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Aus: Ausgabe vom 27.04.2019, Seite 2 / Ausland
Kampf um Tripolis

Geflüchtete unter Beschuss

»Ärzte ohne Grenzen« fordert Evakuierung libyscher Internierungslager
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Auschnitt aus dem von »Ärzte ohne Grenzen« verbreiteten Video, das einen Mann mit Schussverletzung zeigt

Die Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« (Médecins Sans Frontières, MSF) hat aufgrund der anhaltenden Gefechte um die libysche Hauptstadt die Evakuierung dortiger Internierungslager der »Einheitsregierung« in Tripolis gefordert. Geflüchtete und Migranten müssten gerettet und außer Landes gebracht werden, sagte Karline Kleijer von MSF am Freitag. Die Organisation ruft in einer Mitteilung sämtliche Kriegsparteien dazu auf, das humanitäre Völkerrecht sowie den Schutz von Zivilisten und von ziviler Infrastruktur zu gewährleisten.

Mit ihrer Mitteilung veröffentlichte MSF ein Video, das aus der Haftanstalt Kasr Ben Gaschir stammen soll, in der sich auch Kleinkinder und Schwangere befänden. Zu sehen sei demnach, wie etwa 700 gefangene Geflüchtete und Migranten beschossen werden.

Zu der Attacke sei es laut Mitteilung am vergangenen Dienstag gekommen. Nach unterschiedlichen Angaben von Hilfsorganisationen sollen auch mindestens zwei Menschen getötet worden sein. In den Tagen nach dem Angriff seien die Gefangenen von mehreren Hilfsorganisationen in ein Lager in der Stadt Sawija gebracht worden. Etwa 3.000 Menschen sind nach Angaben von MSF derzeit in Tripolis interniert. Auf jW-Nachfrage erklärte MSF-Pressereferent Stefan Dold am Freitag, dass die Gefangenen wegen »illegaler Migration« verhaftet worden seien.

Kleijer zufolge sei die bloße Verurteilung von Gewalt gegen Geflüchtete und Migranten »wertlos, wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nicht sofort Maßnahmen ergreift«. MSF-Mediziner seien nach der Analyse von Fotos und Videos aus Kasr Ben Gaschir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Verletzungen, die dort zu sehen sind, allem Anschein nach Schusswunden sind. Dieses Ergebnis werde von zahlreichen Berichten von Betroffen gestützt, die den Vorfall erlebt hätten und aussagten, dass sie brutal und wahllos mit Schusswaffen angegriffen wurden.

Seit Beginn der Kämpfe um die libysche Hauptstadt sind nach UN-Angaben mindestens 296 Menschen getötet und weitere 1.441 verletzt worden. General Haftar hatte seinen Truppen die Offensive gegen die von westlichen Regierungen anerkannten Einheitsregierung von Ministerpräsident Fajes Al-Sarradsch befohlen. (dpa/jW)

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