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Aus: Ausgabe vom 24.04.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Bitterfelder Weg

Von Ronald Weber
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Ganz im Sinne des Bitterfelder Weges – der Maler Eberhard Frey im Gespräch mit Bitterfelder Kumpeln (16.4.1961)

Auf den Tag genau vor 60 Jahren trafen sich im Bitterfelder Chemierevier Autoren und Funktionäre der SED zu einer vom Mitteldeutschen Verlag ausgerichteten Tagung, die das kulturelle System der DDR nachhaltig verändern sollte. Unter dem Motto »Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!« rief Walter Ulbricht, der Vorsitzende der SED, dazu auf, die »Trennung von Kunst und Leben« zu überwinden und an die Stelle der »Entfremdung zwischen Künstler und Volk« eine »sozialistische Nationalkultur« zu setzen.

Was darunter genau zu verstehen und was das eigentliche Wesen des Bitterfelder Weges sei, wie die von der Konferenz ausgehende Kampagne später genannt wurde, war in den kommenden Jahren immer wieder Gegenstand von Debatten. Der Hintergrund scheint indes klar: Die SED hatte 1957 – auch in Reaktion auf die Krise, in die sie nach dem 17. Juni 1953 und dem damit einhergehenden Zerwürfnis mit vielen Künstlern geraten war – eine Kulturrevolution initiiert. Die sollte nun vertieft und zugleich in geordnete Bahnen gelenkt werden, denn ihre Ergebnisse waren recht widersprüchlich (so kam es erstmals zu einer kleinen Renaissance des Agitprop sowie der sozialistischen Avantgarde, was insbesondere auf dem Theater zu einem Aufschwung sogenannter didaktischer Stücke führte, was wiederum der allseits propagierten Kontinuität mit dem humanistischen Erbe der Kultur widersprach).

Für die Schriftsteller bedeutete der Bitterfelder Weg, dass sie sich künftig vor allem mit industriellen Sujets beschäftigen sollten. Schon zuvor waren sie aufgefordert worden, den Aufbau des Sozialismus in der Arbeitswelt zu zeigen und den sich in der nunmehr produktiven Arbeit befreienden Menschen zum Thema zu machen. Die Kulturpolitik versprach sich von einer solchen Literatur eine mobilisierende Wirkung. Es ging um »Lebensbejahung«, wie sich das Mitglied der Kulturkommission beim Politbüro der SED, Hans Rodenberg, ausdrückte, Bejahung »des konkreten Lebens, das wir führen und aufbauen«. Anders ausgedrückt: Kritik war nicht erwünscht. Erwin Strittmatter äußerte später gegenüber Franz Fühmann: »Ich weiß jetzt, was der Bitterfelder Weg ist: Man geht hinaus, sieht sich alles gründlich an, und in Berlin kriegt man mitgeteilt, was man gesehen hat.«

Tatsächlich gefiel das Beobachtete nicht immer. Aber zumindest wurde beobachtet. Kaum ein Schriftsteller, der zu Beginn der 1960er Jahre nicht einen Betrieb zu Recherchezwecken besuchte oder sich mit einer Brigade in Verbindung setzte. Mit ganz praktischen Folgen: Erik Neutschs »Spur der Steine«, Brigitte Reimanns »Ankunft im Alltag«, Franz Fühmanns »Kabelkran und blauer Peter«, Christa Wolfs »Der geteilte Himmel« wären ohne den Bitterfelder Weg wohl nicht zustande gekommen. Nicht zu vergessen der Roman »Rummelplatz« von Werner Bräunig, der mit seinem umfassenden Gesellschaftspanorama dem Anspruch, eine »sozialistische Nationalliteratur« zu schaffen, wohl am nächsten kam. Er wurde später zensiert und steht heute beispielhaft für das unkontrollierbare Moment der konkreten Befassung mit der betrieblichen Wirklichkeit, das der Bitterfelder Weg ungewollt freisetzte.

Eine direkte Folge der kulturpolitischen Kampagne waren auch die Zirkel schreibender Arbeiter, die ab 1959 von vielen Autoren geleitet wurden (und die für manchen eine konstante Einnahmequelle darstellten). Namhafte Autoren sind aus ihren Reihen zwar nur wenige hervorgegangen, aber sie wirkten in die Breite. Und das ist denn auch das zweite Verdienst des Bitterfelder Weges: Er führte ungezählte Laien an die Kultur heran. Allerorten entstanden Volkskunstgruppen und betriebliche Theater, Brigaden veröffentlichten Tagebücher und Reportagen. Kunstinteresse galt fortan als erstrebenswert. Das Publikum wurde kunstoffen und kunstzugewandt. Das vielbeschworene »Leseland DDR« nahm hier seinen Anfang.

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