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Aus: Ausgabe vom 02.05.2019, Seite 10 / Feuilleton

Kusche, Blume

Von Jegor Jublimov
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Renate Blume mit Rolf Hoppe bei der Verleihung der »Goldenen Henne« 2005

»Junge Ärzte pflegen im Krankenhaus eine Hand in der Tasche zu tragen, damit man sie von den Pflegern unterscheiden kann«, erläuterte Satiriker Lothar Kusche in seiner »Patientenfibel«, die ab 1973 hunderttausendfach verkauft wurde und noch 1998 eine Neuauflage fand. Seine Erfahrungen von damals konnte der 2016 verstorbene Kusche – heute wäre er 90 Jahre alt geworden – in seinen letzten Lebensjahren bei diversen Ärzten überprüfen. Er war als ganz junger Kerl zu Herbert Sandbergs und Günter Weisenborns Satireblatt Ulenspiegel gekommen, schrieb später für den Eulenspiegel, war Kabarettdramaturg bei der Distel, Filmautor, stellvertretender Chefredakteur der Weltbühne, in der er wie sein großes Vorbild Tucholsky unter verschiedenen Pseudonymen – etwa Felix Mantel, H.W. Kreutzer und Gaston Renoir – schrieb. Feine Ironie und volkstümlicher Humor (»Kellner Willi«) zeichneten seinen Stil aus, aber er konnte auch sarkastisch und polemisch werden, wenn er sich mit restaurativen Tendenzen in der BRD auseinandersetzte. Seinem Vorbild blieb der Autor von rund 40 Büchern auch darin treu und wurde gemeinsam mit Otto Köhler 2007 mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet.

Als Renate Blume sich im März zum Filmgespräch bei den 14. Merseburger DEFA-Filmtagen einfand, mochte keiner recht glauben, dass die agile Schauspielerin an diesem Freitag bereits 75 wird. Sie stellte sich zum Filmgespräch für ihren ersten Film, Konrad Wolfs Adaption von Christa Wolfs »Der geteilte Himmel«, den sie 1963/64 noch als Studentin der heutigen Ernst-Busch-Schule in Berlin drehte. In Dresden lernte sie bei ihrem ersten Theaterengagement Regisseur Frank Beyer kennen, der ihr 1973 nach kleineren Aufgaben die Titelrolle im Mehrteiler »Die sieben Affären der Doña Juanita« anvertraute, eine differenzierte Geschichte von Eberhard Panitz um die Emanzipation einer jungen Frau im Sozialismus. Im selben Jahr stand sie als Gojko Mitics Partnerin in dem Indianerfilm »Ulzana« vor der Kamera. Beide lebten eine Zeitlang zusammen und traten 1976 im Stück »Spartacus« am Bergtheater Thale auf. Bei Dreharbeiten zu der Jack-London-Verfilmung »Kit & Co.« lernte Renate Blume 1974 Dean Reed kennen, ohne dass es bei beiden »funkte«. Sie heirateten erst 1981. Ihr gemeinsames Filmprojekt »Bloody Heart« sollte in Lettland und auf der Krim entstehen, aber Dean Reed starb 1986 wenige Tage vor Drehbeginn. Blume, die 1982 für ihre Jenny in »Karl Marx – die jungen Jahre« mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet wurde, legte in den neunziger Jahren den Namenszusatz »-Reed« wieder ab, spielte Boulevardtheater und künstlerisch unergiebige Serien (»Fünf Sterne«, 2005–2008, »Schloss Einstein«, 2008–2009). Aber eine wirklich attraktive Rolle könnte sie aus der Reserve locken. Wer schreibt sie?

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