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Aus: Ausgabe vom 06.05.2019, Seite 2 / Inland
1. Mai in Berlin-Grunewald

»Villenviertel ist für uns Problembezirk«

Protest im »Reichenghetto«: Tausende demonstrieren am Tag der Arbeit in Berlin-Grunewald. Ein Gespräch mit Elenos
Interview: Jan Greve
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Demonstration in Berlin-Grunewald am 1. Mai 2019

Zum zweiten Mal in Folge wurde am 1. Mai im Berliner Villenviertel Grunewald demonstriert. Wie kam es dazu?

Wir hatten uns vor geraumer Zeit zusammengesetzt und festgestellt, dass der Grunewald ein Problembezirk ist. Dort hat sich Vermögen auf eine sehr ungesunde Art akkumuliert, es herrscht Wohlstandsverwahrlosung. Wir beschlossen: Da müssen wir ran und das Viertel wieder in die Stadt »integrieren«. Daraufhin haben wir das »Quartiersmanagement Grunewald« gegründet.

Wie haben die Anwohner darauf reagiert?

Sehr unterschiedlich. Es gab einerseits Ablehnung, andererseits aber auch Leute, die bei der Demo im vergangenen Jahr Wein ausgeschenkt und uns willkommen geheißen haben. Insgesamt überwog die Irritation über unser Anliegen.

Um aus den Erfahrungen der letztjährigen Demo, die unter dem Motto »Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg« stand, zu lernen, wurde für 2019 ein »friedliches Bürgerfest« ins Leben gerufen – angelehnt an die letztjährige Kreuzberger Partymeile »MyGörli« hieß es nun »MyGruni«.

Uns geht es darum, Unverhältnismäßigkeiten aufzuzeigen. 2018 wurde bei unserer Demo Konfetti geworfen und wurden Sticker verklebt, wie es in Neukölln oder Kreuzberg beinahe jeden Tag passiert. Im Grunewald wurde das gleich zur Sachbeschädigung erklärt, sogar von Landfriedensbruch war die Rede. Daher kam die Idee, in diesem Jahr zur »Befriedung« der »Krawalle« aufzurufen. Auf diese paternalistische Sprache, die in bezug auf ärmere oder »problembehaftete« Stadtteile benutzt wird, wollten wir hinweisen und haben sie daher auf das reiche Villenviertel angewandt.

In dem Zusammenhang ist auch der Begriff »Quartiersmanagement« interessant. An diesen Einrichtungen gibt es immer wieder Kritik, weil sie im Sinne einer neoliberalen Stadtpolitik Aufwertung und Verdrängung ärmerer Menschen vorantreiben. Wie sehen Sie das?

Der Logik folgend gibt es Quartiersmanagement immer dort, wo Probleme sind. Betroffen davon sind in der Regel Leute mit wenig Geld, die in prekären Verhältnissen leben. Unser Anliegen ist es, diese Sicht zu ändern. Nicht arme Menschen sind das Problem, sondern der extrem ungerecht verteilte Reichtum. Das macht das Villenviertel für uns zum Problembezirk.

Wenn auf der einen Seite aufgewertet wird, wollen Sie dann Abwertung vorantreiben?

Das würde ich so nicht sagen. Unser Motto ist: Krieg den Hütten, Paläste für alle.

In einer Mitteilung von Ihnen war von Schikanen der Polizei zu lesen. Was ist passiert?

Die Polizei hatte angekündigt, sich kooperativ zu verhalten, hielt sich aber nicht daran. Von Anfang an wurde unsere vollkommen friedliche Demo sabotiert. Wegen Nichtigkeiten wurden Platzverweise erteilt, gegen die wir juristisch vorgehen werden. Während im sächsischen Plauen die faschistische Partei [»Der III. Weg«] am 1. Mai mit Fackeln aufmarschierte, wurde Teilnehmern unseres Protestzugs wegen kindersicherer Bastelscheren oder Aufklebern in ihren Rucksäcken das Demonstrieren untersagt.

Wie muss man sich den Charakter Ihrer Veranstaltung vorstellen, zu der unter anderem die »Hedonistische Internationale« aufrief? Ging es da in erster Linie um Spaß, weniger um politische Forderungen?

Es geht darum, die Dinge miteinander zu verbinden: In der Protestform soll das gute Leben, für das man kämpft, schon enthalten und ersichtlich sein. In meiner Wahrnehmung gab es sehr viel politischen Inhalt bei der Demo. Es gab zwischen 20 und 30 Redebeiträge, verschiedene Initiativen waren vertreten, etwa Leute aus der bedrohten Neuköllner Kiezkneipe »Syndikat« oder von der Mietergemeinschaft »Kotti und Co«. Es ging insbesondere um die Wohnungsnot in der Stadt, das »Mietenwahnsinn«-Bündnis war mit einem eigenen Wagen vertreten. Klar, viele Aussagen auf den Schildern und Transparenten waren mit einem Augenzwinkern versehen. Aber die Forderungen waren eindeutig, etwa die nach einer radikalen Vermögensverteilung oder nach Enteignungen.

Im Grunewald traf man sich um 13 Uhr, fünf Stunden später startete in Friedrichshain die »Revolutionäre 1.-Mai-Demo«. Wurde sich daran von Ihrer Seite kollektiv beteiligt?

Wir waren mehr als 7.000 Menschen, von denen viele auch nach Friedrichshain gefahren sind. Als Organisatoren sind wir im Grunewald geblieben und haben aufgeräumt. Wir sehen uns als ein Teil der Bewegung für geringe Mieten und eine gerechte Verteilung von Reichtum, nicht als Konkurrenz zu anderen Gruppen.

Hinweis der Redaktion:

In einer früheren Version war von der Partei »Die Rechte« die Rede, die durch Plauen marschiert sei. Es handelte sich aber um die Partei »Der III. Weg«.

Elenos ist Teil des »­Quartiersmanagements Grunewald«

mygruni.de

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