Gegründet 1947 Donnerstag, 18. Juli 2019, Nr. 164
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Kristall und Zensur

Krzysztof-Zanussi-Retrospektive in Berlin
Von Alexander Reich

Krzysztof Zanussi ist eine Legende des polnischen Autorenfilms, dabei ein charmanter, witziger Typ ohne Allüren. Beim 14. »Film Polska«-Festival in Berlin ist ihm eine Retrospektive gewidmet. Zu deren Eröffnung kam der Meister am Freitag ins Zeughauskino. Dort lief sein Spielfilmdebüt »Die Struktur des Kristalls« (1969) über zwei befreundete Physiker, die konträre Lebenswege eingeschlagen haben. Während der eine Weltkarriere macht, hat sich der andere aufs Land zurückgezogen, wo er ein unkomfortables, für den Freund ereignisloses Leben führt. Er ist es zufrieden, was der andere kaum fassen kann.

Ob er in seinen bald 80 Lebensjahren eine Synthese aus diesen gegensätzlichen Entwürfen gefunden habe, wäre eine schöne Frage an Zanussi gewesen, statt dessen ging es im Gespräch nach dem Film wieder mal um Zensur. »Viele Kollegen im Westen sagten: ›Es muss schön sein, wenn ein Erster Minister solche Probleme mit deinen Filmen hat‹«, erinnerte sich Zanussi, und lobte die polnische Einrichtung einer Zensurzentrale (mit Telefonnummer), bei der man nicht allein aufkreuzen musste, man ging gruppenweise dahin, Zanussi mit den Kollegen vom »Filmstudio Tor«, dem etwa auch Krzysztof Kieslowski angehörte.

»Wir sind nicht in der Renaissance«, heißt es in »Struktur des Kristalls« an einer Stelle, da geht es um den Wandel der Vorstellungen von Unendlichkeit seit der Antike. Vor dem Besuch der Filmhochschule in Lodz hatte Zanussi Physik in Warschau und Philosophie in Krakau studiert – er kommt einem Universalgelehrten schon recht nahe, spricht ja auch mehr als acht Sprachen. Französisch und Englisch hätten in seiner Jugend als »imperialistische Sprachen« gegolten, erklärte er auf Nachfrage in Berlin. Er habe sich das am Radio selbst beigebracht. Latein galt als unverdächtig. Russisch war Pflicht, hatte aber einen schlechten Ruf. »Du bist kein guter Patriot«, habe er sich mehr als einmal anhören müssen. »Ein guter Patriot spricht schlecht Russisch.« Sein Vater habe das als völligen Quatsch bezeichnet, er sei heute glücklich, auf seinen Vater gehört zu haben.

Es ging dann noch um die Kürze seines Debüts: 74 Minuten, gerade mal so ein Langfilm. Die erste Schnittfassung war mehr als zwei Stunden lang, offenbarte Zanussi. Als er sie sah, war sein einziger Gedanke: »So langweilig darf Kino nicht sein!« Sein Chef habe den Film aufgeben wollen, »er war nicht teuer« – ließ sich dann aber zusammenkürzen, auf ein »erträgliches Maß«, wie er hoffe. Mehr Understatement geht nicht. »Die Struktur des Kristalls« ist überhaupt nicht anstrengend, klärt die Sinne und erzählt einem mehr über das eigene Leben als die Jahresproduktionen aus Hollywood und von Arte zusammen.

Retrospektive noch bis 3.5. im Zeughauskino, Unter den Linden 2, Berlin-Mitte

Ähnliche:

  • Der Geigenspieler (1928), Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm, Muzeum ...
    25.04.2019

    Der hebräische Rembrandt

    Den Nazis galt seine Kunst als »entartet« – vor 70 Jahren starb der polnische Maler Jankel Adler im Londoner Exil
  • Ausgewiesene Juden im November 1938 an einer Suppenküche in Zbas...
    06.08.2018

    »10,– durfte ich mitnehmen«

    Eine Ausstellung in Berlin erinnert an sechs jüdische Familien, die vor 80 Jahren im Rahmen der »Polenaktion« der Nazis abgeschoben wurden
  • Durfte seine Karriere nach '45 fortsetzen: Konrad Meyer, Un...
    10.08.2015

    Wissenschaft, Planung, Verharmlosung

    Die Deutsche Forschungsgemeinschaft mauert: Trotz Kritik an deren Ausstellung über Nazi-Umsiedlungspläne bleibt die Schau die selbe

Mehr aus: Feuilleton