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Aus: Ausgabe vom 27.04.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Märtyrer der völkischen Bewegung

100 Jahre Niederschlagung der Münchner Räterepublik: Wurden im Luitpold-Gymnasium tatsächlich Geiseln ermordet?
Von Ralf Höller
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Garten des Luitpold-Gymnasiums in einer Aufnahme Heinrich Hoffmanns, seines Zeichens »NS-Reichsbildberichterstatter« und Leibfotograf Hitlers

Die Münchner Neuesten Nachrichten berichteten über das Ereignis erst drei Tage später: »Die bestialische Ermordung von Geiseln rief in der Stadt und auswärts«, heißt es in der Ausgabe vom 3. Mai 1919, »Entsetzen und unbeschreibliche Aufregung hervor. Die Ermordung erfolgte vor Mitternacht im Garten des Luitpold-Gymnasiums.«

Zehn Tote hatte es gegeben, auf einem Schulgelände mitten in der Münchner Altstadt. So viel ist unbestritten. Als erwiesen gilt auch, dass Angehörige der Roten Armee die Tat ausgeführt hatten. Ihnen diente das Gymnasium vorübergehend als Kaserne. Die Soldaten verteidigten die kommunistische bayerische Räterepublik gegen die anrückenden »weißen« Truppen aus vorläufiger Reichswehr und rechten Freikorps. Der fürs Militär zuständige Minister Gustav Noske hatte die von Berlin entsandt, nachdem ihn ein Hilferuf des bayerischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann erreichte. Noskes SPD-Parteikollege war vor der Revolution samt Kabinett und Teilen des Parlaments nach Bamberg geflohen.

»Einige der Geiseln«, geht die Zeitungsmeldung weiter, »wurden durch Kolbenschläge und Bajonettstiche getötet. Unter den Ermordeten befand sich auch eine Frau. Die Leichen wurden beraubt und derart verstümmelt, dass sie bisher mit Ausnahme von dreien noch nicht erkannt werden konnten.« Diese Informationen haben die sozialdemokratisch ausgerichteten Münchner Neuesten Nachrichten nicht exklusiv, obwohl das Blatt bis zum gewaltsamen Ende der Räterepublik aufgrund der Pressezensur, das einzig zugelassene ist. Als die bürgerlichen Zeitungen ab dem 1. Mai wieder erscheinen dürfen, berichten sie ähnliche Details.

Keine Opfer von Willkür

Noch früher als die Presse besitzt Josef Hofmiller die erwähnten Informationen. Der Gymnasiallehrer ist eifriger Zeitungsleser und bedauert in seinem Revolutionstagebuch sehr, dass eine Sozigazette seine einzige Informationsquelle ist. Doch scheint es auch andere Wege des Nachrichtenflusses zu geben. Sie versorgen Hofmiller dahingehend, dass er am 1. Mai notiert: »Nachmittags um drei ging ich mit Mama in die Stadt, weil ich ein wenig zu erfahren hoffte. Unten im Hauseingang stand unsere Hausbesitzerin und erzählte mir, die Geiseln im Luitpold-Gymnasium seien in furchtbarer Weise hingemordet worden.«

Geiseln aus der Bourgeoisie waren im Verlauf der Räterepublik bereits öfter genommen worden. Welchem Zweck dies diente, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Auf Veranlassung Lenins geschah es jedenfalls nicht. Zwar hatte der russische Revolutionsführer den verbündeten bayerischen Kommunisten genau die empfohlen. Das entsprechende Telegramm aus Moskau erreichte die Adressaten allerdings erst nach der Niederschlagung der Rätedemokratie. Die berühmteste Geisel, der päpstliche Nuntius und spätere Papst Pius, Eugenio Pacelli, war mit vorgehaltenem Revolver gezwungen worden, seinen Dienstwagen herauszurücken, anschließend jedoch sofort wieder freigelassen worden. Der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber wäre vermutlich nicht so glimpflich davongekommen, doch entging er durch einen glücklichen Umstand seiner geplanten Festsetzung.

Die angeblichen Geiseln, von denen Hofmiller erfahren hatte, wurden keineswegs »zu dem Zweck verhaftet, um im Ernstfall erschossen zu werden«. Bei zweien von ihnen, Walther Hindorf und Fritz Linnenbrügger, handelte es sich um Freikorpsangehörige, die im Verlauf der Kampfhandlungen bei Oberschleißheim gefangengenommen wurden. Anton Daumenlang, Walter Deike, Walter Neuhaus, Friedrich von Seydlitz, Gustav von Thurn und Taxis und Hella von Westarp waren ebenfalls keine Opfer einer willkürlichen Aktion. Ihre Festsetzung hatte eine Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution veranlasst, ordnungsgemäß mit Haftbefehl. Alle sechs gehörten der Thule-Gesellschaft an, einer völkischen Geheimloge, die das Ziel hatte, den demokratischen Freistaat Bayern zu zersetzen.

