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Aus: Ausgabe vom 18.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Wo er das herhat

Brauner Sumpf: Die Verfilmung von Ferdinand von Schirachs »Der Fall Collini«
Von André Weikard
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Ein letzter stechender Blick: Rächer Fabrizio Collini (Franco Nero) und Jean-Baptiste Meyer (Manfred Zapatka)

Elyas M’Barek kommt einem nicht sofort in den Sinn, wenn man die Rolle eines Aufkläreranwalts von NS-Verbrechen in einem Gerichtsdrama zu besetzen hat. Der gelockte Dauerlächler, bekannt aus den Filmen »Fack ju Göhte«, »Fack ju Göhte 2« und »Fack ju Göhte 3«, macht seine Sache in »Der Fall Collini« aber gut. Das liegt zum Teil daran, dass Autor von Schirach, der für die Romanvorlage verantwortlich ist, in all seinen Büchern die immer gleiche Hauptfigur präsentiert: gutaussehender, junger Anwalt, der erstmals mit dem echten Berufsleben konfrontiert wird – und sich auf die Seite des Rechts schlägt, auch wenn ihn das die Karriere kosten kann.

In »Der Fall Collini« wird das durchgenudelte Schema noch einmal gewaltig überstrapaziert. Der Idealist in Anwaltsrobe muss nicht nur der Versuchung widerstehen, seinen Mandanten aufzugeben und sich so den einflussreichen Nebenklägern anzubiedern. Er muss sich zudem noch gegen seine Jugendliebe (Alexandra Maria Lara) stellen. Denn der Mann, den er zu verteidigen hat, hat ihren Vater ermordet.

Für so viel Edelmut und Rechtschaffenheit zollen seine Mitarbeiter dem Junganwalt gehörig Respekt. Das führt zu einer grotesk-lächerlichen Szene, in der M’Barek nach getaner Arbeit aus dem Gerichtssaal gockelt und das schwärmerische Publikum auf der Zuschauerbank ihm dabei anhimmelnd mit Augen und Kopfbewegung folgt wie das Tennispublikum dem Ball. Für diese Unszene würde man dem jungen Regisseur Marco Kreuzpaintner den kürzlich verliehenen Grimme-Preis am liebsten wieder wegnehmen, wenn nicht, ja, wenn seine auch sonst so grauslich plakative Erzählweise dem Justizdrama an anderer Stelle nicht so guttäte.

Da ist zum Beispiel die Beerdigung des Ermordeten. Der Unternehmer wird in einer aufdringlich inszenierten Zeremonie zwischen Fahnen und Grabkränzen mit Schleife, Burschenschaftsband und alten Herren mit Schmissnarbe, »Gott mit uns«-Gemurmel und anschließendem Leichenschmaus mit Degenbehang beigesetzt, dass einem der Ekel vor so viel reaktionärem Brauchtum hochkommt. Und darum geht es ja eigentlich in »Der Fall Collini«. Um Seilschaften von Industrie, Politik und Justiz, die dazu geführt haben, dass der braune Sumpf in der Bundesrepublik nie wirklich trockengelegt wurde. Es geht um einen Mann, der Jahrzehnte lang unter diesem Unrecht gelitten hat und dann zur Waffe greift, um den zu richten, den westdeutsche Gerichte trotz erwiesener Morde an unschuldigen Zivilisten unbestraft ließen.

Genauso plump erzählt, aber unterhaltsam ist es auch, wenn die Tochter und Firmenerbin des getöteten Patriarchen gegen den Verteidiger und Exfreund aus Jugendtagen wütet: »Ohne ihn (gemeint ist der tote Herr Papa) würdest du heute Döner verkaufen.«

Das eigentliche Highlight des Films, wegen dem es sich auch lohnt, die Holzhammermethode von Regie und Drehbuch zu schlucken, ist Heiner Lauterbach. Als diabolischer Graurücken, der mal gnadenlos zynisch, mal schmeichlerisch leichtfüßig und eloquent vor Gericht brilliert und gegenüber dem unbeholfenen Verteider M’Bareks in jeder Situation überlegen wirkt, macht er die Verhandlungsszenen zu einem Spektakel. Auch Italo-Western-Legende Franco Nero, der den späten Rächer spielt, imponiert mit einem von zurückgehaltener Wut entstellten Gesicht, dem die Anspannung die Augäpfel aus den Höhlen zu pressen scheint.

Mit zur prominenten Besetzung gehört auch Manfred Zapatka. Der gibt das Mordopfer mit SS-Vergangenheit als sanft lächelnden Wolf im Schafspelz. Das Schmunzelmonster mit der Kreidestimme schreitet dann auch entschlossen ein, als sein Enkel ein Ausländerkind als »Kümmeltürke« beleidigt. »Ich weiß nicht, wo er das herhat«, sagt der Zivilistenschlächter.

»Der Fall Collini«, Regie: Marco Kreuzpaintner, Deutschland 2019, 123 Min., Kinostart: heute