Gegründet 1947 Dienstag, 23. April 2019, Nr. 94
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.04.2019, Seite 15 / Antifa
Brauner Aufmarschversuch

Antifaschistische Gegenwehr

Gothas Einwohner trotzen Neonazis in Thüringer Kreisstadt mit Volksfest und Sitzblockaden. Gewerkschaftsjugend, VVN-BdA und Antifa präsent
Von Thomas Behlert
46685049935_aaac378a25_k.jpg
Protest am Sonnabend in Gotha auch gegen Antisemitismus

Im thüringischen Gotha hat am Sonnabend der bekannte Neonazi Marco Zint gemeinsam mit dem rechten Bündnis »Zukunft Landkreis Gotha« einen Aufmarsch »gegen Überfremdung« organisiert. Gegen diese Hetze in der bisher nicht mit Neonaziaktivitäten in Verbindung gebrachten Kreisstadt fanden bereits ab 11 Uhr an verschiedenen Plätzen Proteste statt.

So hatte auf dem Bahnhofsvorplatz die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) einen Infostand aufgebaut. Am Ausgangspunkt des Zugs der braunen Bande am Coburger Platz startete ein Volksfest gegen rechts. Die Gewerkschaftsjugend der IG Metall unterstützte das Fest, verteilte Informationsmaterial und ihr Schlüsselband mit dem Aufdruck »Kein Sex mit Nazis!«. Hier wurde schon klar, daß in Gotha anderes Denken vorherrscht, denn es wehten die Fahnen der Antifaschistischen Aktion, es gab entsprechende Spruchbänder (»Für die Zukunft aller Kinder und der deutschen Rechtschreibung: Nazis stoppen!«) und Plakate mit dem Schwur der aus dem faschistischen KZ Buchenwald Befreiten.

Der Zug der nach Polizeiangaben 100 Neonazis sollte um 13 Uhr starten, die Strecke über die Gadolla- und Jüdenstraße bis zum Hauptmarkt führen. Die Route war vom rechten Bündnis bewusst gewählt: Josef Felix Clemens Ritter von Gadolla (1897–1945) gab als »Kampfkommandant« von Gotha den Befehl zur Kapitulation vor den US-amerikanischen Truppen. Damit konnte er viele Opfer und die völlige Zerstörung Gothas verhindern. Für diese Tat wurde Gadolla, der bis heute den Neonazis und Faschisten als Verräter gilt, in Weimar von der SS am 5. April 1945 erschossen.

Die Polizei zeigte sich stark gerüstet, sogar zwei Wasserwerfer und ein gepanzerter Einsatzwagen standen bereit. Der rechte Aufmarsch führte letztlich nicht durch die Jüdenstraße, denn dort hatten sich Antifaschisten zu einer Sitzblockade niedergelassen. Der Anmelder der Neonaziaktion stimmte zu, einen anderen Weg über die Augustinerstraße zu wählen. Eine größere Gruppe Protestierender wollte auch die neue Strecke blockieren, wurde aber von der Polizei daran gehindert. Schließlich rief Zint seine fremdenfeindlichen Parolen unterhalb des Rathauses vor einer bereits kleiner gewordenen Schar, die vom Veranstalter verteilte Fahnen schwenkten.

Zu den Gegenkundgebungen mit über 450 Teilnehmern fand sich auch Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) ein, der den friedlichen Protest unterstützen wollte. Ausnahmsweise war auch Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch anwesend. Normalerweise organisert der lieber Trachtenfeste, hofiert die Königsfamilien Europas und würde selbst gerne der erste sozialdemokratische Monarch werden. Am Ende zog Einsatzleiter und Polizeidirektor Matthias Bollenbach eine »positive Bilanz«: Es wurden demnach nur neun Vermummungen, eine Sachbeschädigung mit Pyrotechnik sowie je einmal Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gezählt.

Aktualisierung vom 18. April: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, dass Oberbürgermeister Kreuch nicht in Gotha war. Infolge eines Leserhinweises, der den Besuch des SPD-Politikers bestätigt, haben wir den letzten Abschnitt des Artikels entsprechend geändert.

Ähnliche:

  • Fordert den Buchhandel heraus: Amazon präsentiert sich auf der P...
    23.03.2019

    Schuften wie bei Amazon

    Insolvenz von Zwischenhändler verschärft Krise der Buchbranche. Prekäre Arbeitsverhältnisse bei KNV Logistik
  • Von der Polizei geschützt, zogen am Samstag über 6000
Neonazis ...
    17.02.2009

    Freie Fahrt für Neonazis

    Polizei läßt rechte Schläger nach Überfall auf Antifaschisten zunächst laufen. Verletzter Gewerkschafter aus Nordhessen mit Schädelbruch im Krankenhaus

Regio:

Mehr aus: Antifa