Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. Juli 2019, Nr. 166
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Aus: Ausgabe vom 01.06.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Nazibesatzung Italien

Das Haus des Schreckens

Das Museum der Befreiung in der Via Tasso erinnert an den Widerstand gegen die Terrorherrschaft der Nazis in Rom
Von Nick Brauns
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Historische Dokumente am Ort des Geschehens: Das Museum der ­Befreiung Roms

Die Via Tasso ist heute eine unscheinbare Straße mit Wohnhäusern im gutbürgerlichen Esquilino-Viertel von Rom, wenige Gehminuten von den Touristenströmen um die päpstliche Lateranbasilika. Bei dem Straßennamen »Via Tasso« sei es den Römern »kalt den Rücken heruntergelaufen«, schrieb die römische Adlige Marchesa Fulvia Ripa di Meana, die enge Verbindungen zum königstreuen Widerstand hatte, in ihren Erinnerungen über die Zeit der neunmonatigen deutschen Besatzung der »ewigen Stadt« im Zweiten Weltkrieg. In einem Ende der 30er Jahre erbauten fünfgeschossigen Wohnhaus mit den Nummern 145–155 befand sich damals die Zentrale der »Sicherheitspolizei« (Sipo) und des SS-»Sicherheitsdienstes« (SD). Ihr Cousin, Oberst Giuseppe Montezemolo, war als Leiter der Geheimen Militärfront und Verbindungsmann zu den Alliierten selbst in der Via Tasso gefangen und dort schwer gefoltert worden. Seine Zelle ist heute im Originalzustand im Historischen Museum der Befreiung Roms zu sehen. Dieses staatliche Museum wurde 1957 auf drei Stockwerken in den Räumlichkeiten der ehemaligen Folterzentrale der Nazis eröffnet. Es bildet heute zusammen mit den Ardeatinischen Höhlen den wichtigsten Gedenkort an die Schrecken der Besatzungszeit in Rom.

Offene Stadt

Nach dem Sturz des faschistischen Diktators Benito Mussolini durch einen Palastputsch im Juli 1943 hatte die neu gebildete Regierung unter Marschall Pietro Badoglio Rom zum Schutze der Zivilbevölkerung und der Kulturgüter zur »offenen Stadt« erklärt. Dieser Begriff bezeichnet im Kriegsrecht einen Ort, der nicht verteidigt wird und daher weder angegriffen noch bombardiert werden darf. Doch unmittelbar nach dem Waffenstillstand der Regierung Badoglio mit den Alliierten rückte die Wehrmacht in Rom ein. An der ehemaligen Stadtgrenze an der Porta San Paolo lieferten sich am 10. September 1943 Zivilisten, Partisanen und Teile der italienischen Armee einen aussichtslosen Kampf mit den überlegenen deutschen Truppen, dem fast 600 Verteidiger zum Opfer fielen.

Entsprechend der Regelung als offene Stadt wurde die Wehrmacht nach der Einnahme Roms wieder abgezogen, doch es blieb die zur Polizeitruppe erklärte SS. Die Terrorherrschaft der Nazis in Rom war eng mit den Namen des Kommandanten der Sicherheitspolizei und des SD-Obersturmbannführers, Herbert Kappler, und seines Untergebenen, Erich Priebke, verbunden. Der 1907 in Stuttgart geborene Kappler gehörte seit 1931 der NSDAP und der SS an. 1939 wurde er Verbindungsbeamter zur italienischen Polizei in Rom und ab 1942 Polizeiattaché an der deutschen Botschaft. Kapplers Attachébüro befand sich bereits in dem Gebäude in der Via Tasso. Nach dem Ausbau des Hauses zur Zentrale der Sicherheitspolizei blieben die Fensterläden stets geschlossen. Bewohner der gegenüberliegenden Gebäude durften ihre Häuser nur noch durch den Hintereingang betreten. Im heutigen Museum wurden die meisten Räume im Originalzustand belassen, mit alten Wohnzimmertapeten, vergitterten Zellentüren und teilweise zugemauerten Fenstern. Die Zelle, in der Montezemolo gefangen war, ist anhand ihrer gekachelten Wände noch als ehemalige Küche zu erkennen. »Mir ist es am wichtigsten, dass das hier ja eigentlich kein Museum, sondern der echte Ort ist, an dem die Ereignisse stattfanden. Wir haben in Italien nur wenige solcher authentischer Erinnerungsorte«, betont Giovanna Valori die Bedeutung des Hauses. Die 78jährige pensionierte Englischlehrerin gehört zu einem Kreis vorwiegend älterer Damen, die das Museum betreuen und Besucher herumführen. Neben italienischen Schulklassen kommen regelmäßig US-amerikanische Studenten, die in der Bibliothek und dem Archiv des Museums recherchieren. Das magere staatliche Budget reicht gerade mal für eine hauptamtlich angestellte Wärterin. Alle anderen einschließlich des Direktors sind ehrenamtlich tätig. Hilfe erhalten sie auch von unerwarteter Seite: Der Verband der Carabinieri im Ruhestand unterstützt das Museum – im Gedenken an über 600 Angehörige dieser damals königstreuen Polizeitruppe, die nach ihrer von Kappler befohlenen Deportation in Arbeits- und Konzentrationslagern ihr Leben verloren hatten.

