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Aus: Ausgabe vom 20.04.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Simbabwe

Dort, wo sie »Vater Simbabwe« verehren

Simbabwe war einst der Brotkorb des südlichen Afrika und Bulawayo dessen »industrielles Herz«. Ein Besuch heute
Von Simon Miller, Harare
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Der »Vater Simbabwes«, Joshua Mqabuko Nyongolo Nkomo, in Bulawayo für die Ewigkeit in Bronze gegossen (21.1.2019)

»Welcome to Zimbabwe. J. M. Nkomo International Airport«. Wir sind in Bulawayo, der Hauptstadt der Provinz Matabeleland, gelandet. Es ist Regenzeit. Das aus Harare kommende Flugzeug hat etwas geschaukelt, als es durch die Regenwolken brauste. Aber hier am Boden ist es windstill und trocken. Die Sonne beschert angenehme 25 Grad. Das Begrüßungsschild am Dach des Flughafens ist die erste Begegnung mit »Vater Simbabwe«, wie die Einwohner der Millionenmetropole ihren Helden aus der Zeit des Unabhängigkeitskampfes liebevoll nennen. Eben ihm, Joshua Mqabuko Nyongo­lo Nkomo, und nicht dem bis zu seinem Sturz im November 2017 über mehr als drei Jahrzehnte herrschenden Robert Mugabe oder gar dessen Nachfolger Emmerson Mnangagwa, dem heutigen Präsidenten, wird diese Ehrung zuteil.

In der Empfangshalle fällt der Blick auf einen Kiosk mit dem Logo der Joshua Nkomo National Foundation – seinem Porträt und einer Friedenstaube. Wer sich interessiert, kann hier neben Souvenirs mit seinem Konterfei eine Broschüre über ihn und sein Buch »The Story of My Li fe« erwerben. Aufschlussreiche Fotos im Schaufenster zeigen Nkomo mit Persönlichkeiten der Weltgeschichte – mit Nelson Mandela, Jassir Arafat, Fidel Castro und freilich auch mit Robert Mugabe, obwohl der heute 95jährige nicht zu seinen engsten Freunden zählte.

Zu einem Foto – Nkomo in einer prächtigen Generalsuniform – erzählt mir später in der Stadt ein Advokat eine amüsante Geschichte. Als Freiheitskämpfer in der Sowjetunion militärisch ausgebildet, kann er aus dem Nähkästchen plaudern. Nkomos Partei »Zimbabwe African Peoples Union« und die Freiheitsorganisation »Zimbabwe Peoples Army« genossen die Unterstützung Moskaus und osteuropäischer sozialistischer Staaten. Mugabes Partei »Zimbabwe African National Union« hingegen war schon damals ideologisch und praktisch mit Bejing verbandelt. Bis heute ist die VR China ein treuer Verbündeter dieser Partei und der Regierung in Harare.

Nun zu dem Bild mit der Generalsuniform: Die soll in den Schneiderwerkstätten der Nationalen Volksarmee der DDR gefertigt worden sein. Nkomo war ja von außerordentlich beleibter Statur. Und angesichts seiner Leibesfülle ein passendes und repräsentativ wirkendes Kleidungsstück zu schneidern, trauten die Guerillas wohl nur deutscher Akkuratesse zu, in diesem Fall »made in GDR«. Soweit die Erklärung des Advokaten in Bulawayo.

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Auf der Suche nach recyclingfähigem Müll nehmen sich diese Männer eine kurze und unbequeme Auszeit in Simbabwes Hauptstadt Harare (24.2.2019)

Armut allgegenwärtig

Die dritte Begegnung mit Nkomo dann am nächsten Tag bei der Erkundung des Stadtzentrums. Auf dem Rondell zwischen Plumtree Road und der 8th Avenue ragt auf einem hohen Sockel die massige Bronzefigur des 1999 im Alter von 82 Jahren gestorbenen Politikers und ehemaligen Vizepräsidenten der Republik in den blauen Himmel. Kinder spielen zu seinen Füßen. Arbeitslose Menschen trinken Bier. Ein Liebespärchen turtelt auf einer Bank. Schülerinnen stellen sich zu einem Gruppenfoto auf. Das Volk eben. Der »Vater« wollte es in eine bessere Zukunft führen.

