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Aus: Ausgabe vom 18.04.2019, Seite 8 / Ansichten

Liebender des Tages: Jean-Claude Juncker

Von Alexander Reich
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Der Brexit ist wichtig, aber ... (Jean-Claude Juncker)

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat sich am Mittwoch mit einer erhebenden Rede vom EU-Parlament verabschiedet. Ende Mai wird ein neues gewählt, das den Nachfolger bestimmen wird. Seit 2014 war der Luxemburger im Amt. Er hat mehr Anfeindungen wegstecken müssen, als ihm lieb sein konnte. Geduldig ist er Vorwürfen schwerer Dauertrunkenheit mit Hinweisen auf seinen beschädigten Ischiasnerv entgegengetreten. Dass die britische Arbeitsministerin ihm Ende 2018 »groteske« Formen sexueller Belästigung unterstellte, nur weil er einer Protokollchefin seiner Kommission zur Begrüßung vor laufenden Kameras die Haare zerwuschelte (er hat das gerne und oft so gemacht), hat ihn dann aber womöglich doch schwerer getroffen, als er sich anmerken lassen wollte. »Der Brexit ist wichtig, aber das tägliche Leben der Bürger ist noch wichtiger«, sagte er in seiner Abschiedsrede am Mittwoch, und es klang wie eine klapprige Retourkutsche in Richtung Tothill Street.

Juncker wäre nun aber auch nicht Juncker, wäre er gegen Ende der Ansprache nicht noch mal in die Vollen gegangen, »mit schwerem Herzen« und großem Hang zum Unabänderlichen. Und so gehören die vorletzten Worte des Mannes von der Christlich Sozialen Volkspartei in die Vogesen bei Strasbourg gemeißelt: »Es bleibt so, wie ich am ersten Tag meiner Amtszeit gesagt habe: Europa muss man lieben. Wenn man es nicht liebt, ist man zur Liebe nicht fähig.« Bamm!

TINA-Prinzip war gestern, jetzt geht’s in die Schlafzimmer. Vergesst euren Roland Barthes (»›Ich liebe dich‹ bedeutet immer ›liebe mich‹«), lasst euren Luhmann stecken (»Setzt nicht die Liebe auf den ersten Blick voraus, dass man auch schon vor dem ersten Blick verliebt war?«). Liebe, die nicht der EU-Norm entspricht, ist keine. Und immer schön auf den Ischias achten.

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