In einem Trakt des Museums befindet sich heute eine Ausstellung zum Schicksal der römischen Juden. Kappler hatte 50 Kilogramm Gold als Schutzgeld von der jüdischen Gemeinde erpresst und dafür zugesagt, den Juden der Stadt werde kein Leid geschehen. Doch am 16. Oktober 1943 durchkämmten Ordnungs- und Sicherheitspolizei das Ghetto am Tiber. 1.259 Juden, vor allem Frauen und Kinder, wurden verhaftet. »Judenaktion heute nach büromäßig bestmöglichst ausgearbeitetem Plan gestartet und abgeschlossen«, meldete Kappler per Funk an seinen Vorgesetzten. Zwei Tage später wurden die Inhaftierten vom Bahnhof Tiburtina aus in Viehwaggons in das Vernichtungslager Ausschwitz abtransportiert. Fast keiner der Verschleppten überlebte die Schoah.

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Museumsführerin ­Giovanna Valori erklärt die Geschichte des ­Hauses

Resistenza

Unmittelbar nach der Besatzung Roms hatten sich sechs italienische Parteien – von den Kommunisten bis zu den Christdemokraten – zum Komitee der Nationalen Befreiung (CLN) zusammengeschlossen, um den bewaffneten und politischen Kampf gegen die Nazibesatzung und kollaborierende italienische Faschisten aufzunehmen. Unabhängig vom CLN operierte die aus königstreuen Soldaten gebildete und der Badoglio-Regierung verpflichtete Geheime Militärfront. In einigen römischen Vororten gelang es den Kräften des Widerstandes vorübergehend, die Kontrolle zu übernehmen. So kam es gegen die von den Besatzern verfügte Brotrationierung im April 1944 zu Protesten durch Frauen in Arbeitervierteln, die erst abebbten, als die SS willkürlich zehn Frauen nach der Plünderung einer Bäckerei für Wehrmachtsangehörige erschoss.

Die Resistenza reichte von der Verbreitung illegaler antifaschistischer Zeitungen über das Hinausschleusen von Juden aus der Stadt mittels falscher Papiere bis hin zu bewaffneten Angriffen auf die Besatzer. In einer Vitrine des Museums befinden sich dreizackige Nägel, wie sie von den Partisanen auf die Straße gestreut wurden, um die Reifen der deutschen Militärfahrzeuge zum Platzen zu bringen. Flugblätter, Plakate und Zeitungen verdeutlichen die Breite der Widerstandsbewegung, die von Monarchisten bis zu Linksradikalen reichte. So gab es neben der starken Kommunistischen Partei Italiens (PCI) auch die »Bewegung der Katholischen Kommunisten«. Und in einigen proletarischen Vororten Roms verfügte die »Kommunistische Bewegung Italiens« über Einfluss. In ihrer Zeitung Bandiera Rossa warf diese trotzkistisch beeinflusste Strömung dem PCI wegen dessen Bündnis mit patriotischen bürgerlichen und adeligen Kreisen Verrat an der klassenkämpferischen Agenda vor.

