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Aus: Ausgabe vom 29.04.2019, Seite 2 / Inland
Protest in Berlin-Wedding

»Soziale Kämpfe vor unserer Haustür unterstützen«

Warmlaufen für 1. Mai: Organize-Demo am Dienstag gegen Verdrängung im Berliner Wedding. Ein Gespräch mit Antonio Panda*
Interview: Alexander Gorski
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»Hände weg vom Wedding«: 1.-Mai-Demo in Berlin-Kreuzberg (2014)

Am morgigen Dienstag zieht die Organize-­Demo wieder durch den Berliner Wedding und protestiert unter dem Motto »Unsere Häuser, unsere Kieze« gegen Mietenwahnsinn, Zwangsräumungen und rassistische Ausgrenzung. Haben Sie sich im Datum vertan?

Wir sehen unsere Demo nicht als Abgrenzung zum 1. Mai. Vielmehr knüpfen wir damit an die Tradition der Walpurgisnacht-Demons­tration in Friedrichshain an, die sich leider sehr entpolitisiert hat. Mit dieser Entwicklung wollten wir uns nicht zufriedengeben. Daher haben wir uns vor sieben Jahren entschieden, am 30. April in den Wedding zu gehen, weil dort Verdrängungs- und Gentrifizierungsprozesse noch nicht so weit fortgeschritten waren wie in Friedrichshain. Zudem wollen wir mit einer ausdrucksstarken Demonstration die Leute vor den großen Aktionen am 1. Mai darauf aufmerksam machen, dass vor unseren Haustüren ganz konkrete soziale Kämpfe stattfinden, die es zu unterstützen gilt.

Wie fällt die bisherige Bilanz aus?

Bei solchen jährlichen Demonstrationen besteht immer die Gefahr einer Ritualisierung, wie sie etwa die Revolutionäre 1.-Mai-Demo in Berlin zuletzt erlebt hat. Aber ich denke, dass wir es geschafft haben, mit der Organize-Demo den Leuten, die direkt von Verdrängungsprozessen betroffen sind, einen Raum zu geben, um ihre Stimme gegen Missstände im Kiez und in der Stadt zu erheben. Zudem hat sich aus dem Bündnis, das die Demoorganisation stemmt, die Stadteilgruppe »Hände weg vom Wedding« entwickelt, die versucht, den Widerstand gegen die neoliberale Umgestaltung der Stadt zu stärken.

Wie kann man sich das vorstellen?

Als »Hände weg vom Wedding« bieten wir einmal im Monat ein offenes Treffen im »Café Cralle« an, bei dem Leute uns direkt kennenlernen und mit uns über soziale Themen und Probleme ins Gespräch kommen können. Ansonsten mischen wir uns in Kämpfe im Wedding ein, etwa bei Zwangsräumungen oder im Netzwerk »Gemeinsam für Wohnraum«.

Gerade arbeiten wir daran, weitere Angebote zu entwickeln, um auch in lokalen Arbeitskämpfen sowie antifaschistischen und feministischen Zusammenhängen in unserem Kiez aktiv sein zu können. Dafür bauen wir gerade in der Afrikanischen Straße das »Kiezhaus Agnes Reinhold« auf (siehe jW vom 24.12.2018).

Ihre Aktivitäten richten sich auch explizit an Leute, die sich nicht der subkulturellen linken Szene zurechnen. Wie fällt bisher die Resonanz aus der Nachbarschaft aus?

Viele Leute kommen erst, wenn sie selbst von Verdrängung betroffen sind. Trotzdem merken wir, dass im Wedding Potential für linke Basisarbeit da ist, weil vor allem Leute mit wenig Kohle darunter leiden, wie sich das Viertel verändert. Wir beobachten tagtäglich, dass es ein großes Bedürfnis bei den Menschen gibt, über diese Prozesse zu reden. Nach unserer Erfahrung sprudelt es geradezu aus den Leuten heraus, sobald man ihnen die Gelegenheit gibt, über Themen wie Mieterhöhungen oder Stress mit dem Jobcenter zu sprechen.

Was muss geschehen, damit die radikale Linke stärker in den alltäglichen Kämpfen der Menschen präsent ist?

Wir denken, dass es vor allem an Räumen fehlt, wo sich Leute begegnen und gemeinsame Projekte in Angriff nehmen können. Genau deswegen arbeiten wir mit anderen Initiativen am »Kiezhaus Agnes Reinhold«. Zusätzlich braucht es den Willen, kontinuierlich zu arbeiten und langfristig zu denken. Das heißt aber auch, dass man sich von der Vorstellung verabschieden muss, die Ergebnisse politischer Arbeit immer kurzfristig sehen zu können. Viele Prozesse brauchen Zeit.

Zum Schluss: Wenn Ihre Demo bereits am Dienstag stattfindet, was geschieht dann am 1. Mai?

Da unterstützen wir morgens den klassenkämpferischen Block auf der Gewerkschaftsdemo. Um 12.30 Uhr laden wir Interessierte zum Nettelbeckplatz ein, um mit einem Stadtteilspaziergang an den sogenannten Blutmai zu erinnern, bei dem am 1. Mai 1929 die Kundgebungen der Berliner Arbeiterschaft brutal niedergeschlagen worden sind. Danach geht’s ins »Kiezhaus Agnes Reinhold« zu einer Lesung aus dem Buch »Barrikaden am Wedding« von Klaus Neukrantz.

Antonio Panda ist Aktivist in der Stadtteilgruppe »Hände weg vom Wedding« und Mitorganisator der Organize-Demonstration (* Pseudonym)

Demo: Dienstag, 17 Uhr, Leopoldplatz

haendewegvomwedding.blogsport.eu

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