Völkische Spione

Die einzige Frau unter den Verhafteten, Hella von Westarp, arbeitete als Sekretärin im Münchner Büro der Organisation. Sie war eine Nichte jenes Generalleutnants Ernst von Ovens, der den militärischen Oberbefehl über die vor München zusammengezogenen Truppen hatte, jedoch nichts von der Inhaftierung wusste. Ihr Name tauchte in einer Mitgliederkartei auf, die bei der Durchsuchung des Hotels »Vier Jahreszeiten«, in dessen Nebengebäude die Thule-Gesellschaft residierte, der Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution in die Hände fiel. Da die Liste sowohl Lichtbilder als auch die dazugehörigen Adressen enthielt, war es nicht schwer, die betreffenden Personen aufzuspüren. Sie hatten sich in die Rote Armee und in die Kommunistische Partei eingeschlichen, um dort Informationen zu sammeln und sie dem geflohenen Ministerpräsidenten Hoffmann nach Bamberg weiterzuleiten. Ermöglicht wurden die Spitzeldienste durch gefälschte Ausweise. Alle trugen die faksimilierte Unterschrift des Rote-Armee-Kommandeurs Rudolf Egelhofer als Stempel, dazu ein nachgemachtes Siegel der Stadtkommandantur. Exakt solche Papiere wurden später bei den im Luitpold-Gymnasium erschossenen Gefangenen gefunden. Zwei von ihnen, Walter Neuhaus und Walter Deicke, waren Kunstmaler. Gut möglich, dass noch mehr Pässe gefälscht werden sollten.

Ebenfalls ein Kunstmaler, aber nachweislich kein Thule-Mitglied war Ernst Berger. Er wurde auf der Straße verhaftet, als er ein Plakat der Räteregierung abzureißen versuchte. Warum er sich nach einem Listenabgleich unmittelbar vor der Exekution zu den Thule-Leuten gesellt hatte, lässt sich nicht mehr klären. Rechnete er irrtümlich mit einer Freilassung? Oder war er doch, über sein Metier, mit der Thule-Gesellschaft verbandelt?

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»Reihe von Misshandlungen«: Freikorps vor dem Münchner Königshof am Stachus, 1919

Der zehnte Tote im Luitpold-Gymnasium hieß Franz Karl Freiherr von Teuchert. In seinem privaten Automobil unterwegs für das Freikorps Regensburg, wurde dem Achtzehnjährigen eine seiner konspirativen Erkundungsfahrten zum Verhängnis. Teucherts Name stand auf einer Liste der Thule-Gesellschaft, nicht als Mitglied, sondern als Anwärter.

Schaurige Legende

Ernst Toller, zu jenem Zeitpunkt Mitglied der Räteregierung, war einer der ersten, der das Luitpold-Gymnasium nach den Exekutionen aufsuchte. Er fand die Leichen der Erschossenen in einem Schuppen. Von einer Gruppe ebenfalls Verhafteter, die weder Thule-Mitglieder noch Angehörige eines Freikorps waren, erfuhr Toller Genaueres über die Umstände der gewaltsamen Tode. Es hatte kein Gerichtsprozess stattgefunden. Den Anfang machten die beiden Soldaten. Nach ihnen wurden dann die sieben Thule-Mitglieder – denen Berger sich anschloss – in den Hinterhof geführt, an die Wand gestellt und erschossen. Toller betonte später bei seinem Gerichtsprozess wegen Hochverrats und Beteiligung an der Räterepublik, es habe sich bei den Thule-Mitgliedern nicht um willkürliche Geiseln, sondern um verhaftete Kriminelle gehandelt. Als solche seien sie unter das Standrecht gefallen, das Ministerpräsident Hoffmann von Bamberg aus über Bayern verhängt hatte. Auch Egelhofer als Oberkommandierender der Roten Armee und Regierungsoberhaupt der Räterepublik habe seinerseits das Standrecht ausgerufen.

In den Zeitungen werden neue Details über jene Nacht zum 30. April vertreitet. Josef Hofmiller notiert sie in seinem Tagebuch. Zuerst habe man kriegsgefangene Russen betrunken gemacht und dann auf die wehrlosen Gefangenen gehetzt. Diese seien bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt gewesen. Das Bekanntwerden der Morde, übernimmt Hofmiller die Darstellungen in der Presse, habe in München einen Aufstand ausgelöst, von langer Hand vorbereitet und erst allmählich durch einrückende Regierungstruppen verstärkt. Der Volksjustiz seien dann auch prominente Mitglieder der Räteregierung zum Opfer gefallen.