In den Gesprächen mit Umstehenden wird schnell deutlich, dass das Volk auf eine lichte Zukunft noch immer wartet. Simbabwer unterhalten sich gern und lange, erst recht mit einem wissbegierigen Ausländer. Ein Lehrer, der in seinem Beruf keine Beschäftigung findet und sich mit dem Verkauf von Zeitungen durchschlägt, äußert: »Als unser Land 1980 unabhängig wurde und die weiße Minderheitsregierung kapitulieren musste, erbten wir mit einer florierenden Agrarwirtschaft, intensivem Bergbau und boomendem Tourismus ein Juwel. Heute nach fast 40 Jahren finden Sie einen Müllhaufen.« Simbabwe habe früher als Brotkorb des südlichen Afrika und Bulawayo mit mehr als 200 Betrieben als sein industrielles Herz gegolten. Geblieben seien davon ein paar Dutzend, darunter auffällig viele Brauereien. »Als ob die Leute die Lage nur im Suff ertragen können«, mutmaßt er sarkastisch.

»Ich verkaufe nicht nur Zeitungen, ich lese sie auch«, fügt der Lehrer hinzu. Deshalb kenne er die schockierenden Zahlen: Über 90 Prozent der Bevölkerung seien arbeitslos, mindestens drei Millionen Menschen arbeiteten im Ausland. Mehr als 30 Prozent der 16 Millionen Simbabwer lebten unter der Armutsgrenze. 2017 habe das Bruttoinlandsprodukt bei 927 Dollar pro Kopf gelegen, niedriger als zu Kolonialzeiten unter Großbritannien. Im Januar 2019 habe die Inflationsrate 56 Prozent erreicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrage bei den Männern 60 und bei Frauen 64 Jahre. Eine Schande sei das alles. Nkomo, der Held der Ndebele, die in diesem Landesteil die Mehrheit bilden, würde sich angesichts dieser Misere im Grabe umdrehen. Dafür habe er nicht gekämpft, zehn Jahre im Kerker gesessen und danach zäh verhandelt, um das Unrechtsregime der weißen Machthaber zur Aufgabe zu zwingen.

»Begleiten Sie mich in einen Supermarkt, da bekommen Sie eine Vorstellung davon, was hier los ist«, lädt mich eine ältere Frau ein. Wir müssen an einer Tankstelle vorbei. Präsident Mnangagwa hatte im Januar über Nacht eine 150prozentige Preissteigerung für den raren, ausschließlich importierten Treibstoff angeordnet. Angezeigt ist, dass ein Liter Diesel offiziell 3,20 Dollar und ein Liter Benzin 3,38 Dollar kostet. Tatsächlich sind sie unter vier Dollar nicht zu bekommen. Die Schlange geduldig wartender Kraftfahrer windet sich um mehrere Straßenecken. Die unverschämte Preisexplosion lieferte ein paar Tage später den Anlass für Unruhen. Der oppositionsnahe Dachverband der Gewerkschaften rief unter dem Motto »Bleibt zu Hause« gleich nach Mnangagwas Mitteilung zu einem dreitägigen zivilen Protest auf. Es standen landesweit nicht nur Betriebe, Verkehr und Transport still, auch Behörden und Bildungseinrichtungen blieben geschlossen. Auf den Straßen gab es keine Orientierung und keine richtungweisende Demonstration. Hingegen brennende Autos, Straßensperren, Plünderungen von Geschäften, auch der kleinen Verkaufsstände. Selbst an gut gesicherten Supermärkten brachen Bulldozer die Wände auf. Drei Tage dauerte das Wüten. Polizisten und Soldaten rückten mit Knüppeln und Tränengas an. Es wurde scharf geschossen. Offiziell gab man drei Tote zu. Menschenrechtler sprachen von mehr als einem Dutzend Todesopfern und weit über 100 Verletzten. Die Regierung ließ mehrfach in diesem Zeitraum das Internet sperren, um überhaupt Herr der Lage zu werden. Insgesamt dauerte es eine Woche, ehe der normale Lebensrhythmus wieder in Gang kam. Dem armen Land entstand unermesslicher materieller Schaden. Die ohnehin zögerlichen Investoren aus dem Ausland, um die der Präsident bei jeder Gelegenheit händeringend wirbt, sahen sich in ihren Zweifeln, hier Geschäfte zu machen, bestärkt.

