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Aus: Ausgabe vom 06.05.2019, Seite 1 / Titel
Naher Osten

Neue Welle der Gewalt

Konflikt um Gaza: Bis Sonntag vormittag elf Palästinenser und drei Israelis getötet. Kriegsgefahr zu Beginn des Ramadan steigt
Von Knut Mellenthin
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»Massive Militärschläge« angeordnet: Israelischer Luftangriff auf Gaza am Freitag abend

Die israelischen Streitkräfte bereiten sich auf den nächsten Krieg im Gazastreifen vor. Es wäre der vierte nach ihren Feldzügen in den Jahren 2008/2009, 2012 und 2014. Premierminister Benjamin Netanjahu gab am Sonntag morgen nach einer Krisensitzung bekannt, dass er eine Fortsetzung der »massiven Militärschläge gegen die Terrorkräfte« in dem langgezogenen, nur 365 Quadratkilometer großen Gebiet angeordnet habe. Neben der Luftwaffe kommen auch Panzer und Artillerie zum Einsatz, die jeden Punkt des maximal 14 Kilometer breiten Areals an der Küste des Mittelmeers beschießen können. Netanjahu teilte außerdem mit, dass er die Streitkräfte angewiesen habe, ihre »militärische Präsenz« am Gazastreifen zu verstärken. Neben einer zusätzlichen Panzerbrigade wurden am Wochenende auch weitere Infanterietruppen an die Grenze verlegt.

Die Konfrontation zwischen Israel und den bewaffneten Organisationen im Gebiet von Gaza ist damit zum Beginn der islamischen Fastenzeit Ramadan eskaliert. Bis Sonntag vormittag hatten die zuständigen israelischen Dienststellen mehr als 450 Raketenabschüsse der Gegenseite gemeldet. Die Zahl der von ihnen aus der Luft oder durch Panzer- und Artilleriebeschuss angegriffenen »Terrorziele« gaben die Streitkräfte zu diesem Zeitpunkt mit über 220 an. Bis dahin waren im Gazastreifen nach Aussagen der palästinensischen Gesundheitsbehörden elf Menschen getötet und etwa 50 verletzt worden. Unter den Toten waren laut Al-Dschasira eine schwangere Frau und ihre ein Jahr alte Nichte. In Israel waren drei Männer durch Raketen gestorben, während die Zahl der Verletzten mit 83 angegeben wurde. Die drei Getöteten hatten in der Stadt Aschkelon gelebt, die weniger als 20 Kilometer nördlich des Gebiets von Gaza liegt.

Die gegenseitigen schweren Angriffe waren angeblich durch einen Zwischenfall an der Grenze ausgelöst worden, der sich am Freitag abend ereignet hatte. Zunächst hatten israelische Soldaten zwei Teilnehmer der Proteste erschossen, die seit über einem Jahr an fast jedem Freitag am Grenzzaun stattfinden. Später soll ein palästinensischer Scharfschütze zwei israelische Soldaten angeschossen haben. Tel Aviv reagierte mit »Vergeltungsschlägen« seiner Luftwaffe auf willkürlich gewählte »Terrorziele«, bei denen zwei Kämpfer der Hamas getötet wurden. Das leitete die Eskalation gegenseitiger Attacken ein.

Ob diese durch Absprachen zwischen den Gegnern rasch wieder eingedämmt werden können, wie es in manchen früheren Fällen und auch in den letzten Monaten bis zum Ausbruch der gegenwärtigen Kämpfe der Fall war, ist ungewiss. Ägypten, genauer gesagt dessen Geheimdienst, hat sich nicht zum ersten Mal als Vermittler eingeschaltet. Auf israelischer Seite fordern aber viele relevante Politiker, die Angriffe so lange fortzusetzen, »bis die Abschreckung wiederhergestellt ist«. Zu ihnen gehört Oppositionsführer Benjamin Gantz, der 2011 bis 2015 Generalstabschef der israelischen Streitkräfte war.

In Tel Aviv sollen unterdessen am 14. Mai die Vorentscheidungen des Gesangswettbewerbs »Eurovision Song Contest« beginnen, dessen Finale für den 18. Mai geplant ist. Einige palästinensische Organisationen haben Raketenangriffe auf die Showveranstaltungen angedroht. Allerdings ist bisher kein Fall bekannt, in dem eine Rakete aus dem Gazastreifen die rund 70 Kilometer entfernte Großstadt Tel Aviv getroffen hat.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Günter Dieckmann: Mit Trump im Rücken Es war nur noch eine Frage der Zeit und abzusehen, wann Netanjahu gegen Palästina wieder militärisch vorgeht. Er hat ja Trump als seinen Freund und Verbündeten hinter sich. Ich und sicher auch viele M...
  • Peter Richartz, Solingen: Verräterische Bilder Vom Gazastreifen schössen militante Palästinenser Hunderte Raketen auf Israel, die viele Häuser getroffen hätten, so berichten die Nachrichtensprecher. Gezeigt wird ein Haus mit mehreren Einschussstel...

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