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Aus: Ausgabe vom 30.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Droste

Mit Nazis reden?

Von Wiglaf Droste
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»Alle Welt sucht das Gespräch mit Rechtsradikalen. Warum? Haben sie einem etwas zu sagen? Ist nicht hinlänglich bekannt, was sie denken, fordern und propagieren?« fragte ich am 2. 9. 1993 in meiner »Schlachtenbummler«-­Kolumne im Neuen Deutschland: »Muss man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen.«

In jener Zeit war nach den Angriffen in Rostock-Lichtenhagen und anderswo klar, dass die Nazis unter den Landsleuten massenhaft Claqueure und im Wortsinn Anfeuerer haben. Und dennoch wollten viele Prominente mit Nazis reden, um sie zu retten, statt sie zu bekämpfen. Ich schrieb in der Kolumne: »Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen. (…) Wo Nazis ›demokratisch gewählt‹ werden können, muss man sie nicht demokratisch bekämpfen.«

Die bizarrste Folge des Textes war ein Anruf von der Berliner Polizei einige Wochen nach Erscheinen. Ich fuhr bei aller Skepsis aufs Revier; ein Kommissar zeigte mir die Kopie einer Todesliste der Nazis; mein Name stand unter den ersten sieben. Er schlug mir vor, einen Waffenschein zu machen, dann könne ich mich verteidigen. Ich lehnte das ab; mein alter Freund Till Meyer von der »Bewegung 2. Juni« hatte mir einmal gesagt: »Mit einer Knarre unterm Kopfkissen schläfst du nicht gut, vor allem nicht mit deiner Frau.« Sich das Leben in seiner Gänze, Fülle, Üppigkeit und Schönheit von den ihr eigenes und das Leben an sich hassenden Nazis kaputt machen zu lassen ist keine gute Idee.

25 Jahre später ist es noch ekliger geworden. Die Nazis werden phantomdemokratisch und medial eingemeindet. Sie haben Kampfgruppen bilden können und beste Verbindungen zur Bundeswehr, zur Polizei und zu den Geheimdiensten. Ohne Panikmache: Es ist Gefahr im Verzug. Gut zu wissen, wogegen man kämpft; wenn man auch noch weiß wofür, rundet es sich. La vita è bella.

Die vollständige Kolumne ist in Drostes Textsammlung »Sieger sehen anders aus« (Edition Nautilus 1994), auf seiner CD »Die schweren Jahre ab 33« (Frühstyxradio 1995) und im Internet – auch auf Youtube – zu finden

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