Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Mai 2019, Nr. 120
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Aus: Ausgabe vom 11.05.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Reportage Thailand

Schwergewichtige Patienten

Im Norden Thailands gibt es das weltweit erste Elefantenkrankenhaus. Gründerin Soraida Salwala führt seit über 25 Jahren einen schwierigen Kampf
Von Thomas Berger
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Motala war 2009 der erste Dickhäuter, der eine Prothese angepasst bekam

Direkt von der Nationalstraße Nummer elf, der zentralen Verbindungsstraße von Thailands Hauptstadt Bangkok Richtung Norden, zweigt hinter der Provinzstadt Lampang mitten im grünen Nirgendwo ein kleiner Seitenweg ab. Keine 500 Meter nach dem Abbiegen steht der Besucher vor den Schildern der Organisation »Friends of the Asian Elephant« (FAE), die hier ihren Sitz hat. Auch auf die Tatsache, dass das Dickhäuterhospital das erste seiner Art weltweit ist, weist gleich eine Tafel in großen Lettern hin. Zudem ist das Elefantenkrankenhaus in dem Vierteljahrhundert seines Bestehens das einzige seiner Art in Thailand geblieben. Den grauen Riesen kommt in dem südostasiatischen Königreich zwar besondere Bedeutung zu, sie werden beinahe als heilig verehrt. Und dennoch, das macht diese einzigartige Einrichtung mit ihrem teils landesweiten Einsatz deutlich, ist es um den Artenschutz allgemein eher schlecht bestellt.

Wer sich mit Soraida Salwala unterhalten will, der muss Geduld mitbringen. Die Vereinschefin und Projektgründerin ist eine vielbeschäftigte und vielgefragte Frau. Gerade ist eine neue Spendenkampagne angelaufen, nun häufen sich die Interviewanfragen von in- und ausländischen Medien. »An manchen Tagen komme ich auf 20 bis 25 Gespräche«, erzählt sie, seien es persönliche oder solche, die in wenigen Fragen am Telefon abgehandelt werden. Gerade hat sich ein Fernsehteam verabschiedet. Nur eine kurze Pause gönnt sich Soraida danach, und auch beim Gespräch mit dem deutschen Reporter meldet sich zwischendurch immer wieder das Handy mit hartnäckigem Klingeln, oder eine junge Frau, die für einen Internetsender arbeitet, steht plötzlich mit kleiner Kamera vor ihr.

Die resolute FAE-Gründerin ist zwar ein wenig gestresst, freut sich aber zugleich über das gesteigerte Interesse. Denn mit Fernsehberichten, Zeitungsartikeln und Internetbeiträgen steigt die Bekanntheit der Einrichtung – was potenziell auch mehr Spenden einbringt. Die hat das Elefantenkrankenhaus bitter nötig: Nur in drei Jahren seines Bestehens hat der Trägerverein ein Plus verbuchen können. Zum Beweis, wie ernst die Lage ist, holt Soraida mit einem gezielten Griff in ihre Papiere das Blatt mit der Statistik hervor. Fast immer ist der rote Balken der Ausgaben deutlich höher als der blaue, der die Einnahmen markiert. »Wenn es uns nicht gelingt, daran etwas grundlegend zu ändern, müssen wir irgendwann dichtmachen«, sagt sie ernst. Immerhin: 2017 brachte eine Kampagne binnen mehrerer Wochen 44 Millionen Baht an Spenden ein, gut 1,1 Millionen Euro. Der Beweis, dass vielen Menschen eben doch nicht egal ist, wenn das Elefantenkrankenhaus wegen Finanzierungsproblemen schließen oder seine Arbeit einschränken müsste. Das Aus würde das Ende von Soraidas Lebenswerk bedeuten. 1993/94 hatte sie ganz bescheiden begonnen, inzwischen ist das Elefantenkrankenhaus eine in ganz Thailand bekannte Einrichtung, die Mitarbeiter sind landesweit als Experten gefragt. Nur eines hat die Berühmtheit bisher nicht vermocht: die finanzielle Grundlage dauerhaft zu sichern. Staatliche Zuschüsse gibt es keine, die gesamte Arbeit läuft nur auf Spendenbasis. Zwar konnte der Verein einige namhafte Unterstützer wie die Stiftung der französischen Schauspielerin und Umweltschützerin Brigitte Bardot gewinnen, die hin und wieder auch größere Summe überweisen. Garantiert sind solche Geldflüsse aber nicht.

