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Aus: Ausgabe vom 30.04.2019, Seite 1 / Titel
1. Mai

Rockt die Multis!

Amazon, Coca-Cola und Co.: Beschäftigte kämpfen gegen Machenschaften global agierender Konzerne
Von Simon Zeise
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Proteste gegen den Besuch von Amazon-Boss Jeffrey Bezos in Berlin (24.4.2018)

Den Arbeitern reicht es. Amazon und Coca-Cola, zwei Schwergewichte an der New Yorker Börse, toben sich in Europa aus. Beim Internetgiganten sind die Beschäftigten laut Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit »enormer Arbeitshetze, Kontrolldruck und der Missachtung von Arbeitnehmerrechten konfrontiert«. Das Unternehmen verweigert den Arbeitern einen branchenüblichen Tarifvertrag. Der Brauseproduzent Coca-Cola hat seit 2016 in der EU zehn Prozent seiner Beschäftigten entlassen. »Mit dem Ziel, Rekorddividenden zu erzielen, werden Veränderungen umgesetzt, ohne ihre negativen Auswirkungen auf die Arbeitnehmer, ihre Familien und die gesamte Gemeinschaft, in der sich Standorte und Fabriken befinden, zu berücksichtigen«, kritisierte der Europäische Verband der Gewerkschaften für Ernährung, Landwirtschaft und Tourismus (­EFFAT).

Am Montag schlossen sich in Berlin Amazon-Beschäftigte aus 16 Ländern zusammen, um grenzübergreifende Arbeitskämpfe zu koordinieren. »Amazon tritt die Rechte der Beschäftigten mit Füßen«, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Die Streiks der vergangenen Jahre hätten in Deutschland wichtige Verbesserungen gebracht, aber das Ziel bleibe ein Tarifvertrag für existenzsichernde Einkommen sowie gute und gesunde Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. »Amazon hat die Wahl, endlich den Konflikt beizulegen. Wenn nicht, stellen wir uns auf weitere Auseinandersetzungen ein. Wir haben einen langen Atem und werden uns noch stärker länderübergreifend koordinieren.« Amazons erschreckender Umgang mit Beschäftigten, die Nichtanerkennung von Gewerkschaften und die unethische Steuervermeidungspraxis seien inakzeptabel. Globale Probleme verlangten nach globalen Lösungen.

Im belgischen Anderlecht protestierten die Coca-Cola-Angestellten gegen das Geschäftsmodell ihrer Chefs. Die Arbeit des europäischen Betriebsrats (EBR) im Konzern werde durch die »aggressive Haltung« der Konzernleitung blockiert. Durch »Mobbing« versuche das Management einen EBR »mit einer begrenzten und schwachen Rolle durchzusetzen«, erklärte EFFAT. Für die Gewerkschaft ist klar: »Verbale Aggressionen und unprofessionelles Verhalten von Führungskräften werden nicht mehr toleriert.«

Die US-Monopole konnten im ersten Quartal 2019 satte Profite einstreichen. Der Internetgigant erwirtschaftete einen Überschuss von 3,6 Milliarden Dollar – ein Plus von 125 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Soviel wie noch nie in drei Monaten. Coca-Cola steigerte seinen Gewinn im Vergleich zum ersten Quartal 2018 um 23 Prozent auf 1,7 Milliarden Dollar.

Damit die Geschäftsaussichten in der EU rosig bleiben, werden den Beamten in Brüssel 25.000 Lobbyisten zur Seite gestellt, teilte Lobbycontrol am Montag mit. Die EU-Institutionen müssten »die privilegierten Zugänge der Unternehmen beenden«, forderte die Organisation. Noch schlimmer stehe die Sache allerdings in Deutschland. Die Bundesregierung habe zum Beispiel wirksame Abgastests oder bessere Regeln beim Kampf gegen Steuervermeidung und -hinterziehung »verwässert oder verzögert«.

Die Bundesrepublik ist bei Konzernen besonders beliebt: In dem reichsten Land der Europäischen Union müssen Unternehmen nur geringe Sozialabgaben leisten. Wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte, zahlten Unternehmen hierzulande 2018 auf 100 Euro Bruttoverdienst zusätzlich 27 Euro sogenannter Lohnnebenkosten. Im EU-Durchschnitt waren es 30 Euro.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Emil Schaarschmidt: Dividenden sind nicht das Ziel Das Ziel ist wie immer der Profit, und bei diesem machen Dividenden nur einen Bruchteil aus. Es ist jedoch so, dass die Dividenden genauso in den privaten Taschen der Teilhaber landen wie der Profit. ...

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