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Aus: Ausgabe vom 02.05.2019, Seite 8 / Ansichten

Schreibtischtäter

Putschversuch in Venezuela
Von André Scheer
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Ein bewaffneter Putschist zielt in Richtung des Militärflughafens »La Carlota« (30.4.2019)

Das war nichts anderes als Stimmungsmache zur Unterstützung eines Militärputsches gegen die gewählte Regierung eines Landes: Die Art und Weise, wie die meisten Massenmedien in der Bundesrepublik über den gescheiterten Versuch eines Staatsstreichs am Dienstag in Caracas berichtet haben, hatte mit Journalismus wenig, mit Hetze und Manipulation dafür umso mehr zu tun.

Uniformierte Soldaten hatten sich am Morgen vor der Luftwaffenbasis La Carlota in Caracas postiert. Zuvor hatten sie den wegen Aufrufen zur Gewalt verurteilten Politiker Leopoldo López aus dem Hausarrest geholt, und der selbsternannte »Präsident« Juan Guaidó rief in dieser Gemeinschaft das Militär zum Sturz der Regierung von Präsident Nicolás Maduro auf.

Bei der Deutschen Presseagentur hieß es dazu am Dienstag abend: »Nach der Rebellion einiger Soldaten gegen den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro wollen regierungstreue Banden den sozialistischen Staatschef mit Waffengewalt verteidigen.« Die Sprache ist verräterisch: Die Putschisten sind »rebellierende Soldaten«, während Basisgruppen, die zur Verteidigung der legitimen Regierung auf die Straße gehen, als »Banden« oder, in derselben Meldung, als »Gangs« bezeichnet werden. Natürlich wollen diese die »Waffengewalt« – und nicht die revoltierenden Militärs.

Kaum anders die »Tagesschau« der ARD um 20 Uhr, die sich für das Flaggschiff seriöser Berichterstattung in Deutschland hält. Im Filmbericht werden Demonstranten gezeigt, die einen Zaun eingerissen haben und sich Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften liefern. Kein Wort davon, dass es sich um einen Angriff auf den Luftwaffenstützpunkt La Carlota handelte, also um eine Attacke auf militärisches Sperrgebiet. Auch in Deutschland stehen an der Umgrenzung solcher Territorien Schilder mit der Warnung »Vorsicht, Schusswaffengebrauch!« Von den Tausenden Unterstützern der Regierung, die sich zeitgleich am Präsidentenpalast Miraflores im Zentrum von Caracas versammelten, um gegen den Putschversuch zu protestieren, kein Wort im »Ersten«.

Das entspricht der Linie der Bundesregierung. Außenminister Heiko Maas (SPD) – der kein Problem hatte, sich am Dienstag mit Brasiliens faschistischem Staatschef Jair Bolsonaro zu treffen – teilte angesichts der Ereignisse in Caracas mit: »Unsere Unterstützung für Juan Guaidó hat sich in keiner Weise geändert.« Und im selben Atemzug: »Wir wollen nicht, dass es eine Entwicklung gibt, in der die Waffen sprechen.« Jetzt müsse es »erst einmal« darum gehen, »verantwortungsvoll zu handeln«, so Maas. Diesen Ratschlag könnte er gern einmal selbst beherzigen. Denn die Lage in Caracas ist am Dienstag eskaliert, weil sich von Guaidó angeführte Soldaten gegen die Regierung erhoben hatten. Sie haben das Feuer auf La Carlota eröffnet. Für alles, was danach geschah, tragen Guaidó und die übrigen Putschisten die Verantwortung. Auch die USA und Kolumbien, die sich sofort hinter diese Verbrecher gestellt haben. Und mit seinen Äußerungen auch Heiko Maas.

Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. ( 2. Mai 2019 um 15:30 Uhr)
    Hier noch einige Ergänzungen: Ich habe den Tag über viel die Berichterstattung auf CNN verfolgt.

    Es fing an, dass berichtet wurde, es habe einen Aufstand »auf« einem Luftwaffenstützpunkt gegeben. Die korrespondierenden Bilder waren aber schon nicht ganz stimmig, zeigten sie doch, wie Guiadó mit einigen Soldaten und Demonstranten auf einer Straße/Brücke steht (und schon Tränengasgranaten von offenbar regierungstreuen Sicherheitskräften flogen). Vermutlich wurde einfach nur wiedergegeben, was die »Opposition« den Journalisten diktiert hatte. Die Wahrheit war vielmehr, dass diese PR-Show wohl in der Nähe einer Luftwaffenbasis stattfand. Der Hintergrund ist ja klar, die Nachricht, dass eine Militärbasis samt Personal auf die Seite der Opposition wechselt, deutet deutlich eher eine sich womöglich ausweitende Revolte des bis dahin regierungstreuen Militärs an, im Gegensatz zu ein paar übergelaufenen Soldaten, die es ja zuvor auch schon gab. Und das Ziel war ja offenbar, mit dieser Aktion eine Dynamik zu entfachen, um womöglich schwankende Militärs zum Umkippen zu bewegen.

    Auch interessant: Die schwankende Berichterstattung zwischen einigermaßen seriös/sachlich bis hin zu klar tendenziös und parteiisch, offenbar abhängig vom jeweiligen »Host« der verschiedenen Nachrichtensendungen, die ständig auf CNN laufen. Es reichte von »Regierung« und »Präsident« in bezug auf Maduro bis hin zu »sozialistisches Regime« und »Diktator« ...

    Oder auch welches Narrativ man denn nun wählt: Im späteren Verlauf vor allem, als man sich offenbar dem Narrativ der US-Regierung angeglichen hatte, wurde suggeriert, die Bezeichnung »Putsch« wäre die Propagandaversion der Regierung, um einen quasi legitimen Volksaufstand gegen die »Diktatur« zu diskreditieren ... Dabei hat CNN die Vorgänge zuvor selber lange als »Ongoing coup« bezeichnet.

    Zu guter Letzt: Die Meldungen, dass López in die chilenische und zahlreiche abtrünnige Soldaten in die brasilianische Botschaft geflüchtet waren, wurden auf CNN erst Stunden später berichtet als auf anderen Kanälen. Man könnte fast glauben, dass das Absicht war, um die Flamme noch so lange wie möglich am Lodern zu halten. Dass die »Aufständischen« schon dabei waren, ihre Haut zu retten, war für mich jedenfalls ein recht deutliches Indiz dafür, dass der Putschversuch gescheitert war. CNN wollte aber lieber noch ein paar Stunden weiter so tun, als stünde ein Machtwechsel unmittelbar bevor.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Eva Ruppert, Bad Homburg: Fake News offiziell Nicht genug damit, dass die bundesdeutschen Medien gezielt Fake News verbreiten und Fakten einseitig tendenziös darstellen – da taucht auch noch in der 20-Uhr-»Tagesschau« der deutsche Außenminister a...
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