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Aus: Ausgabe vom 02.05.2019, Seite 7 / Ausland
Ukraine

Angriff der Faschisten

Vor fünf Jahren fand in Odessa das blutigste Ereignis des Konflikts um den Kurs der Ukraine statt
Von Reinhard Lauterbach
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Todesfalle für mindestens 42 ukrainische Antifaschisten: das attackierte Gewerkschaftshaus in Odessa vor fünf Jahren

Die Bilder sind bekannt: Ein sowjetisches Repräsentationsgebäude in Flammen, Rauch dringt aus den Fenstern, Menschen springen aus den oberen Etagen – oft in den Tod. Der Pogrom von Odessa am Abend des 2. Mai 2014 ist das blutigste Einzelereignis der Auseinandersetzungen um den weiteren Kurs der Ukraine nach dem Staatsstreich des »Euromaidans«, wenn man von Kriegshandlungen im Donbass absieht. Er machte deutlich, mit welcher Brutalität die Anhänger der neuen Staatsmacht die Westwendung des Landes auch gegen gesellschaftliche Mehrheiten durchzusetzen gedachten.

Der Tag war der Endpunkt eines seit dem Jahresbeginn 2014 andauernden Konflikts in der Stadt. Odessa war von der »Partei der Regionen« kontrolliert, der »Euromaidan« mobilisierte vor seinem Sieg selten mehr als 100 bis 200 Menschen. Eine im Februar von der Gebietsverwaltung durchgeführte Umfrage zeigte aber auch, dass die Ereignisse in Kiew an den Menschen in der Region lange Zeit vorbeigingen: Elf Prozent gaben damals an, den »Euromaidan« zu unterstützen, 18 Prozent unterstützten die Staatsmacht unter Wiktor Janukowitsch, aber 71 Prozent erklärten, ihnen sei das alles egal. Die politische Passivität gerade der Janukowitsch-Anhänger machte es den prowestlichen Kräften leicht, sie zu überrumpeln.

Dabei hatte es schon seit dem Januar immer wieder Provokationen des »Rechten Sektors« und anderer faschistischer Organisationen gegeben. Auch als am 27. März 2014 der örtliche »Euromaidan« forderte, »die Separatistennester in der Stadt zu liquidieren«, scheint das eher als Rhetorik denn als Ankündigung von künftiger Gewalt interpretiert worden zu sein. Mehrfach hatten Rechte versucht, die Regional- oder Stadtverwaltung zu stürmen; weil sie in starker Unterzahl gegenüber den örtlichen Aktivisten waren, hatten sie jedoch aufgeben müssen. Und noch im April vereinbarten Vertreter des »Euromaidans« und des »Antimaidans«, die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges am 9. Mai gewaltfrei stattfinden zu lassen. Der Anstoß zur Eskalation kam offenkundig von außen: aus Kiew.

Am Morgen des 2. Mai traf ein Sonderzug faschistischer Fußballfans aus Charkiw in Odessa ein – unter dem Vorwand eines Ligaspiels zwischen »Metallist Charkiw« und »Tschornomorez Odessa«. Damit war erstmals ein zahlenmäßiges Übergewicht gegenüber den Gegnern des Maidan auf lokaler Ebene gegeben. Die Fans und sonstiges »proukrainisches« Publikum begannen den Tag aber mit einem »Marsch für die Einheit der Ukraine« durch die Innenstadt. Dabei kam es zu ersten Schlägereien mit insgesamt sechs Toten. Später sagten Vertreter der Maidan-Gegner, dass zu diesem Zeitpunkt ein folgenschwerer taktischer Fehler begangen worden sei: Die aktivsten Bewohner des Zeltstädtchens vor dem Gewerkschaftshaus zogen ins Zentrum, um die Rechten zu konfrontieren. Dadurch fehlten sie am frühen Abend, als die Nationalisten das Zeltstädtchen stürmten und die ins Gewerkschaftshaus geflohenen Antifaschisten im Innern »ausräucherten«.

Für die Gewalt werden immer wieder zwei Männer verantwortlich gemacht: Oleksander Turtschinow, heute noch Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrates, und Andrij Bilezkij, damals Chef der »Sozialnationalen Partei der Ukraine«, späterer Gründer des Bataillons »Asow«. Gerichtlich sind die Vorgänge bis heute nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil: Kiew schoss alle nur denkbaren Nebelkerzen ab: Die Toten seien »russische Provokateure«, die Maidan-Gegner hätten das Gebäude selbst angezündet und dergleichen mehr. Nichts davon hat sich bestätigt. Notorische Gewalttäter blieben von der Justiz unbehelligt. So kam selbst der Europarat 2016 zu dem Ergebnis, die Ermittlungen der ukrai­nischen Justiz seien »nicht unabhängig und nicht fair« gewesen.

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