Mosha und Motala

Soraida sitzt an einem der Tischchen im Besucherbereich. Ein Glas Wasser neben sich, ein halbes Auge auf das Handy gerichtet. Natürlich ist sie nicht allein. Die Projektgründerin ist das öffentliche Gesicht des Krankenhauses, die Alltagsarbeit auf dem Campus im Grünen verrichten die Helfer im Team, die damit voll ausgelastet sind. Zwei Tierärzte sind die wichtigste Säule des Personals für die aus allen Ecken des Landes kommenden Notfälle. Unterstützt werden sie durch die persönlichen Pfleger der Tiere, die Mahouts. Manche der vierbeinigen Patienten werden durch einen mobilen Service betreut, andere für wenige Tage oder Wochen auf dem Gelände behandelt und dann wieder zu ihren Besitzern entlassen.

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Soraida Salwala, die Gründerin und Chefin der »Freunde des Asiatischen Elefanten« im Besucherzentrum des Elefantenkrankenhauses

Ein halbes Dutzend der Schützlinge lebt dauerhaft auf dem Areal. Zwei von ihnen haben es sogar zu einer gewissen Prominenz gebracht, denn Mosha und Motala gehören zu jenen Dickhäutern, die Opfer der vor allem im Grenzgebiet von Thailand und Myanmar noch immer reichlich vorhandenen Landminen geworden sind. Beide Tiere haben durch solche Sprengsätze den Unterteil eines Vorderbeins verloren und sind die ersten Elefanten, die dank FAE und weiterer Helfer mit einer Prothese versorgt werden konnten. Zwei Schicksale, die im kleinen Besucherzentrum in Bildern, Texten und Zeitungsberichten ausführlich für jeden erzählt werden, der hier Einkehr hält. Es gibt auch immer wieder besondere Aktionen. So stellte das Team seine Arbeit Anfang dieses Jahres beim Kindertag in Bangkok vor.

Die Anfertigung von Prothesen, die den versehrten Riesen ein Stück Normalität zurückgibt, war damals für alle Beteiligten Neuland. Bei Motala, einer Elefantenkuh von inzwischen 59 Jahren, wurde die Technik erstmals angewandt. »One giant step for a jumbo« (ein riesiger Schritt für einen Jumbo), titelte am 17. August 2009 die Tageszeitung Bangkok Post. Der Artikel gehört heute als eines der Exponate zur Ausstellung im Besucherzentrum des Elefantenkrankenhauses. Am Tag vor dem Erscheinen des Beitrags hatte Motala eine erste Platzrunde mit ihrer neuen, permanenten Prothese gedreht. Der verhängnisvolle Augenblick, in dem ihr Unterschenkel zerfetzt wurde, lag da bereits zehn Jahre zurück. 1999 hatte sie ihr Mahout, als das Duo im Grenzgebiet bei Baumfällungen im Einsatz war, mittags zur Essenssuche frei laufen lassen. Motala war dabei auf eine Mine getreten. ­Ganze drei Tage brauchte er mit dem verletzten Tier, um das Elefantenkrankenhaus zu erreichen. Die Operation ein Jahrzehnt später, bei der die Prothesen angepasst wurden, schaffte es sogar ins Guinnessbuch der Weltrekorde. Allein das Anästhetikum, das der Elefantenkuh gegeben wurde, hätte gereicht, um 70 Menschen zu betäuben. Und Motala überstand die ganze Prozedur, von viel Hoffen und Bangen begleitet, sehr gut. Kein Wunder, dass Soraida und sie bis heute ein besonders enges Band verbindet.

