werden. Und da sowohl bei der Ausführung einer Zwangsmaßnahme als auch bei deren Kontrolle Menschen verantwortlich sind, muss nach der Produktion von Gewalt im zwischenmenschlichen Verhältnis gefragt werden. Hier beobachten wir meiner Einschätzung nach allgemein eine wachsende Gewaltbereitschaft.

Worauf führen Sie diese zurück?

Sie ist vor allem Ausdruck eines zunehmenden Drucks, der in der sich weiter öffnenden Schere zwischen wachsendem gesellschaftlichen Reichtum auf der einen und einer rapide abnehmenden Teilhabe immer größerer Teile der Bevölkerung an diesem Reichtum auf der anderen Seite begründet liegt. In der Auseinandersetzung der Klassen nimmt die Gewalt zu. Wie es dem Sündenbockmechanismus entspricht, wird der Unmut vieler Bürger auf Menschengruppen abgeleitet, die zum Ausagieren freigegeben worden sind und werden. Dazu gehören auch die Patienten in den Psychiatrien. Und auf die zaghaften Versuche von Teilen der Bevölkerung, sich gegen all diese Zumutungen zur Wehr zu setzen, wird mit immer mehr Gewalt geantwortet. Ich erinnere da nur an den G-20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017, die Militarisierung der Polizei und an die Verschärfung der Polizei- und Psychiatriegesetze in fast allen Bundesländern.

Welche Rolle spielte beim Vorfall im UKE die Hautfarbe des Patienten?

Ich denke, es hat durchaus eine Rolle gespielt, dass das Opfer der Gewalt ein Bürger aus Kamerun war. Da steht der zwischenmenschliche Umgang mit »People of Colour« im Fokus, sprich: die Produktion menschenfeindlicher Haltungen gegenüber »Ausländern« oder »Flüchtlingen«.

Was ist aus den Zeiten geblieben, in denen Psychiatrien einen anderen Umgang mit Patienten versuchten?

Die Zeit der Psychiatriekritik und -reform ist schon lange vorbei. Es gibt nur ganz wenige Einrichtungen, die ohne Zwang auszukommen versuchen, wie die sogenannten Soterien. Die reichen aber bei weitem nicht aus für die große Zahl von Patienten, sondern haben eher den Charakter privilegierter Ausnahmen.

Was halten Sie von den Arbeitsbedingungen in den Psychiatrien?

Auch das ist bei Vorfällen wie denen im UKE natürlich ein Faktor. Das Verhalten gegenüber dem Personal in solchen Häusern, die Frage der Arbeitsbedingungen, der Entlohnung, der Anerkennung von seiten der Klinikleitung und der Gesellschaft insgesamt – all das wirkt sich auch auf die Atmosphäre in den Psychiatrien aus. Seit langem erträgt das Personal eine nicht gerade würdige Behandlung und wehrt sich dagegen mit sehr geringem Erfolg – und das in einer der reichsten Gesellschaften weltweit. Dass die Patienten zum großen Teil derselben Schicht entstammen wie das Personal und dieselben Enttäuschungen erfahren haben wie diese, macht die Situation noch zusätzlich empfänglich für Gewalt, auch auf seiten des Pflegepersonals.

Klaus-Jürgen Bruder ist Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP)

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