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Aus: Ausgabe vom 23.04.2019, Seite 6 / Ausland
Nordirlandkonflikt

Trauer um Lyra McKee

Nordirland: Tod einer Journalistin überschattet republikanische Ostermärsche. »Neue IRA« verdächtigt, Kundgebungen teilweise abgesagt
Von Dieter Reinisch, Belfast
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Kein Frieden in Derry, wo sich 1972 der »Bloody Sunday« ereignete (14.3.2019)

Jährlich gedenken zu Ostern republikanische Aktivisten in ganz Irland an den Dubliner Osteraufstand gegen die britische Kolonialmacht von 1916. Die diesjährigen Osteraufmärsche hat dabei der Tod einer Journalistin bei Ausschreitungen in Derry überschattet. In der Nacht zum Karfreitag, gegen 23 Uhr Ortszeit, hatte ein Maskierter etwa zehn Schüsse auf die Polizei abgefeuert. Dabei wurde die Journalistin Lyra McKee am Hals getroffen. McKee stand neben einem der gepanzerten Polizeiwagen. Auf dem Weg ins Krankenhaus starb sie an ihren Verletzungen.

Zwei zunächst tatverdächtige junge Männer sind nach ihrer Festnahme durch die Polizei wieder freigelassen worden, wie die Nachrichtenagentur AFP in der Nacht zum Montag berichtete. Demnach startete die Polizei am Sonntag einen neuen Zeugenaufruf. McKee war eine 29jährige Autorin und LGBT-Aktivistin aus Nordbelfast, die erst wenige Wochen zuvor nach Derry gezogen war.

Nach Hausdurchsuchungen im irisch-nationalistischen Arbeiterstadtteil Creggan war es zu stundenlangen Ausschreitungen zwischen Hunderten Jugendlichen und der nordirischen Polizei gekommen. Zwei Fahrzeuge wurden entführt und an strategischen Punkten in Brand gesetzt. So konnte die Polizei die Wohngebiete nicht betreten. Über 50 Brandsätze wurden in Richtung Polizei geworfen.

In einer Stellungnahme erklärte die Partei »Saoradh«, die als politischer Arm der »Neuen IRA« gilt, dass sie den Tod von McKee bedauere sowie Familie und Freunden ihr Beileid ausdrücke. Des weiteren gab die Partei die Schuld für die Ausschreitungen der Polizei. Der Parteivorsitzende aus Dublin, Brian Kenna, betonte, dass es ohne den »aggressiven Einsatz der Polizei« nicht zu den Ausschreitungen und dem Tod von McKee gekommen wäre. Die »Saoradh«-Stellungnahme erwähnte, dass der Schütze ein Mitglied der »Neuen IRA« gewesen sei. Von der »Neuen IRA« selbst liegt bisher noch keine Stellungnahme vor.

Am Ostersamstag organisierte »Saoradh« ihre zentrale Kundgebung in Dublin. Angeführt von rund 40 Aktivisten in olivgrünen Militäruniformen und mit Sonnenbrillen, nahmen etwa 500 Personen am Marsch teil. Ähnliche Märsche in den vergangenen Jahren in Coalisland, Derry und Belfast sahen jeweils Teilnehmerzahlen von 2.000 bis 4.000.

Vorm Hauptpostamt in Dublin erklärte Hauptredner Dee Fennell, ein prominenter Republikaner aus Belfast, dass sich »die IRA für den Tod an Lyra McKee öffentlich bei ihrer Familie und ihren Freunden entschuldigen soll«. Zugleich organisierte das »Republican Network for Unity« (RNU) ihren Marsch in Ardoyne, einem irisch-nationalistischen Wohngebiet in Nordbelfast. RNU gilt als der politische Arm der paramilitärischen Organisation »Óglaigh na hÉi reann«, die im Januar 2018 einen unbefristeten Waffenstillstand verkündet hatte. Bei dem Marsch an dem rund 200 Sympathisanten teilnahmen, verlas der ehemalige republikanische Gefangene Mairtin McLoone eine Stellungnahme, in der RNU ebenfalls den Tod von McKee bedauerte und allen Angehörigen das Beileid aussprach. Zugleich betonte er, dass Republikaner an ihren Idealen festhalten müssen, denn »nur der Republikanismus kann das Fundament für ein tatsächlich friedliches Irland bringen«. McLoone lebt im Stadtteil Creggan.

Aus Respekt vor dem Tod der Journalistin sagten »Saoradh« und die »Irische Republikanische Sozialistische Partei« (IRSP) ihre für Montag geplanten Gedenkmärsche in Derry ab. In Belfast fanden sie statt. Ebenso organisierte die Partei Sinn Féin ihren alljährlichen Osteraufmarsch am Sonntag entlang der Falls Road in Westbelfast. An der größten Parade nahmen wie jedes Jahr Tausende Menschen teil. Am Milltown-Friedhof, auf dem viele Republikaner begraben liegen, hielt Parteipräsidentin Mary Lou McDonald eine Rede. Sie beschrieb die Erschießung von McKee durch einen Blindschläger der »Neuen IRA« als »eine schockierende Tat, die sich gegen die Einwohner Derrys richte«.

Das Osterwochenende ist das wichtigste Datum im irisch-republikanischen Kalender. Alljährlich wird auf Kundgebungen auf der ganzen Insel an den antikolonialen Aufstand von 1916 erinnert. Damals riefen Republikaner und Sozialisten in Dublin eine unabhängige Republik aus. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, dennoch gilt er heute als wichtigstes Datum im irischen Unabhängigkeitskampf. Zwei Jahre später errang Sinn Féin einen überwältigenden Sieg bei den Wahlen, 1919 begann der Unabhängigkeitskrieg.

Dieter Reinisch ist Historiker und Adjunct Professor in International Relations in Wien und Salzburg. 2017 erschien von ihm »Die Frauen der IRA« bei Promedia.

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