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Offizielles Zahlungsmittel bis zum Ende des Multiwährungssystems neben dem südafrikanischen Rand und dem US-Dollar: Bond-Scheine, hier auf einem Gemüsemarkt in Harare (23.1.2019)

Wir sind im Supermarkt angelangt und schauen in die Regale. »Wenigstens gibt es jetzt wieder das Notwendigste zum Leben, auch wenn das meiste für mich unerschwinglich ist«, sagt die Dame an meiner Seite. Hier ein paar Beispiele: Ein Toastbrot kostet 2,50 Dollar, ein Kilo Rindfleisch neun Dollar, ein Kilo Äpfel 5,50 Dollar, ein Pfund frischer Flussfisch 3,42 Dollar, ein Viererpack Toilettenpapier 4,15 Dollar, und zwei Kilogramm Weizenmehl machen 4,45 Dollar. Für die Grundlage des Hauptnahrungsmittels Sadza-­Brei, Maismehl, müssen für zehn Kilogramm 7,89 Dollar bezahlt werden. Zwei Kilo Reis kosten 7,15 Dollar, eine 100-Beutel-Packung schwarzer Tee 3,99 Dollar. Für einen Liter homogenisierte Vollmilch muss man 3,09 Dollar hinblättern, für 400 Gramm Milchpulver 9,99 Dollar, für zwei Liter Speiseöl bis zu 9,45 Dollar, für sechs Eier 2,10. Gemüse ist etwas günstiger: Ein Kilo Kartoffeln kostet 1,50 Dollar, Zwiebeln 1,70 Dollar und Tomaten 1,85 Dollar.

Währung stabilisieren

Mit den Dollars hat es eine besondere Bewandtnis. Mugabe hatte Mitte der 1980er Jahre das Land so abgewirtschaftet, dass die Preise ins Uferlose schossen und es zu einer Hyperinflation kam. Tag und Nacht wurden Millionen- und Milliardenscheine ausgedruckt. 2016 ließ der Präsident ein Multiwährungssystem einführen. Offizielle Zahlungsmittel wurden der US-Dollar, der südafrikanische Rand und einheimische Bond-Scheine. Diese wurden staatlich auf einen Eins-zu-eins-Kurs zum US-Dollar festgesetzt, was bei der maroden simbabwischen Wirtschaft von Anfang an illusorisch war, zumal der Bond nicht konvertierbar war. Schnell entstand ein Geldschwarzmarkt. In den Geschäften konnte man mit allen drei Währungen bezahlen. Doch der US-Dollar war am begehrtesten. Im Staatshaushalt entstand ein solcher Devisenmangel, dass Ende 2018 die Treibstoffimporte, aus Südafrika eingeführte Medikamente und importiertes Mehl nicht mehr bezahlt werden konnten. Dem Stadtwasserwerk Bulawayos drohte der Produktionsstopp, weil es die für Desinfektion erforderlichen Chemikalien aus dem Ausland nicht mehr nachkaufen konnte. Ausfälle in der Wasser- und auch in der Stromversorgung wurden immer häufiger. Simbabwe stand vor dem Kollaps. Über Wochen bekamen Patienten ihre Medikamente nur noch gegen US-Dollar. Ärzte, Lehrer, Anwälte und Beamte streikten. Sie wollten ihre Gehälter in US-Dollar ausgezahlt bekommen. Ein Kredit der Afrikanischen Entwicklungsbank konnte vorübergehend helfen.

