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Aufbruch in Oberschöneweide

Von Helmut Höge
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Übernommen und abgewickelt: Industriegebäude in Oberschöneweide

In Berlins größtem, einst von Walther Rathenau gegründeten Industriegebiet Oberschöneweide gibt es seit einigen Jahren einen »Industriesalon«, der zugleich ein Industriemuseum ist. Dorthin gelangten die Reste von DDR-Großbetrieben, vor allem die des Werkes für Fernsehelektronik (WF), das einige seiner Produkte bereits zu DDR-Zeiten selbst musealisiert hatte. Neben dem WF gab es in Oberschöneweide noch das Transformatorenwerk (TRO), das Kabelwerk Oberspree (KWO) und das Batteriewerk (BAE). Letzteres wurde nach 1989 teilweise per Management Buy Out privatisiert und produziert noch heute. Die anderen Großbetriebe wurden erst von Westkonzernen »übernommen« und dann »abgewickelt«.

Beim letzten »Salongespräch« (am 11. April), veranstaltet vom Unternehmerkreis Schöneweide und dem Regionalmanagement Berlin Südost, ging es um drei Ausgründungen. Zwei Ingenieure und eine Chemikerin aus dem WF schilderten ihren Weg »vom Umbruch zum Aufbruch«. Ihre Firmen befassen sich u. a. mit Lichtsensoren zur Fahrgastzählung (im WF waren sie in der Halbleiterentwicklung tätig, vor allem mit Infrarot-Dioden befasst). Zusammen beschäftigen sie heute wieder 300 Mitarbeiter; in der Firma der Chemikerin sind von sieben Führungskräften fünf Frauen, sie selbst sitzt noch in einem Beratergremium der Bundeskanzlerin.

Die drei Unternehmen sind Startups (bzw. »Staatups«), ihre Entstehung verlief ähnlich: »Kurzarbeit null«, ABM, Vereinsgründung, Fördermittel vom Ministerium für Forschung, Bankkredite, Grundstücke erschließen, Firmengebäude mit Reinraum errichten, europäische Projekte angehen.

Irgendwann waren sie so erfolgreich, dass die Dresdner Bank sie nicht weiter finanzieren wollte: In der »Halbleiterei« kostet jede Maschine über eine Million Euro. Einer der drei Unternehmer hatte seine Firma 1999 gemeinsam mit einem Investor an die Börse gebracht. Als es richtig gut lief, schmiss der Aufsichtsrat ihn raus.

Die drei Unternehmer waren sich einig, dass ein Teil ihres Erfolgs in der ehemals engen Verbindung von Wissenschaft und Industrie begründet liegt. Auch im WF sei unternehmerisches Denken durchaus üblich gewesen. Etwaige Projekte oder »Themen« hätten dann bis zum Ministerrat »hochgeboxt« werden müssen.

Einer der Ingenieure erinnerte sich an die Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität (HUB). Die Kooperation mit HUB oder TU betrifft heute in erster Linie Mathematiker, dabei geht es um Softwareentwicklung. Außerdem arbeitet man zunehmend mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) zusammen, die von Karlshorst nach Oberschöneweide in die Gebäude des KWO umgesiedelt wurde, um das devastierte Industriegebiet von staatlicher Seite zu revitalisieren. Der neue Campus der HTW wurde mit Zigmillionen aufgemöbelt, die ehemalige Poliklinik zu einem schicken Studentenwohnheim umgebaut und eine neue Brücke über die Spree gespannt, so dass Radfahrer nun wie vor dem Krieg geradewegs zum S-Bahnhof Schöneweide gelangen können. Für die zukünftigen Intelligenzler gibt es inzwischen auch vegetarische Cafés.

Nach dem »Salongespräch« wurde im Industriemuseum eine Ausstellung über die Oberschöneweider Formblattdruckerei Paragon gezeigt, die 1911 gegründet wurde und 2019 einem Supermarkt weichen musste. In einer der Fabrikhallen neben dem Industriesalon eröffnete am selben Abend noch eine zweite Ausstellung mit Fotografien von Roger Melis: »Die Ostdeutschen«. Da tauchten sie noch einmal auf: die Arbeiter. Sogar mit Namen.

Roger Melis: Die Ostdeutschen, bis 28. Juli, Reinbeckhallen, Reinbeckstraße 17, Do+Fr 16–20 Uhr, Sa+So und feiertags 11–20 Uhr, Eintritt: 5/3 Euro, freitags (außer an Feiertagen) frei

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Born: Muss man gesehen haben Danke auch für den Artikel zum »Industriesalon«. Ich war vor kurzem (aus anderem Anlass) in der Gegend, habe die ehememaligen Industriebetriebe gesehen. Ich kenne das Gebiet noch aus der Zeit, als dor...

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