Die kleine Mosha ist trotz ihrer inzwischen stattlichen Größe mit zwölf Jahren immer noch ein Elefantenmädchen (die Tiere sind erst mit 17 Jahren ausgewachsen). Sie hat inzwischen ihre neunte oder zehnte Prothese. Da sie noch wächst, muss auch das Hilfsmittel in Abständen immer wieder ersetzt werden. Mit erst wenigen Monaten kam sie im Krankenhaus an, wog beim Anpassen des ersten künstlichen Beins »nur« 600 Kilogramm. Heute sind es zwei Tonnen, ausgewachsen werden es um die drei sein. Zwei Drittel dieses Gesamtgewichts lasten auf den Vorderbeinen – ein Grund, warum die Prothese für Mosha sogar lebensrettend war. Denn ihr Knie des gesunden linken Beins hatte durch die Doppelbelastung schon Schäden davongetragen – ohne die innovative Lösung hätte sie darauf bald gar nicht mehr laufen können und eingeschläfert werden müssen, erklären ihre Betreuer in Lampang. Jetzt fängt die solide Konstruktion mit einem Kern aus Stahl die Belastung auf und Mosha kann sich trotz der Behinderung ihres Lebens erfreuen. In der Regel wird die Prothese zum Schlafen abgenommen: wie das Füttern eine Aufgabe für Pfleger Paladee. »Wir stehen uns sehr nahe, beinahe wie Vater und Tochter«, sagt der junge Mitarbeiter, der in seine Rolle als Mahout erst hineinwachsen musste und anfangs skeptisch war, wie er offen einräumt. Paladee ist kein Mensch vieler Worte, scheint es. Dafür ist das unsichtbare Band, das ihn und seinen jungen, schwergewichtigen Schützling verbindet, beinahe sofort spürbar.

Arbeitslose Elefanten

Noch im Jahre 1950 gab es in Thailand beachtliche 13.400 Arbeitselefanten, die vor allem in der Forstwirtschaft zum Einsatz kamen. Inzwischen ist dieser Bestand auf 2.500 Tiere gesunken. Viele weitere sind sozusagen »arbeitslos« geworden, für die hochintelligenten Dickhäuter eine Herausforderung. Es gibt einige staatliche Einrichtungen, in denen Gruppen von Elefanten versorgt werden. Um das konkrete Tierwohl, weiß Soraida Salwala kritisch zu berichten, ist es dort aber oftmals ebenso schlecht bestellt wie bei einigen Touristikunternehmen, die für Urlauber Elefantentouren anbieten. An gutem Willen fehle es hier und da durchaus nicht, räumt die FAE-Gründerin ein. Aber vielen Akteuren mangele es einfach schon an einem grundlegenden Bewusstsein für die ganz konkreten Bedürfnisse der Tiere. Und eben weil sie und ihr Team die meisten dieser Einrichtungen durchaus kritisch betrachten, schlägt ihnen von dort teils offene Feindschaft entgegen.

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Dauerpatientin Mosha bekommt von ihrem Pfleger Paladeee ein paar Leckerbissen

Das betrifft auch den direkt benachbarten staatlichen Elefantenpark. Beide Einrichtungen teilen sich die gleiche Abfahrt vom Highway – wer zum FAE-Elefantenhospital will, muss sich rechts halten. Links geht es zum staatlichen »Elephant Conservation Center«, wo auch Vorführungen stattfinden. Wer um die räumliche Trennung auf dem Gesamtareal nicht weiß, kann schnell an der falschen Stelle landen. »Wer früher nebenan nach uns fragte, bekam in der Regel falsche Auskunft. Meist in der Art, uns gäbe es gar nicht mehr.« Inzwischen gibt es zwar eine Art friedliche Koexistenz der beiden Nachbarn. Die alten Diffamierungskampagnen und regelrechten Hasstiraden hat Soraida aber keinesfalls vergessen. Wirklich normal ist das Verhältnis bis heute nicht geworden, und immer mal wieder brechen die Anfeindungen erneut durch. Andere ihrer Gegner gingen in all den Jahren noch deutlich weiter. Es gab Anschläge auf ihr Auto, und auch Morddrohungen hat die Vereinschefin von Zeit zu Zeit erhalten.

