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Aus: Ausgabe vom 23.04.2019, Seite 2 / Ausland
Ukraine nach den Wahlen

Sieg für Serienstar

Wolodimir Selenskij entscheidet ukrainische Präsidentenwahl für sich
Von Reinhard Lauterbach
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Neuer Mann in Kiew: Der bisherige Präsidentendarsteller Wolodimir Selenskij (21.4.2019)

In der Ukraine haben die Wählerinnen und Wähler den bisherigen Präsidenten Petro Poroschenko abgewählt. In der Stichwahl am Sonntag kam der Amtsinhaber nur noch auf 24,5 Prozent. Sein Herausforderer, der Fernsehunterhalter und Serienstar Wolodimir Selenskij, erzielte im Landesdurchschnitt 73,4 Prozent. Poroschenko lag einzig in der Nationalistenhochburg Lwiw mit vergleichsweise bescheidenen 56 Prozent vorn. Selenskij räumte dagegen vor allem im russischsprachigen Osten und Süden der Ukraine ab. Der bisherige Präsidentendarsteller erreichte zwischen Odessa und Charkiw flächendeckend Ergebnisse um die 80 Prozent. Und im durch den anhaltenden Bürgerkrieg geteilten Gebiet Luhansk schaffte es Selenskij sogar, bis zu 88 Prozent der Stimmen auf sich zu vereinen. Der nun abgewählte Poroschenko kassierte dort mit knapp neun Prozent sein landesweit schlechtestes Ergebnis.

Sein erstes Ziel als neuer Präsident der Ukraine werde sein, den Friedensprozess für das Donbass wiederzubeleben, erklärte der 41jährige Selenskij nach der Wahl. Das ist freilich leichter gesagt als getan, denn vor der Wahl hatte er deutlich gemacht, dass er eine Rückkehr des Donbass in die Ukraine einzig zu ukrainischen Bedingungen anstrebe. Eine Autonomie für das 2014 abgespaltene Industriegebiet im Tausch gegen eine Auflösung der dortigen Volksrepubliken lehnte Selenskij ausdrücklich ab. Ebenso verkündete er seine Unterstützung für das derzeit im Parlament beratene Sprachgesetz. Das hat zum Ziel, die russische Sprache aus dem öffentlichen Leben des Landes, aus den Schulen und Hochschulen noch stärker zu verdrängen.

Poroschenko räumte seine Niederlage ein und betonte dabei die demokratische Verfasstheit der Ukraine. Er bot Selenskij an, ihn zu unterstützen, sofern er den bisherigen Kurs der Annäherung an das Kriegsbündnis NATO und an die Europäische Union fortsetze. Aus den westlichen Hauptstädten bekam Selenskij freundliche Glückwünsche. Die waren allerdings mit Bedingungen versehen. So sicherte US-Präsident Trump dem Wahlsieger seine Unterstützung für die »territoriale Integrität der Ukraine« zu – und damit nicht für irgendwelche Zugeständnisse. Der russische Ministerpräsident, Dmitri Medwedew, erklärte umgekehrt, dass ein »Neustart« der ukrainisch-russischen Beziehungen durchaus möglich sei. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass Selenskij die »seit 2014 entstandenen Realitäten« anerkennt. Kurz vor der Stichwahl hatte Russland ein Embargo für Öl und Treibstoffe gegen die Ukraine verhängt. Die Drohung einer Nichtanerkennung der Wahlergebnisse durch Moskau scheint nun vom Tisch zu sein. Die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel (CDU), lud Selenskij zum Antrittsbesuch nach Berlin ein, wie die Deutsche Presseagentur am Montag berichtete.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Richartz, Solingen: Parteibuchpolitik Schaut man derzeit auf die Ukraine, so ahnt man, warum deutsche Politiker die Wahl der politischen Führung nicht dem Volk überlassen: Kandidaten ohne Parteibuch und mit analytischem Blick auf die Hint...
  • Hans Gielessen, Frankfurt am Main: Im gegebenen Rahmen Richtig, »wählen« lässt sich in der Ukraine nur in dem vom Staatsstreich von 2014 vorgegeben Rahmen. Selenskys Wahl setzt da nur einen leicht anderen Akzent – weg von dem von Deutschland präferierten ...
  • Ira Bartsch, Lichtenau-Herbram: Chance auf Neuanfang Wolodimir Selenskij ist bekanntlich nicht der erste politische Quereinsteiger – und, sollte er über einen einigermaßen gesunden Menschenverstand verfügen, so wird er wohl auch kaum zum Unwürdigsten im...

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