Drei Schüsse in Kopf und Herz

Zu ihnen zählt Gustav Landauer. Der Autor des berühmten »Aufrufs zum Sozialismus«, eine Woche lang Volksbeauftragter für das Erziehungswesen, sei von einer aufgebrachten Menge getötet worden. So steht es im Bamberger Volksblatt. Korrekt ist, dass Landauer von württembergischen Offizieren verhaftet wurde, nachdem ein wachsamer Nachbar sie zu dem Haus gelotst hatte, in dem er Unterschlupf gefunden hatte. In Stadelheim, wohin er verbracht wurde, wartete keineswegs ein aufgebrachter Mob. Im dortigen Gefängnis waren nur Soldaten und Wachmannschaften zugegen. Ein ehemaliger Major in Zivil und Anführer eines weißen Freiwilligentrupps, Maximilian Freiherr von Gagern, schlug Landauer mit dem Stiel seiner Reitpeitsche ins Gesicht. Es war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Misshandlungen. Schon wenige Stunden nach seiner Einlieferung lebte Landauer nicht mehr. Drei Schüsse in Kopf und Herz, von denen jeder einzelne tödlich war, wurden auf ihn abgegeben. Eine der Kugeln stammte aus einer Armeepistole. Es war also mindestens ein weiterer Offizier an Landauers Ermordung beteiligt.

Am darauffolgenden Tag revidiert sich Hofmiller in seinem Tagebuch: Die Leichen im Luitpold-Gymnasium sind nicht verstümmelt worden. In späteren Einträgen muss er sogar eine gewisse Mitschuld der Opfer einräumen. Die Gefährlichkeit ihrer Organisation verkennt Hofmiller immer noch: »Diese Thule-Gesellschaft scheint eine harmlose alldeutsche Loge gewesen zu sein«, glaubt er, »an der die Roten offenbar ein Exempel statuieren wollten. Sie hatten als Vereinsabzeichen das germanische Hakenkreuz.«

Verzerrte Erinnerung

Der Publizist Emil Julius Gumbel äußert sich in seinem Standardwerk zur Weimarer Republik, »Vier Jahre Politischer Mord« (1922), in einem eigenen Kapitel über »Die Erschießungen im Luitpoldgymnasium«: »So kamen zehn Menschen um. Doch befand sich unter den Erschossenen, wie aus der mir vorliegenden beglaubigten Abschrift der Urteilsbegründung hervorgeht, keine Geisel.« Auch auf die juristische Ahndung der Taten geht er ein: »Haußmann, der verantwortlich war, beging am Abend der Erschießungen Selbstmord. Eglhofer wurde nach seiner Gefangennahme am 3. Mai in der Residenz ohne Urteil erschossen. Seidel und Schickelhofer wurden wegen je zweier Verbrechen des Mordes zweimal zum Tode verurteilt. Wiedl, Pürzer, Fehmer und Josef Seidl wurden wegen je eines Mordes zum Tode verurteilt. Kick, Gsell, Hesselmann, Lermer, Hannes, Huber und Riedmayer wurden wegen Beihilfe zu je 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Todesstrafen wurden am nächsten Tage vollstreckt.« Es gab noch zwei weitere Todesurteile, im Herbst 1919 und im Frühjahr des darauffolgenden Jahres. Auch sie wurden vollstreckt.

Gesühnt waren die Toten aus dem Luitpold-Gymnasium damit noch nicht. Nach dem Sturz der Räteregierung, als eine Koalition von Sozialdemokraten, Liberalen und Konservativen Bayern regierte, wurde eine »Geiselmordaufklärungsstelle« ins Leben gerufen – mit dem Ziel, den durch den »roten Terror« hervorgerufenen Abscheu in der Bevölkerung möglichst lange anhalten zu lassen. Dafür bewilligte der Ministerrat 30.000 Mark. Auch die Nazis erinnerten in öffentlichen Veranstaltungen regelmäßig an den Jahrestag der Erschießungen und betrieben mit der »Geiselmordaffäre« gezielt antikommunistische und antijüdische Hetze. Die exekutierten Thule-Mitglieder und -Anwärter wurden zu Märtyrern der völkischen Bewegung gemacht.

Bis heute scheint auch in der nicht ideologisch belasteten Berichterstattung über die Nacht zum 30. April 1919 das so entstandene Bild nicht komplett entzerrt. Noch immer ist, selbst in um Aufklärung bemühten Beiträgen, vom Münchner »Geiselmord« die Rede.

Ralf Höller ist Historiker und Journalist. Von ihm erschien zuletzt in der Edition Tiamat: »Das Wintermärchen. Schriftsteller erzählen die Bayerische Revolution und Räterepublik 1918/19 (Berlin 2017). In der Ausgabe vom 6./7. April schrieb er in jW über den kurzen Frühling der Münchner Räterepubliken.

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