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Aus: Ausgabe vom 27.04.2019, Seite 5 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Amazon bricht Rekorde und Arbeitsrecht

Beschäftigte und Gewerkschaften wollen Widerstand in Berlin international koordinieren
Von Efthymis Angeloudis
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Proteste vor Logistikcenter des Internethändlers Amazon in Bad Hersfeld (5.12.2018)

Schneller, höher, weiter – Amazon sind keine Grenzen gesetzt. Der weltgrößte Onlinehändler liefert ein weiteres Quartal mit Rekordergebnis: Im ersten Vierteljahr wuchs der Überschuss im Jahresvergleich um überraschend starke 125 Prozent auf 3,6 Milliarden Dollar (3,2 Mrd Euro), wie Amazon am Donnerstag nach US-Börsenschluss mitteilte. Die Erlöse stiegen um 17 Prozent auf 59,7 Milliarden Dollar. Damit aber nicht genug. Um weiterhin fette Gewinne einstreichen zu können, sollen Amazon Kunden künftig noch schneller mit ihrer Ware beglückt werden. Man arbeite daran, Lieferungen binnen 24 Stunden zum Standard für Prime-Kunden zu machen – zunächst in Nordamerika und dann weltweit, kündigte Finanzchef Brian Olsavsky an.

Wie das erreicht werden soll, ist kein Geheimnis: Beschäftigte in den Versandzentren von Amazon sind – egal ob in Deutschland oder anderen Ländern – mit enormer Arbeitshetze, Kontrolldruck und der Missachtung von Arbeitsrechten konfrontiert. Mittels rigoroser Kontrolle strafft Amazon kontinuierlich die bereits blitzschnellen Arbeitsabläufe in seinen Lagerhallen. Der Onlinehändler erwartet, dass Lagerarbeiter 240 bis 250 Aufgaben pro Stunde meistern. Jegliche Ausfallzeit, ob zum Wasser trinken oder zum Austreten, wird von der Produktionszeit abgezogen.

Diese unmenschlichen Arbeitsmethoden blieben nicht ohne Gegenwehr. Anfang März kam es zu einem ersten organisierten Streik in einer Lagerhalle im US-Bundesstaat Minnesota. 50 Arbeiter legten ihre Arbeit während der Nachtschicht nieder. »Das Tempo der Arbeit ist unmenschlich«, sagte Mohammed Hassan, einer der Streikenden, gegenüber dem Magazin Jacobin. »Jeder fühlt sich ständig vom System bedroht.« Wenn Arbeiter in zwei separaten Fällen Fehler machen, könnten sie laut Hassan gekündigt werden.

Seit sechs Jahren haben Beschäftigte auch in Deutschland den mühsamen Kampf gegen die Arbeitsmethoden bei Amazon aufgenommen. Um dem Online-Giganten effektiv Paroli bieten zu können, haben Gewerkschafter festegestellt, dass man sich über nationalen Grenzen hinweg vernetzen und koordinieren müsse. Aus diesem Grund berief die Gewerkschaftsföderation Uni Global Union im April letzten Jahres ein Treffen von europäischen und amerikanischen Gewerkschaften in Rom ein, auf dem ein Komitee gegründet wurde. Nun wird am 29. und 30. April 2019 in Berlin ein Treffen des UNI-Amazon-Netzwerkes mit Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 16 Ländern stattfinden, um sich über gemeinsame Strategien auszutauschen.

»Der Kampf gegen die unternehmerische Gier Amazons ist einer der wichtigsten Arbeitskämpfe der jüngeren Geschichte«, sagte Christy Hoffman, Generalsekretärin von UNI Global Union am Freitag. »Amazons erschreckender Umgang mit Beschäftigten, die Nichtanerkennung von Gewerkschaften und die unethische Steuervermeidungspraxis sind inakzeptabel«, fügte Hoffman hinzu. Deswegen sei es notwendig, dass sich Gewerkschaften aus aller Welt vernetzen und austauschen. »Globale Probleme verlangen nach globalen Lösungen.«

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