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Aus: Ausgabe vom 17.04.2019, Seite 15 / Antifa
Überblick zur »Neuen Rechten«

Grundlagenlektüre lehrt Gruseln

Im Buch »Netzwerk der Neuen Rechten« porträtieren Christian Fuchs und Paul Middelhoff wichtige Akteure, Analyse kommt zu kurz
Von Volkmar Wölk
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Rechte Netzwerker: AfD-Spitzenleute Andre Poggenburg und Björn Höcke (r.)

Bücher über die »Neue Rechte« haben Konjunktur. Sie profitieren von einer Nachfrage nach Informationen zum Erstarken rechter Ideologien und Phänomene, die sich viele Menschen nicht erklären können. Rechts? Das sind doch die Ewiggestrigen, die Neonazis in Springerstiefeln und mit Glatze. Oder nicht? Oder nicht nur? Nun, Alexander Gauland trägt keine Springerstiefel, sondern ein gediegenes Tweedjacket. Auch wenn er vom »Vogelschiss« spricht, kommt er nicht aus der NSDAP, sondern war Jahrzehnte führend in der CDU. Aber wenn er davon spricht, die Regierung »jagen« und sich »uns unser Land zurückholen« zu wollen, dann gruselt es einem trotzdem.

Aber sind Gauland und seine AfD eine Partei der »Neuen Rechten«? Dazu gilt es zu klären, was diese überhaupt ist und was an ihr wirklich neu ist. Dann erst lässt sich die Frage beantworten, ob man wirklich von einem »Netzwerk der Neuen Rechten« sprechen kann, wie es die beiden Investigativjournalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff in ihrem Buch selben Titels tun.

Darin schreiben sie, dass es dieser »Neuen Rechten« gelungen sei, in einer »kurzen Zeit eine eigene Gegengesellschaft zu erschaffen – mit Verlagen, Armeen von Internettrollen, Modemarken, Politikern, Denkfabriken, Künstlern, Jugendbewegung und einer Gewerkschaft« – eine fraglos gruselige Entwicklung. Doch was ist dran?

Mit der Jugendbewegung ist die aus Frankreich importierte »Identitäre Bewegung« (IB) gemeint, die sich selbst sogar als »am schnellsten wachsende Jugendbewegung« bezeichnet. In der Bundesrepublik hat die IB allerdings bestenfalls wenige hundert Mitglieder. Auch im Falle des AfD-nahen »Zentrums Automobil« besteht die Gefahr, einem Popanz aufzusitzen, wenn man die bei den Betriebswahlen im vergangenen Jahr in rund einem Dutzend Betrieben angetretene Gruppierung als »Gewerkschaft« bezeichnet. Fraglich ist auch, ob die Deutsche Burschenschaft als Teil eines Netzwerks aus rechten »Denkfabriken« porträtiert werden kann. Wer das Innenleben der Korporationen kennt, wird an dieser Einschätzung der beiden Autoren zumindest zweifeln. Noch immer sind dort das Besaufen und diverse Mannbarkeitsriten zentraler Bestandteil des Gruppenlebens. Natürlich gibt es jene, die Veranstaltungen mit Exponenten der extremen Rechten organisieren, für die Verbreitung des Gedankengutes in den eigenen Reihen sorgen. Das ist ganz und gar nicht neu, gehört schon immer zum Selbstverständnis der Burschenschaften im Gegensatz zu anderen Korporationen. Doch der Konsum rechter Ideologie ist natürlich nicht gleichbedeutend mit ihrer Produktion. Wie in diesem Fall unterlassen Fuchs und Middelhoff häufig die kritische Einordnung ihres Untersuchungsgegenstandes und die Relativierung eines verbreiteten Alarmismus.

Die Stärken des vorliegenden Bandes liegen zweifellos in der Beschreibung, nicht in der Analyse. Wenn die Autoren im »Die Wut des Ostens« überschriebenen Kapitel über »Pegida« schreiben, wird klar, dass sie sich an Ort und Stelle informiert haben. Sie vermitteln dann eindrucksvoll Stimmung und Ideologie der Veranstaltung in Dresden, beleuchten knapp die Verbindungen zur AfD – mehr allerdings nicht. In einzelnen Kapiteln werden jeweils kurz und bündig die Bestandteile der sozialen Bewegung von rechts porträtiert: »Auf der Straße«, »In den Köpfen«, »In den Parlamenten«. Zur Analyse dagegen wird nur selten vorgedrungen. Gelungener sind da die Porträts einiger wichtiger Akteure in diesen Netzwerken, vom Publizisten Jürgen Elsässer bis zum Kopf des völkischen »Flügels« in der AfD, Björn Höcke.

Das wirklich Neue an dieser »Neuen Rechten« wird nur an wenigen Stellen deutlich. Strategische Optionen wie die beabsichtigte Schaffung einer vielfältig aufgestellten »Mosaikrechten« bleiben ausgeblendet. Vieles von dem, was Fuchs und Middelhoff über die Geschichte der »Neuen Rechten« schreiben, ist nicht falsch. Es ist aber auch nicht völlig richtig, da die Analyse an der Oberfläche bleibt und vereinfachend ist. Fuchs und Middelhoff betonen berechtigt die Bedeutung von Thilo Sarrazin für den Aufstieg der »Neuen Rechten«, für die Verbreitung ihres Gedankengutes. Antworten für die Ursachen des tatsächlich erheblich verstärkten Einflusses dieser Netzwerke liefern sie nicht.

Es ist ein journalistischer Band, darin liegen seine Qualitäten und seine Schwächen zugleich. Die Autoren haben den Lesenden zumindest das Gruseln gelehrt. Als Übersicht und Basislektüre über das Themenfeld ist der gut lesbare Band sicherlich geeignet. Wer nach Analysen sucht, sollte zur Fachliteratur greifen.

Christian Fuchs und Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt-Polaris, Reinbek 2019, 283 Seiten, 16,99 Euro

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