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Aus: Ausgabe vom 04.05.2019, Seite 8 / Inland
Abschiebung vor Hochzeit

»Farhads Rückkehr klappte, weil wir gekämpft haben«

Afghane trotz bevorstehender Hochzeit aus Bayern abgeschoben. Verlobte setzte sich erfolgreich für ihn ein. Gespräch mit Sarah S.
Interview: Gitta Düperthal
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Protest gegen eine Abschiebung nach Afghanistan am Flughafen Frankfurt am Main (14. Dezember 2016)

Aus Bayern, dem »Familienland« laut CSU, werden Menschen ins Kriegsgebiet Afghanistan abgeschoben. Deren familiäre Situation spielt dabei offenbar keine Rolle. Sie und Ihr heutiger Mann Farhad S. standen im Herbst 2017 kurz vor der Heirat, als er nach Kabul abgeschoben wurde. Wie kam es dazu, und wie haben Sie es geschafft, dass er im Dezember 2018 wieder nach Deutschland einreisen konnte?

Damals, im Oktober 2017, hatten wir alle Papiere zusammen, sie lagen beim Standesamt vor. Farhads Asyl war abgelehnt worden. Mit der Begründung, vor unserer Eheschließung müsse das Landeskriminalamt Farhads Geburtsurkunde prüfen, wurde er abgeschoben. Dabei hatten wir der Ausländerbehörde mitgeteilt, dass er in Afghanistan niemanden mehr kennt. Seine Familie war von dort schon vor langer Zeit geflohen, in den Iran und nach Europa. Für uns als verliebtes Paar war es unglaublich hart, von unserem Anwalt zu erfahren, dass die Einreisesperre für ihn drei Jahre dauern würde und bestenfalls auf ein Jahr gedrückt werden könne. Farhads Rückkehr klappte, weil wir dafür gekämpft haben.

Was haben Sie unternommen?

Ich schickte Schreiben an den damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière, CDU, und an seinen Nachfolger Horst Seehofer, CSU. Im Antwortschreiben, unterzeichnet von Seehofers Parteikollegen und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, hieß es: Wenn wir wirklich an der Eheschließung festhalten wollten, könne Farhad ja wieder nach Deutschland einreisen. Wenn das nur so einfach wäre! Als ich im September 2018 im Landtag war, hieß es seitens der CSU-Politiker lapidar, Farhad sei doch schon wieder auf dem Weg zurück. Wie steinig dieser war, interessierte sie nicht. Zusätzlich machte uns die Ausländerbehörde das Leben mit Bürokratie schwer. Ständig waren neue Papiere herbeizuschaffen.

Was hat Ihr Mann nach der Abschiebung erlebt?

Nachdem Farhad nach Kabul gebracht worden war, konnte er dort keinen Kontakt mit der Deutschen Botschaft aufnehmen – die war im Mai 2017 zerbombt worden. Er musste durch Taliban- und Dschihadistengebiet über die Grenze nach Pakistan, um in der dortigen Deutschen Botschaft das Visum für die Rückreise zu beantragen. Ich hatte unfassbare Angst um ihn. Er konnte in Afghanistan kaum vor die Tür. Jederzeit hätte eine Bombe hochgehen können. Oder der Boden wackelte noch, weil gerade eine explodiert war.

Welche finanzielle Belastung ist entstanden?

Wir sind komplett verschuldet. Kosten der Abschiebung nach Afghanistan in Höhe von 6.000 Euro sind uns in Rechnung gestellt worden. Der Flug startete nicht in München, sondern in Leipzig. Bewacht von sieben Polizisten wurde Farhad von der Abschiebehaft in Eichstädt im Bus dorthin gefahren. Unser Anwalt aus Nürnberg berechnete 1.000 Euro für seine Arbeit – ohne ihn wären wir aufgeschmissen gewesen. Zuvor hatten andere Anwälte jeweils ein Beratungsgespräch à 150 Euro plus Mehrwertsteuer veranschlagt, ohne uns letztlich weiterhelfen zu können. Kosten entstanden für Papiere, Ledigkeitsbescheinigung, Ehefähigkeitszeugnis, Geburtsurkunde, Visa und vieles mehr. Hier 300 Euro für den Dolmetscher, dort 150 für den Notar. Urkunden aus Afghanistan, die 500 US-Dollar kosteten, mussten her. Flüge hin und her waren zu finanzieren, ebenso wie Farhads Hotelaufenthalt in Afghanistan. Seinen Rückflug nach Deutschland von etwa 500 Euro hat dann der Bayerische Flüchtlingsrat bezahlt. Kurz vor der Abschiebung ging es vor das Bundesverfassungsgericht. Die Kosten dafür übernahm die Organisation »Pro Asyl«.

Welche weiteren Konsequenzen hat die staatliche Verfolgung?

Wenn der Postbote klingelt, hat Farhad Angst, die Polizei könnte wieder vor der Tür stehen und ihn holen. Wir warten immer noch auf seine Aufenthaltsgenehmigung: Zur Zeit läuft eine Sicherheitsüberprüfung, um einen terroristischen Hintergrund bei ihm auszuschließen.

Sarah S. (Name von der Redaktion verändert) konnte ihren nach Afghanistan abgeschobenen Verlobten wieder nach München zurückholen. Beide heirateten Ende Januar.

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