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1884, 24. April: Reichskanzler Otto von Bismarck telegrafiert dem deutschen Konsul in Kapstadt, dass die Erwerbungen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz im Südwesten Afrikas fortan unter dem Schutz des Deutschen Reiches stünden. Lüderitz hatte im Jahr zuvor eine Bucht und einen Teil der Küste des von den Name besiedelten Landes erworben. Das vormals Lüderitzland genannte Gebiet wird noch im selben Jahr unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) zur ersten offiziellen deutschen Kolonie. 1904 verüben die deutschen Truppen einen Völkermord, um den Widerstand der Einheimischen zu brechen, und töten nach verschiedenen Schätzungen zwischen 50.000 und 80.000 Menschen.

1949, 23. April: Der Richter Walter Tyrolf spricht den Regisseur des NS-Propagandafilms »Jud Süß« (1940), Veit Harlan, von der Anklage der »Beihilfe zur Verfolgung« frei. Das Hamburger Schwurgericht kann keine Mitverantwortung Harlans für den Holocaust erkennen, schließlich stamme das Drehbuch nicht von ihm, auch habe er unter einer Art Befehlsnotstand gehandelt. Die Nazis hatten den Film offensiv genutzt. So war »Jud Süß« Einsatzkommandos in Osteuropa sowie den Wachmannschaften der SS in den Konzentrations- und Vernichtungslagern gezeigt worden. Die im Gerichtssaal Anwesenden reagieren auf den Freispruch mit lautem Jubel und tragen Harlan auf den Schultern aus dem Gericht. Während des Prozesses war es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen des Publikums gekommen. Richter Tyrolf war 1937 der NSDAP beigetreten und hatte als Staatsanwalt eines Hamburger Sondergerichts mehrmals erfolgreich in Fällen von Diebstahl und »Rassenschande« auf die Todesstrafe plädiert.

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1959, 24. April: In Bitterfeld, dem Zentrum der Chemieindustrie, treffen sich Autoren und Kulturpolitiker zur ersten sogenannten Bitterfelder Konferenz. Das Treffen vertieft die bereits 1958 begonnene Kulturrevolution in der DDR und begründet den »Bitterfelder Weg«. Das Ziel der kulturpolitischen Langzeitkampagne ist es, einerseits Laien aus der Arbeiterklasse an die Kultur heranzuführen (»Greif zur Feder Kumpel! Die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!«), und andererseits die Schriftsteller auf die industrielle Produktion zu orientieren, was zu einer dauerhaften Verbindung zwischen Autoren und Betrieben führt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.04.2019, Seite 15, Geschichte

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