Während ein Stück entfernt Motala, Mosha und ihre Artgenossen eher träge in der Mittagshitze stehen und ein paar Gäste im Besucherzentrum ihre Neugier stillen, erzählt Soraida Salwala, wie es eigentlich zu diesem bemerkenswerten und einzigartigen Projekt gekommen ist. Schon früh entwickelte sie ein Herz für die hochintelligenten grauen Riesen. Als sie ein Kind war, etwa acht Jahre alt, gab es bei einem Familienausflug ein Ereignis, das gewissermaßen ihr Leben beeinflussen sollte. Ein Mann saß weinend am Straßenrand. Als die kleinen Soraida ihren Vater fragte, was passiert sei, erklärte er ihr, dass der Elefant des Weinenden von einem Lastwagen angefahren wurde. Ihr Vater musste damals auch auf die logische kindliche Assoziation, dass der verletzte Dickhäuter doch umgehend ins Krankenhaus gebracht werden müsse, reagieren: »Er ist doch viel zu groß. Wie sollen wir das denn machen?« Zumal es neben dem Problem der Beförderung vor der FAE-Gründung auch keine Stelle gab, die Hilfe hätte anbieten können. Kurz darauf hörte das Mädchen dann nur noch einen Knall. Der Mahout hatte das einzige getan, was noch möglich war – das Tier in einem Gnadenakt von seinem Leiden zu erlösen.

Für verrückt erklärt

Mitleidig belächelt worden ist sie häufig in ihrem Wirken, andere habe sie gerade in der Anfangszeit gleich für verrückt erklärt. Und in der Tat ist es aufgrund der Größe und des Körpergewichts der Patienten oftmals nicht gerade leicht, sie zu behandeln. Mitunter könnte es deutlich einfacher, kostengünstiger und effektiver sein, Dr. Preecha Phaungkum, den Chefveterinär des Dickhäuterhospitals, oder dessen Kollegen zu einem verletzten Tier irgendwo in den Weiten des Landes zu bringen. Doch nicht jede medizinische Behandlung in großer Entfernung ist mit ambulanten Einsätzen angemessen zu leisten. Ein »stationärer Aufenthalt« bleibt oft ohne Alternative.

Gleichwohl kranke Thailand daran, dass es praktische Schutzvorschriften für die Elefanten im Grunde nicht gibt, wie die Aktivistin sagt. Selbst nach mehr als zwei Jahrzehnten des Anmahnens konnte sie bei den politisch verantwortlichen Stellen höchstens ein rudimentäres Bewusstsein für das Problem erzeugen. Immerhin empfing sie im Dezember Premier Prayuth Chan-ocha, den Chef der Militärjunta in Bangkok. Ziel der FAE-Gründerin ist ein allgemeingültiges Regelwerk für den artgerechten Umgang mit Thailands noch verbliebenen Elefanten. Vor allem für die vielen Tiere in der Forstwirtschaft, die mit dem Verbot des kommerziellen Holzeinschlags 1989 ihre bisherige Beschäftigung verloren haben. Eines steht für Soraida und ihre Mitstreiter außer Frage: Als Touristenattraktion in Städte, um mit irgendwelchen Auftritten etwas Geld für sich und ihren Mahout zu erbetteln, gehören die Tiere jedenfalls nicht.

Beim Verlassen des FAE-Geländes fällt der Blick noch einmal auf die beiden Schilder am Parkplatz. Das eine ist das Vereinslogo und zeigt stilisiert eine glückliche Elefantenfamilie. Das andere ist das Bild eines kleinen Elefanten, der einen Verband um den Kopf trägt und ein Rotkreuzfähnchen mit dem Rüssel umfasst, während eine Träne von der linken Wange rinnt. »Please help me!«, heißt es dazu. In der Tat gibt es heutzutage, anders als noch in Soraidas Kindheitstagen, Hilfe. Schon 4.000 Patienten konnten seit der Projektgründung versorgt werden. Die meisten wurden ambulant behandelt, vielen konnte aber auch mit einem kürzeren oder längeren Aufenthalt auf dem Krankenhausgelände geholfen werden.

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