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Aus: Ausgabe vom 20.04.2019, Seite 8 / Ausland
Lage in Nordsyrien

»Gesellschaftlicher Konflikt wird noch lange präsent sein«

Islamistische Ideologie bleibt gefährlich: Rojava durch Kräfte von außen und innen bedroht. Ein Gespräch mit Michael Wilk
Interview: Gitta Düperthal
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Eine Kämpferin der »Demokratischen Kräfte Syriens« auf einem Friedhof in Kobani (11.10.2017)

Sie waren vom 6. bis zum 16. April in der »Demokratischen Konföderation Nordsyrien«, um der Hilfsorganisation »Kurdischer Roter Halbmond« beim Aufbau des dortigen Gesundheitssystems zu helfen. Linke unterstützen die Region Rojava, weil dort Räte, paritätisch mit Frauen und Männern besetzt, Entscheidungen treffen und ethnische sowie religiöse Minderheiten mitbestimmen. Was haben Sie erlebt?

Wer meint, dass nach der letzten Schlacht gegen den sogenannten Islamischen Staat, IS, in Baghus die Region befriedet ist, irrt. Zwar haben die »Demokratischen Kräfte Syriens« – ein Zusammenschluss kurdischer, arabischer und assyrischer Einheiten – die Terrormiliz besiegt, dennoch bleibt die Lage prekär. Das zeigt sich zum Beispiel im völlig überfüllten Lager Al-Hol, wo der »Kurdische Halbmond«, unterstützt von deutschen Nichtregierungsorganisationen wie »Medico international« und »Cadus«, Menschen medizinisch versorgt. Aktuell sind dort mehr als 75.000 aus der ehemaligen IS-Hochburg Baghus Geflüchtete untergekommen. Das Lager ist allerdings nur für eine Aufnahme von 20.000 konzipiert.

Welche Probleme gibt es weiterhin mit dem IS?

In Al-Hol zeigt sich, dass die militärische Zerschlagung nicht bedeutet, dass die autoritäre Philosophie aus den Köpfen der Menschen verschwunden ist. Tausende islamistisch geprägte Familienangehörige sind dort untergebracht. Frauen waren in bezug auf die Terrormiliz nicht nur Unterworfene, viele vertreten die religiös-faschistoide Ideologie mit Überzeugung. Tief verschleiert protestieren sie etwa, weil sie nicht von ihren IS-Männern getrennt sein wollen. Offenbar fühlten sich viele aufgewertet, weil sie sich in der Position befanden, über andere Herrschaft ausüben zu können; sich etwa »jesidische Sklavinnen« zu halten. Fanatisierte IS-Gläubige trauern dem verlorenen totalitären System nach und zwingen beispielsweise kleine Mädchen zur Vollverschleierung. Dieser gesellschaftliche Konflikt wird noch lange Zeit in Rojava präsent sein. Es gibt aber Hoffnung: etwa durch die Präsenz von aufrechten, freien kurdischen Frauen, die selbstbewusst mit Männern umgehen und stets auf Augenhöhe mit ihrem Gegenüber sprechen.

Mit welchen Hinterlassenschaften der aufgelösten Kalifate müssen die Menschen dort umgehen?

Zu befürchten ist, dass abgetauchte IS-Krieger Sabotage treiben und Anschläge verüben. Wem es gelungen ist, sich der Verhaftung zu entziehen, der findet sich in islamistischen Kampfeinheiten wieder, die im Einflussbereich der Türkei ihre Wut an der Bevölkerung ausleben. Viele haben sich direkt in die Türkei abgesetzt oder in von ihr dominierte und besetzte Gebiete in Syrien, nach Idlib oder Afrin.

Droht Rojava zwischen der Türkei, den USA, Frankreich, Großbritannien, Russland und der syrischen Regierung zerrieben zu werden?

Ständige Kriegsbedrohung ängstigt die Menschen in Rojava. Die Bevölkerung erinnert sich an den Einmarsch der türkischen Armee in Afrin mit Hilfe von Dschihadisten. Das AKP-Regime des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hasst nichts mehr als den selbstbestimmten Aufbau einer Gesellschaft unter Mitbestimmung von Kurdinnen und Kurden. Seit US-Präsident Donald Trump den Rückzug seiner Truppen ankündigte, wird das taktisch-strategische Bündnis mit dort stationierten US-Amerikanern, Franzosen und Engländern kaum mehr als Schutz gegen eine türkische Invasion wahrgenommen. Es gibt deutliches Misstrauen gegenüber den westlichen Mächten.

Kommt mehr humanitäre Hilfe in Rojava an?

Die Europäische Union unterstützt in Nordsyrien tätige Nichtregierungsorganisationen, aber sie tut es nicht in ausreichendem Maße. Echte Hilfe zum Wiederaufbau der Zivilgesellschaft fehlt. Auch die Bundesregierung verweigert sich dem nach wie vor. Statt dessen veranlasst Berlin weiterhin die Kriminalisierung kurdischer Aktivisten und Organisationen unter dem Vorwand einer PKK-Zugehörigkeit und biedert sich so dem türkischen Regime an.

Michael Wilk ist Arzt und reist seit 2014 immer wieder in die »Demokratische Konföderation Nordsyrien«

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