Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
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Aus: Ausgabe vom 23.04.2019, Seite 2 / Inland
Aus der Geschichte lernen

»Wir wollen zeigen: Du bist nicht alleine«

Antifareise zeigt Jugendlichen die Geschichte des Widerstands. Im August geht es nach Prag und Theresienstadt. Ein Gespräch mit Gesine Lötzsch
Interview: Gitta Düperthal
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Vom Prager Bahnhof Bubny wurden ab Oktober 1941 etwa 50.000 tschechische Juden in deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager transportiert

Jedes Jahr können Jugendliche von 16 bis 26 Jahren an einer einwöchigen Reise teilnehmen, um sich auf die Spuren des antifaschistischen Widerstands zu bewegen. In diesem Jahr geht es vom 12. bis 16. August nach Prag und Theresienstadt. Was wollen Sie damit bewegen?

Der Sinn unserer Antifareise besteht darin, dass wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen wollen, um aus ihr zu lernen. Dadurch soll auch Kraft geschöpft werden, um sich der aktuell wiedererstarkenden extrem Rechten in der Bundesrepublik und in Europa entgegenzustellen. Ich kenne viele aktive junge Antifaschisten, die sich für Geschichte interessieren. Um Konzepte für eine den heutigen Bedingungen angemessene politische Bewegung entwickeln zu können, brauchen sie aber Motivation, Unterstützung und Informationen. In der Vergangenheit sind Menschen immer wieder solidarisch für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit eingetreten, haben dafür sogar ihr Leben geopfert. In der Schule lernen Jugendliche kaum all diese wichtigen Details über den Widerstand. In diesem Jahr werden wir mit einer Wanderung im Grenzgebiet von Sachsen bei Pirna starten, wo sich die Partisanen im Widerstand gegen den deutschen Faschismus zwischen 1933 und 1945 mutig durchgekämpft haben. Dann geht es weiter nach Prag und Theresienstadt.

Die Nazis deportierten einst Künstlerinnen, Intellektuelle und Aktive im kommunistischen Widerstand ins Ghetto und KZ Theresienstadt. An welchem Punkt werden Sie ansetzen?

Wir wollen uns mit den Orten beschäftigen, an denen Nazis einst versucht haben, die Menschen zu brechen. Durch die Organisierung von Kulturschaffenden und das gegenseitige Inspirieren von künstlerischer Betätigung konnte es gelingen, dem faschistischen Regime etwas entgegenzusetzen.

Die im Widerstand aktive Kommunistin Friedl Dicker-Brandeis wurde bereits 1934 monatelang inhaftiert und floh nach Prag. 1942 deportierten die Nazis sie nach Theresienstadt. Die jüdische Künstlerin gestaltete Plakate, auf denen sie etwa Bertolt Brecht zitierte: »Wenn dir (…) diese Welt nicht gefällt, dann musst du sie eben ändern.« Am 9. Oktober 1944 wurde sie in Auschwitz-Birkenau vergast. Sind es Geschichte wie die ihrige, auf die Sie hinweisen wollen?

Genau über solche konkreten Beispiele wollen wir uns vor Ort informieren und sie diskutieren. Die Geschichte des damaligen Widerstands wollen wir dabei stets mit der Perspektive anschauen: Was können wir den heutigen Faschisten entgegensetzen? Wir diskutieren das bei unseren Reisen mit Zeitzeugen, von denen leider mittlerweile viele verstorben sind, sowie mit deren Nachfahren.

Seit mehr als zehn Jahren veranstalten Sie diese Antifareisen. Wie kommt das bei jungen Menschen an?

Jugendliche haben unterschiedliche Erfahrungen. Einige sind schon organisiert, haben zu Demonstrationen aufgerufen, Theaterstücke und Gedichte geschrieben oder Filme zum Antifaschismus gedreht. Sie haben sich mit zentralen Fragen auseinandergesetzt: Wie wird man von einer rechten Ideologie eingefangen? Wie kann man sich daraus befreien und sich den Rechten entgegenstellen? In Großstädten wie Berlin ist all das meist einfacher als in Kleinstädten, weil man leichter Kontakt findet. Wir wollen den Jugendlichen zeigen: Du bist nicht alleine. In unserer Gruppe können bis zu 16 Leute mitreisen. Die Reise wird finanziert, dafür spenden Abgeordnete aus verschiedenen Bundesländern. Schülerinnen und Schüler sowie Studierende können sich bewerben. Wir hatten auch schon einen jungen Mann in der Lageristenausbildung dabei oder einen jungen Busfahrer, der zeitweise erwerbslos war.

Bewerbungsschluss ist der 8.Mai. Haben Sie das Datum bewusst gewählt?

Ja. Es passt, so den Tag der Befreiung vom Faschismus, der Kapitulation der deutschen Wehrmacht und des Endes des Zweiten Weltkriegs 1945 zu würdigen.

Welches besondere Erlebnis erinnern Sie von vergangenen Reisen?

2008 waren wir in Griechenland und haben den legendären Widerstandskämpfer Manolis Glezos getroffen. Am 30. Mai 1941 erklomm er zusammen mit Apostolos Sandas die Akropolis und riss dort die von deutschen Besatzern drei Tage zuvor gehisste Hakenkreuzfahne herunter.

Gesine Lötzsch ist Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, stellvertretende Fraktionschefin und Vereinsvorsitzende von »Zivilcourage vereint«

zivilcouragevereint.de

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