Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Montag, 27. Mai 2019, Nr. 121
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 07.05.2019, Seite 1 / Titel
Kulturkosmos

Feiern unter Aufsicht

Repressive Polizeiauflagen für »Fusion«-Festival: Dem größten Kulturprojekt Mecklenburg-Vorpommerns droht das Aus
Von Michael Merz
S 01.jpg
Kunstinstallationen, Konzerte, Partys – das diesjährige »Fusion«-Festival könnte das letzte sein

Wenn 70.000 Menschen zusammenkommen, um vier Tage lang friedlich, selbstbestimmt und solidarisch zu feiern – dann kann das nach dem Willen der Polizei so nicht weitergehen. Das »Fusion«-Festival, seit 1997 ausgerichtet vom Verein Kulturkosmos, ist das größte unkommerzielle, progressive Kulturfestival Europas. Die Besucher erwarten auf einem früheren Flugplatz der Sowjetarmee Partys und Konzerte, Theater und Kino, Performances und Kunstinstallationen. Alles mit viel Herzblut von etwa 10.000 Mitarbeitern ohne staatliche Förderung geschaffen. Promotion und Werbung müssen draußen bleiben – wie auch die Polizei, die sich bisher mit Fahrzeugkontrollen auf den Zufahrtsstraßen zufriedengab. In der Bilanz der Staatsmacht von 2018 heißt es: »Wie auch in den vergangenen Jahren ohne besondere Vorkommnisse.«

Das Festival soll Ende Juni stattfinden, doch bisher wurde dem Veranstalter die Genehmigung versagt. Denn es gibt neue Auflagen. Uniformierte Beamte sollen anlasslos auf dem Gelände patrouillieren und Besucher kontrollieren dürfen, außerdem müsse eine Polizeiwache eingerichtet werden. Warum, begründet Neubrandenburgs Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch in einem Schreiben an das zuständige Ordnungsamt. Der Veranstalter stelle »die geltende Rechtsordnung in Frage«. Zudem sei »eine Beteiligung politischer, in Teilen hoch gewaltbereiter Personen zu erwarten«. Auf jW-Nachfrage vom Montag war eine Polizeisprecherin nicht bereit, diese Behauptung zu untermauern, und verwies auf eine in Kürze anstehende Pressekonferenz.

Der Kulturkosmos e. V. will sich mit der Polizeipräsenz auf dem Areal nicht abfinden, kündigte an, Rechtsmittel einzulegen. Sollte es bei den Auflagen bleiben, werde ab 2020 Schluss sein mit der »Fusion« beziehungsweise dem Theaterfestival »at.tension« im Spätsommer. »Dann sehen wir keine Perspektive mehr. Das Ganze bekommt dann einen Charakter, den sowohl Gäste als auch veranstaltende Netzwerke so nie haben wollten«, erklärte der Vereinsvorsitzende Martin Eulenhaupt, der seit Anbeginn das Megaevent mitorganisiert, am Montag gegenüber jW. »Die Forderungen sind für uns völlig neu, das hat uns überrannt.« Wie jedes Jahr würden die »Hausaufgaben« gemacht, Notausgänge bereitgestellt, die Punkte auf einer langen Liste abgearbeitet. Den Vorwurf, es gebe Mängel in der Sicherheit, kann Eulenhaupt nicht nachvollziehen: »Dem Konzept wurde in all den Jahren stets zugestimmt.« Darüber hinaus gebe es bereits seit einiger Zeit ein polizeiliches Kriseninterventionsteam auf dem Flugplatzareal, das für alle Fälle bereitstehe. »Wir haben es bisher nie gebraucht«, so der Vereinschef. Als Kompromiss bietet Eulenhaupt den Behörden an, dass die geforderte Polizeiwache außerhalb des Festivalgeländes eingerichtet werden könne. Auch der Kulturkosmos bereitet eine Pressekonferenz für Mittwoch im Berliner Maxim-Gorki-Theater vor, auf der über die aktuelle Entwicklung rund um die »Fusion« informiert werden soll. Eine Sprecherin des Landratsamtes Mecklenburger Seenplatte machte am Montag gegenüber jW deutlich, dass das Antragsverfahren noch nicht abgeschlossen sei.

Der Rückhalt, den der Verein indes erfährt, ist immens. Seit am Wochenende die Bedingungen der Polizei für eine Genehmigung bekannt wurden, haben mehrere Linke- und Grünen-Bundespolitiker ihre Unterstützung bekundet. Eine am Sonntag mittag ins Netz gestellte Petition unterzeichneten innerhalb eines Tages bereits mehr als 50.000 Menschen.