Die Widerstandskämpfer konnten sich unter der Bevölkerung wie die Fische im Wasser bewegen. »Die eine Hälfte der Stadt hielt die andere Hälfte verborgen«, erklärt Museumsführerin Giovanna Valori. Kapplers Hauptinteresse galt daher der Aufdeckung und Zerschlagung der Untergrundnetzwerke. Mehr als 2.000 Untersuchungsgefangene, darunter 350 Frauen, wurden zum Verhör in die Via Tasso gebracht. Anschließend wurden die Gefangenen zum zentralen Gefängnis Regina Coeli im Stadtviertel Trastevere überstellt oder auch direkt vor das Kriegsgericht gestellt und im Forte Bravetta hingerichtet. Im Museum erinnern zahlreiche Bildtafeln, Fotos und Vitrinen mit persönlichen Gegenständen an das Schicksal einzelner Angehöriger des Widerstandes. Erhalten geblieben ist ein Brotlaib, auf dessen Rinde der zum Tode verurteilte Partisan Ignazio Vian als letzten Gruß »Mutter sei mutig« geschnitzt hatte. Auf einen Strumpf sind die Worte »Mut, Liebe, Küsse« gestickt.

Eine Bildtafel erinnert an Teresa Gullace. Die 36jährige fünffache Mutter wurde von einem deutschen Soldaten erschossen, als sie ihrem Verlobten Brot und Zigaretten ins Gefängnis bringen wollte. In Roberto Rossellinis Film »Rom, offene Stadt« über die Zerschlagung einer römischen Widerstandsgruppe wurde ihr von der großartigen Anna Magnani in der Rolle der Pina ein schauspielerisches Denkmal gesetzt. Auch eine weitere Hauptfigur dieses bereits kurz nach der Befreiung 1944 gedrehten Films, der katholische Geistliche Don Pietro, hatte mit dem in der Via Tasso inhaftierten und im April 1944 ermordeten Don Morosini ein reelles Vorbild. Für Besuchergruppen wird Rossellinis Meisterwerk des Neorealismus regelmäßig in der Via Tasso vorgeführt.

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Erinnerung an die ­Befreiung vom ­Faschismus in der Via Tasso

Die Wände sprechen

In den Isolationszellen, in die die Gefangenen nach den Verhören zurückkehrten, sprechen die Wände. Denn sie sind übersät mit Nachrichten, die Gefangene mit spitzen Gegenständen oder Fingernägeln in den Putz geritzt haben. Grüße an die Familien finden sich hier ebenso wie patriotische Aussprüche gefangener Militärs, Gebete oder Zitate aus Dantes »Inferno«. Mit Strichkalendern haben Gefangene ihre Haftzeit notiert, andere haben Kreuze, das Wort Jesus oder jüdische Symbole in die Mauern gekratzt, um sich und den nachfolgenden Gefangenen Hoffnung zu machen. Der Schriftzug »England forever« und eine daneben geritzte britische Fahne sind Hinweise, dass gefangene britische Agenten in der Via Tasso verhört wurden. Die Zeichnung eines Hasen warnt vor einen Spitzel mit dem Spitznamen Coniglio (Kaninchen). »Ich glaube an Gott und Italien, an die Wiederauferstehung der Märtyrer und Helden. Ich glaube an die Wiedergeburt des Landes und die Freiheit des Volkes«, schrieb der zu den Partisanen übergegangene Artillerieleutnant Arrigo Paladini an die Wand der Isolationszelle Nummer 2. Als Verbindungsmann zu den Alliierten war Paladini am 4. Mai 1944 in die Fänge der SS geraten. Als die alliierten Truppen schon vor der Stadt standen, ordnete die SS den Abtransport der Gefangenen in drei Lastwagen aus der Via Tasso nach Verona an. 14 Gefangene aus zwei Lastwagen wurden während dieses Rückzuges massakriert. Der dritte Lkw hatte eine Panne, so dass Paldini und weitere Gefangene in ihre Zellen zurückgebracht wurden. Am folgenden Tag konnten sie nach der Flucht der letzten SS-Männer von der Bevölkerung befreit werden. Paladini, der nach dem Krieg als Hochschullehrer für Philosophie und Geschichte arbeitete, leitete ab 1985 das Museum in der Via Tasso, ihm folgte nach seinem Tod 1991 seine Frau Elvira Sabbatini als Direktorin nach.

