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Aus: Ausgabe vom 30.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Comic

Wenn niemand mehr malochen muss

… sind wir zu Hause: Ein Treffen mit der Comicautorin und Gewerkschafterin Daria Bogdanska in Stockholm
Von Gabriel Kuhn
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»Wenigstens hören die Syndikalisten ihr zu«

Ich treffe Daria Bogdanska in den Büros der Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC) in Stockholm. Meist tagen syndikalistische Organisationen ja in Kellerlokalen, die mehr als hundert Jahre alte Gewerkschaft residiert in einer der teuersten Straßen der Stadt. Die SAC kaufte das Haus am Sveavägen in den 50ern, als sie noch 20.000 Mitglieder hatte und solche Immobilien sehr viel billiger waren. Heute sind vier der fünf Stockwerke an Startups vermietet, was der Gewerkschaft eine solide finanzielle Basis verschafft.

Die mondänen Räumlichkeiten täuschen leicht darüber hinweg, dass sie in einer tiefen Krise steckt. Die Zahl der Mitglieder ist auf 3.000 gesunken, Betriebsgruppen gibt es wenige. Auch wenn die SAC sich in bestimmten Bereichen noch profilieren kann, etwa bei der Organisierung migrantischer Arbeiter – ihre Zukunft ist ungewiss.

Daria Bogdanska soll das ändern. Die 30jährige ist so etwas wie der Shooting Star der schwedischen Syndikalisten, zu denen sie als migrantische Arbeiterin kam. In Warschau aufgewachsen, zog sie 2013 nach Malmö, um an der dortigen Hochschule für Comiczeichner zu studieren. Sie war gezwungen, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, erhielt jedoch keine Arbeitserlaubnis. Die Bedingungen waren mies, die Löhne unterirdisch. Schließlich verklagte sie mit Hilfe der SAC einen Restauranteigentümer und erhielt mehrere tausend Euro Lohnnachzahlungen. Der Fall machte in Schweden Schlagzeilen.

Bogdanska hat ihre Geschichte in einer Graphic Novel verarbeitet, die 2016 unter dem Titel »Wage Slaves« (Lohnsklaven) erschien. Mittlerweile wurde das Buch in zehn Sprachen übersetzt und beim renommierten Comicfestival in Angoulême ausgezeichnet. Die deutsche Fassung ist gerade unter dem Titel »Von unten« im Avant-Verlag erschienen. Das Comic erzählt von bürokratischen Hürden, Jobs unter falschem Namen und Hippies, die Leute um ihren Lohn prellen, die für sie auf Festivals vegane Burger verkauft haben. Zu den Problemen des Broterwerbs kommen die des Privatlebens, auch die Liebe hat ihren Platz in der autobiographischen Erzählung.

Im Haus am Sveavägen ist Bogdanska in einem riesigen Sessel versunken. Ihre Füße baumeln über einer Armlehne. Lange hat sie in Punkbands gespielt. Meine Frage, ob sie inzwischen im Vorstand der SAC sei, quittiert sie mit schallendem Gelächter: »Ich bin als Bürokratin fürchterlich! Die Arbeit ist notwendig, aber nichts für mich.«

»Von unten« spart nicht mit Kritik an der SAC. Bogdanska beschreibt frustrierende erste Treffen, ausgebrannte Aktivisten am Rande des Zynismus. Man würde ihr ja gerne helfen, heißt es, aber ihr Fall sei aussichtslos. Sie lässt nicht locker, und wenigstens hören die Syndikalisten ihr zu. Von anderen Gewerkschaften bekommt sie dagegen nur zu hören, sie solle sich erst mal eine Sozialversicherungsnummer besorgen. Am Ende nötigt Bogdanska die SAC geradezu, ihren Fall vors Arbeitsgericht zu bringen.

Heute ist sie eines der aktivsten Mitglieder, hält Vorträge, gestaltet Flugblätter, ist treibende Kraft der Kampagne »Die neue Arbeiterbewegung«. Zu der erklärt sie: »Wir brauchen Organisationsformen, die der Realität der heutigen Arbeiterklasse entsprechen. Frauen und Migranten müssen darin ihren Platz finden.« Das Proletariat sei »alles andere als verschwunden, nur haben Linke oft ein sehr verklärtes Bild von ihm«. Dann erläutert sie etwas, das »erst mal paradox erscheinen mag«: »Auch wenn Klassenbewusstsein unerhört wichtig ist, um unsere Gesellschaft zu begreifen, macht es mir doch Hoffnung, dass junge Menschen sich nicht mehr ausschließlich über ihre Identität als Arbeiter definieren. Das könnte sie auf Zuschreibungen festnageln, die wir letzten Endes überwinden müssen. Schließlich wollen wir eine Gesellschaft aufbauen, in der niemand malochen muss. Wenn uns das gelingt, dann sind wir zu Hause.«

Bogdanskas Graphic Novel könnte auch auf Deutsch ein Erfolg werden. Linke Comics aus Schweden erregen derzeit viel Aufmerksamkeit. Liv Strömqvists »Der Ursprung der Welt«, vom deutschen Verlag als »Kulturgeschichte der Vulva« beworben, rief neulich gar Slavoj Zizek auf den Plan. Die Vagina dürfe nicht entmystifiziert werden, warnte er im US-Magazin Spectator.

Bis 19. Juni sind Werke von Bogdanska, Strömqvist und weiteren schwedischen Künstlerinnen und Künstlern im Felleshus der Nor­dischen Botschaften in Berlin zu sehen. Titel der Ausstellung: »Sie kommen! … mit neuen Comics aus Schweden«.

Daria Bogdanska: Von unten. Avant-Verlag, Berlin 2019, 200 S., 22 Euro

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