Mitte Februar verfügte dann John Mangudya, Gouverneur der Reserve Bank of Zimbabwe, das Ende des Multiwährungssystems. Er führte den »RTGS-Dollar« (Real Time Gross Settlement; Direkttransaktion in Echtzeit) ein, der auf die Rückkehr zu einer stabilen nationalen Währung zielt. Finanzminister Mthuli Ncube strebt das innerhalb von zwölf Monaten an. Der RTGS-Dollar soll laut Mangudya »Vernunft in den Markt mit ausländischen Währungen bringen«. Den Kurs zum US-Dollar werde nicht mehr seine Bank festlegen, sondern der Markt regeln. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Die illegalen Geldhändler tauschten bis zuletzt einen US-Dollar für drei bis vier Bonds. Zweifler äußerten, ohne ein Ankurbeln der industriellen Produktion, des Bergbaus, der Landwirtschaft und der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten würden alle Währungsmanipulationen verpuffen.

James, ein simbabwischer Journalistenkollege, will mir zu einem optimistischen Eindruck verhelfen und schlägt vor, das Ausbildungszentrum von »Jairos Jiri« zu besuchen. Das ist die größte einheimische Nichtregierungsorganisation des Landes, 1950 von dem gleichnamigen Philanthropen hier in Bulawayo gegründet und inzwischen in 13 Städten und Ortschaften nach James Worten als »namhafte humanitäre Entwicklungsagentur« bekannt und geschätzt.

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Obwohl der Benzinpreis mehr als verdoppelt wurde, warten Autofahrer in Harare geduldig auf die Mangelware Kraftstoff (12.1.2019)

Aus eigener Kraft

Der Kollege stellt mich am nächsten Morgen auf eine Geduldsprobe. Wieder einmal muss ich mit der auf dem ganzen Kontinent verbreiteten Unpünktlichkeit fertig werden. Es ist bestimmt kein böser Wille, spät, mitunter sehr spät zu einer Verabredung zu erscheinen. Aus auswärtiger Sicht ist es unhöflich und eine Unsitte, hier einfach Gewohnheit. Doch James trifft bereits eine Stunde nach der vereinbarten Zeit ein. Eine Erklärung oder gar Entschuldigung hält er nicht für nötig. Die leitende Lehrausbilderin Matilda Mzondiwa erzählt uns, dass zu »Jairos Jiri« das Berufsbildungszentrum für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen gehört, aber auch über das ganze Land verteilte Farmen, Waisen- und Altenheime, orthopädische Werkstätten, ein Rehazentrum, eine holzverarbeitende Fabrik, ein Sägewerk, Kindergärten, Schulen, darunter eine zum Erlernen der Gebärdensprache, und Geschäfte, die Kunsthandwerk verkaufen, das von Menschen mit Behinderung gefertigt wurde. »Hunderten Menschen haben wir mit unserem Engagement bereits eine Perspektive gegeben«, erklärt Frau Mzondiwa.

Hier im Berufsbildungszentrum laufen gut besuchte Kurse, an denen auch Menschen ohne Behinderung teilnehmen dürfen. Sie werden zu Sekretärinnen, Friseurinnen und Kosmetikerinnen, Tischlern, Korbflechtern, Schlossern, Elektrotechnikern und im Schneiderhandwerk ausgebildet. Wir sehen der 22jährigen Anita Ncube beim Training zu. Sie lernt in diesem Jahr als Friseurin aus. Trotz ihrer deformierten Finger arbeitet sie geschickt und flink an einer Perücke. In Simbabwe tragen viele Frauen phantasievolle Gebilde aus synthetischem Material oder aus echtem importierten Haar. Von ihrem eigenen gekräuselten Haar sind vor allem die jungen Frauen angesichts medialer Stereotype, die glattes Haar propagieren, nicht begeistert. Die Ausbilderin lobt ihre Auszubildende: »Sie ist talentiert und fleißig. Und sie hat sogar schon Kunden.« Anita Ncube lächelt: »Ja, ich will mich selbständig machen. Mein Ziel ist ein eigenes Geschäft, das mir meine Zukunft sichert.«

Wenigstens hier bei »Jairos Jiri« ein Lichtblick, an dem sich auch »Vater Simbabwe« erfreuen würde.

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