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Aus: Ausgabe vom 02.05.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Tarifflucht

Handel im stetigen Wandel

Onlinegeschäfte legen gewaltig zu. Lidl setzt auf gewerkschaftsfreundliches Image. Beschäftigte bleiben auf der Strecke
Von Gudrun Giese
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Schuften ohne Tarifvertrag. Lagerarbeiter in Amazons Logistikzentrum in Brieselang (11.11.2014)

Es klingt paradox: Das ehemalige Schmuddelkind unter den Lebensmitteldiscountern, Lidl, erhöhte zum 1. März aus freien Stücken den Stundenlohn auf mindestens 12,50 Euro. Der einst tariftreue Metro-Konzern hingegen veräußerte die Kaufhauskette Galeria Kaufhof und überließ den Käufern die Aufkündigung von Tarifen und Arbeitsplatzsicherheit, um sodann bei seinem SB-Warenhaus-Ableger Real die Flächentarifverträge zu verlassen und anschließend die Tochtergesellschaft zum Verkauf anzubieten.

Seit längerem kommt der Einzelhandel in der Bundesrepublik nicht zur Ruhe. Während die zurückliegenden Jahre von einer enormen Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel auf Edeka/Netto, Rewe/Penny, Aldi Nord und Süd sowie Schwarz mit Kaufland und Lidl charakterisiert waren, gewann in jüngster Zeit vor allem der Onlinehandel an Umsatz.

Amazon als Überhändler

Derzeit expandiert Amazon stetig – inzwischen auch beim Handel mit Lebensmitteln. Nach einem aktuellen Ranking hatte der US-amerikanische Onlineriese 2018 die Nase weit vorn bei der Steigerung seiner Umsätze in Europa: Gegenüber 2017 legte er von 27,6 auf 33,2 Milliarden Euro zu, was einem Plus von 20,3 Prozent entspricht. In der Lebensmittelzeitung vom 18. April, die die Liste veröffentlichte, hieß es: Ungeachtet aller PR-trächtigen Versuche seitens der stationären Händler, sich als Multi­channel-Retailer hochzustilisieren, habe keiner von ihnen »von Brest bis Wladiwostok« auch nur die Hälfte der Wachstumsdynamik dieses kreativen Zerstörers erreichen können, der eine ganze Branche aufmischt. »Multichannel« bedeutet dabei, dass die traditionellen Händler inzwischen auch Onlinekanäle anbieten.

Auch wenn die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland beim Umsatz 2018 die Spitzenposition in der Rankingliste einnimmt (112,7 Milliarden Euro), so wird die Nervosität der vorwiegend in festen Geschäften operierenden Händler verstärkt spürbar. Dass Lidl freiwillig höhere Stundenlöhne zahlt, dürfte weniger von ethischen Motiven nach mehr Lohngerechtigkeit getrieben sein als vielmehr vom Wunsch, sich positiv vom gewerkschaftsfeindlichen Onlinekonzern Amazon abzugrenzen. Gleichzeitig sucht der Metro-Konzern sein Heil in der Tarifflucht bzw. im Verkauf wichtiger Einzelhandelstöchter: Seit Jahren zieht sich dieses Unternehmen aus dem Einzelhandel zurück, setzt den Schwerpunkt auf den Groß- und Außenhandel sowie zunehmend auf das lukrative Onlinegeschäft. Ob Metro dort den Anschluss an Amazon und Zalando finden wird, darf bezweifelt werden.

In der kürzlich von Verdi publizierten Teilbranchenanalyse zum Onlinehandel »Von Paketen, Menschen und ›Mäusen‹« heißt es einleitend: »Manche sprechen von der dritten Revolution im Handel – nach der Einführung der Selbstbedienung und dem Siegeszug der Discounter.« Und weiter: »Wenn immer mehr Umsätze ins Netz wandern, bleibt für den Stationärhandel immer weniger übrig. Je mehr sich die Onlinegiganten, allen voran Amazon, ausbreiten, je mehr Marktanteile sie gewinnen, desto mehr Handelsstandorte sind gefährdet.«

Derzeit ist das Bild in den Städten, vor allem an den Stadträndern, geprägt von den großen Supermärkten und Discountern sowie den dazugehörigen riesigen Parkplätzen. Noch kauft die Mehrzahl der Bundesbürger in den Geschäften und befördert die erworbenen Waren im eigenen Auto nach Hause. Doch wie beliebt Onlinebestellungen sind, zeigt die stetig wachsende Zahl der Liefer- und Paketfahrzeuge in den städtischen Straßen. Auch die Lieferung der Lebensmittel direkt bis zur Haustür ist kein Fall allein für alte und kranke Kunden. Gegen einen – überschaubaren – Aufpreis Waren nach Hause gebracht zu bekommen verheißt Zeitgewinn und Stauvermeidung.

Trübe Aussichten

Für die im Einzelhandel Beschäftigten verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen gleichzeitig seit Jahren auf allen Gebieten: Seit die Unternehmer die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Jahr 2000 einseitig aufgekündigt haben, verließen immer mehr der großen Handelsunternehmen die Tarifbindung, etwa Karstadt, Real, zuletzt Kaufhof. Außerdem sind die meisten Arbeitsverhältnisse im Einzelhandel Minijobs oder Teilzeitstellen, die nicht einmal mit Tarifbezahlung ein ausreichendes Monatseinkommen garantieren. »Im deutschen Einzelhandel gibt es einen massiven Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb, ausufernde Öffnungszeiten, Preiskriege und die Tendenz der Unternehmen, immer mehr Personalkosten zu sparen«, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger der Westfälischen Rundschau am 12. Juni 2018. Der einzige Ausweg gegen Lohndumping sei die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge.

Amazon verweigert unterdessen hartnäckig jedes Gespräch mit den Gewerkschaften. Seit 2013 streiken die Beschäftigten an den deutschen Standorten des Onlinekonzerns regelmäßig für eine Entlohnung nach den Verdi-Tarifverträgen des Einzel- und Versandhandels. Amazon hat zwar seitdem die Entgelte mehrfach erhöht, aber dabei die »Freiwilligkeit« betont. Bei einem Vernetzungstreffen von Gewerkschaften aus mehreren Ländern Ende April stellte Nutzenberger klar: »Die Streiks der vergangenen Jahre haben in Deutschland wichtige Verbesserungen gebracht, aber das Ziel bleibt ein Tarifvertrag für existenzsichernde Einkommen sowie gute und gesunde Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten.« Lege Amazon den Konflikt nicht bei, würden die Auseinandersetzungen fortgesetzt. Verdi und die Partnergewerkschaften seien darauf vorbereitet.

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