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Aus: Ausgabe vom 17.04.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
»Kampf gegen die Bombe«

»Da kann einen schon das Grauen packen«

Ziel der Ostermärsche ist das Verbot von Atomwaffen. Ein Gespräch mit Willi Hoffmeister
Von Markus Bernhardt
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Teilnehmer des Ostermarsches in Hamburg (2.4.2018)

Rund um das kommende Wochenende finden bundesweit die traditionellen Ostermärsche der Friedensbewegung statt. Von deren Beginn im Jahr 1961 an engagieren Sie sich dafür. Wie blicken Sie auf die Geschichte der Proteste zurück?

Die Ostermärsche, die 1980 durch den NATO-Doppelbeschluss zu neuem Leben erwachten, hatten bei mir da schon eine fast zwanzigjährige Geschichte hinter sich. Als Konrad Tempel und Helga Stolle 1960 diese Bewegung aus England erstmals mit dem Oster-Sternmarsch in Norddeutschland in die BRD holten, war ich begeistert. Der Kampf gegen die Bombe, der ein besonderer Schwerpunkt meines politischen Lebens schon in den 1950er Jahren war, bekam mit dem Beginn und der Zunahme der Ostermärsche in den folgenden Jahren eine noch breitere Basis.

Empfanden Sie die Kriegsgefahr in den 1980er Jahren größer als heutzutage?

Mir war nach Willy Brandts Friedenspolitik zunächst vollkommen unerklärlich, warum sein Kanzler-Nachfolger und Genosse Helmut Schmidt US-Mittelstreckenraketen ins Land holen wollte. Diese Maßnahme steigerte im West-Ost Konflikt die Gefahr eines Nuklearkrieges mit der totalen Zerstörung Mitteleuropas, weckte aber gleichzeitig die persönliche Betroffenheit der hier lebenden Menschen. Die Widerstandsbewegung gegen die Aufstellung von »Pershing 2« und »SS 20« führte zur Hochzeit der Friedensbewegung und damit auch der Ostermärsche in den 1980er Jahren. Die heutige Kriegsgefahr mit der Kündigung des INF-Vertrages und dem NATO-Aufmarsch an der russischen Grenze, dazu die Bundeswehr-Einsätze in aller Welt, ganz zu schweigen von der wahnsinnigen Aufrüstungspolitik – da kann einen schon das Grauen packen. Gewaltige Ostermärsche dagegen sind nötig!

Und trotzdem sind die Ostermärsche heute nur für eine »überschaubare« Anzahl Menschen eine Protestform. Wie erklären Sie sich, dass zum Beispiel die Umweltbewegung aktuell mit den Schülerprotesten ein Revival erfährt, während ein wachsendes Engagement in der Friedensbewegung ausbleibt?

Zunächst beglückwünsche ich alle jungen Menschen, die mit ihrem Aufstehen für eine lebenswerte Zukunft gegen alle Umweltsünden aktiv Partei ergriffen haben und uns »Alten« unsere Versäumnisse um die Ohren hauen. Auch hier zeigt sich, wenn die persönliche Betroffenheit die Massen ergreift, kommt es zur Explosion. Auslöser sind dabei meist ganz bestimmte Begebenheiten. Wie 1980 die Atombewaffnung, ist es bei den Schülern die Umwelt. Für mich sind beide Problemfelder die zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Bundeskanzler Willy Brandt hat es mal so gesagt: »Frieden ist nicht alles – aber ohne Frieden ist alles nichts!« Die Ursachen, die zum Klimawandel verstärkt beitragen, sind vielfältiger Art. Bei den von Menschen gemachten Ursachen absolut überflüssig in der Palette der Umweltbelaster sind Rüstung und Krieg. Alle Politikerinnen und Politiker, die von Umweltschutz faseln, aber solcher Kriegspolitik zustimmen, gehören zum Teufel gejagt.

Welche Themen werden denn die diesjährigen Märsche dominieren?

Hauptthema ist die Gefahr eines großen Krieges in Europa. Darum sind wir für eine Entspannungspolitik mit Russland. Ein Kernpunkt ist die Kampagne »Abrüsten statt aufrüsten« gegen die Zwei-Prozent-Rüstungsausgaben-Forderung. Nach wie vor geht es uns um das Verbot der Atomwaffen, und zur EU-Wahl fordern wir ein Europa des Friedens. Der Rechtstrend spielt ebenso eine Rolle wie die Bekämpfung von Fluchtursachen, um nur einiges zu nennen.

Der Rat der Stadt Dortmund hat am 28. März den Antrag der Ratsfraktion Die Linke/Piraten mit breiter Mehrheit von SPD, CDU und Grünen angenommen und den ICAN-Städteappell unterzeichnet. Was hat es damit auf sich?

Der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau hat auch die Aufgabe, seine Bürger vor der Atomgefahr zu schützen. Da ist es nur logisch, einen solchen Appell zu unterschreiben. Wenn das fast ein ganzer Stadtrat unterstützt – umso besser!

Aber ist das nicht bestenfalls Symbolpolitik?

Was heißt symbolisch? Der Stadtrat hat so mit absoluter Mehrheit zum Ausdruck gebracht, dass er die Atomwaffen abgeschafft wissen will. 1982 erklärte die Vertrauensleutevollversammlung auf Antrag der betrieblichen Friedensinitiative die Hoesch-Westfalenhütte in Dortmund zur »atomwaffenfreien Zone«. Hunderte solcher symbolischer Aktionen fanden und finden bundesweit statt. Sie machen auf eine Sache aufmerksam. Damit mehr daraus wird, dafür treten wir auch 2019 bei den Ostermärschen an.

Willi Hoffmeister ist einer der Sprecher des Ostermarsches Rhein-Ruhr und engagiert sich seit Jahrzehnten in der Friedens- und Gewerkschaftsbewegung

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