Die Bombe in der Via Rasella

Der PCI hatte »Patriotische Aktionsgruppen« (GAP) ins Leben gerufen, die in unabhängigen Kleingruppen als Stadtguerilla neben Sabotageaktionen gegen die Infrastruktur auch direkte Angriffe auf die Besatzungstruppen und ihre faschistischen Kollaborateure durchführten. So griffen die GAP im Dezember 1943 das deutsche Kommando im Hotel Flora in der Via Veneto an und am 10. März 1944 töteten sie mit selbstgebauten Handgranaten mehrere Faschisten während einer Parade. Am 23. März 1944 – dem Jahrestag der Gründung der faschistischen Schwarzhemden – gelang den römischen GAP in der Via Rasella ihre erfolgreichste und für den Widerstand zugleich folgenschwerste Aktion. Der als Straßenkehrer verkleidete GAP-Militante Rosario Bentivegna zündete beim Vorbeimarsch eines Bataillons des aus Südtirol stammenden SS-Polizeiregiments »Bozen« eine in seinem Müllwagen verborgene Bombe aus zwölf Kilogramm Sprengstoff mit Eisenschrott. Weitere Partisanen warfen anschließend Handgranaten. 33 Polizisten und zwei unbeteiligte Zivilisten starben in Folge des Anschlags, 45 Polizisten wurden schwer verwundet. Die GAP-Kämpfer konnten sich ohne Verluste zurückziehen. Partisanen gaben später an, sie hätten gehofft, mit dem Anschlag und der Empörung über die absehbare deutsche Vergeltung die römische Bevölkerung zum Volksaufstand zu bewegen. In der Tat forderte Kappler von der deutschen Armeeführung drakonische Rache. Mit dem Befehlshaber der 14. Armee, General von Mackensen, vereinbarte er, für jeden getöteten SS-Mann zehn Italiener erschießen zu lassen. Willkürlich wurden 335 Gefangene ausgewählt, fünf mehr als angefordert. Unter den Geiseln befanden sich fünf Generäle und elf hohe Offiziere einschließlich Oberst Montezemolo. Anhänger der Bandiera-Rossa-Strömung waren unter kommunistischen Gefangenen überproportional stark vertreten. Schließlich wurden noch 75 zur Deportation bestimmte Juden auf die Todesliste genommen, um die geforderte Quote zu erfüllen. Am 24. März erschossen SS-Kommandos die Geiseln in den Ardeatinischen Höhlen, einem Steinbruch am Stadtrand. Kapplers Gehilfe Priebke tötete eigenhändig ein Dutzend Gefangene. Die grauenvolle Rache hätte in keiner Weise verhindert werden können.

In einer am späten Abend von der Presseagentur Stefani verbreiteten Meldung des deutschen Kommandos hieß es, um »die Tätigkeiten dieser Banditen zu unterbinden«, sei befohlen worden, »für jeden getöteten Deutschen, zehn badoglianische Kommunisten« zu erschießen. Die Nachricht endete mit dem Satz »Der Befehl wurde bereits ausgeführt«. Zugleich wurde angekündigt, was bei derartigen Widerstandsakten in Zukunft drohen würde. Um die Spuren ihres Verbrechens zu verwischen, hatte die SS die Tuffsteinhöhlen gesprengt. Doch der Ort des Massakers drang an die Öffentlichkeit, und monatelang hielten Angehörige Wache vor den Höhlen. Die Leichen konnten erst nach der Befreiung geborgen und beerdigt werden. In der Via Tasso erinnert ein ganzer Raum an dieses wohl bekannteste deutsche Kriegsverbrechen in Italien. Innerhalb der Resistenza löste die massive Vergeltung der Nazis eine Debatte darüber aus, wie bewaffnete Aktionen gegen die Besatzer mit dem Schutz der Zivilbevölkerung in Einklang gebracht werden können. In der Praxis lähmte und schwächte das SS-Massaker den Widerstand in Rom so sehr, dass sich die Stadt anders als die norditalienischen Städte nicht selbst befreien konnte.

Als sich die alliierten Truppen am 3. Juni 1944 bereits vor den Toren Roms befanden, verließen die SS-Schergen überstürzt ihre Zentrale in der Via Tasso. Am folgenden Tag stürmte die Bevölkerung das Gebäude und befreite die letzten Gefangenen aus ihren Zellen. Als Gegenstück zur ausgestellten weißen Fahne, mit der Montezemolo am 10. September 1943 die deutschen Linien überschritt, um mit Generalfeldmarschall Albert Kesselring den Status Roms als offene Stadt zu verhandeln, erscheint so im letzten Raum des Museums die am Tag der Befreiung Roms, am 4. Juni 1944, auf dem Kapitol gehisste grün-weiß-rote Trikolore.

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