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Aus: Ausgabe vom 16.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Dann wird es wieder ernst

Zombie vor Kirschtorte: Jakuzis abgründiges Electropopalbum »Hata Payi«
Von Jörg Gruneberg
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»Gewisses Provokationspotenzial« auch ohne Fetischmasken

Spannung, Sehnsucht, Gier und, ja, irgendwo tief darunter auch ein paar Wunden. In dem Song »Bir Sey Olur« (Etwas geschieht) heißt es etwas kryptisch: »Eine Menge Dinge, die sich unserer Kenntnis entziehen / Schauen auf mich herab / Befrei mich von der hektischen Jagd / Mein Mangel treibt mich weiter / Plötzlich geschieht etwas / Kommt und findet Dich.« Während Jakuzi das singen, klingen sie wie die perfekte Chimäre aus Depeche Mode und Pet Shop Boys. Ihr Retroelectropop besticht nicht durch innovativen Sound, sondern durch überaus eingängige, melodisch-romantische Kompositionen.

Ein geheimnisvoller Nachklang liegt in den Songs des Duos Kutay Soyocak und Taner Yücel. Dass es sich bei Jakuzi um eine queere Wave-Elektro-Band handelt, die ausschließlich türkisch singt, gibt in Zeiten erstarkender Nationalismen und zunehmender Angriffe auf sexuelle Selbstbestimmung natürlich auch politisch was her. Aufmerksamkeit erzielen Jakuzi jedoch nicht nur über ihre Sonderstellung im Musikgeschäft, die teils rauhen, frappierend treffsicheren Arrangements sowie die herausragende Stimme Soyocaks sind ebenfalls nicht zu unterschätzen.

War das erste Album, »Fantezi Müzik«, noch eine Suche nach einem passenden Stil, so haben sie ihn inzwischen gefunden. Meist spielen sie balladeske, gleichwohl tanzbare Midtemposongs, die dunkel und skeptisch wirken, gleichzeitig fiebrig euphorisierend. Direkte politische Agitation liegt den beiden nicht, (differenz-)politische Diskurse werden poetisch gewendet, so sie überhaupt eine Rolle spielen. Dass man in konservativen (türkischen) Kreisen ein gewisses Provokationspotential darin erkennen könnte, ist aber nicht auszuschließen. In »Gördügüm Rüya« (»Der Traum, den ich sehe«) heißt es: »Dass die Sonne aufgegangen ist, weiß ich / Ich bin aber im Bett / Nicht den Vorhang aufziehen / Ich klettere auf einen sanften Hügel / So schön ist der Traum, den ich sehe / Ist es eine gute Idee, in die Realität zurückzukehren?«

Das Cover des ersten Albums »Fantezi Muzik« zeigt den tätowierten Oberkörper eines Mannes vor knallgelbem Hintergrund. Er trägt eine lederne Fetischmaske und hält mit schmerzverzerrt-genussvollem Grinsen Blickkontakt zum Betrachter. Das Bild wird gebrochen durch einen künstlichen Blumenkranz, der mehr an Grabschmuck als an Hawaii erinnert. Der Protagonist trägt ihn um seinen Hals. Die gleichsam aggressiv-zärtliche und devote Inszenierung wirkt alles andere als zahm. Anders gesagt, sind Jakuzis Plattenhüllen und Videos um einiges aufdringlicher als die Texte. Auch für das Cover von »Hata Payi« verwenden sie ein beredsames Bild – plakativ, aber stimmig, weil es, wie die Texte, Interpretationsräume schafft.

Das Cover von »Hata Payi« (was Fehlerquote und Schuldanteil bedeutet) sitzt ein Mann in schwarzem Hemd vor einem Tisch mit blauer Tischdecke, auf der eine weiße, mit Kirschen verzierte Torte mit brennender Kerze steht. Das Bild ist unscharf, wodurch sich die Wirkung des feierlichen Moments erheblich vermindert, mehr noch: Als Erinnerungsfoto taugt die Aufnahme mitnichten, völlig misslungen, müsste sie wiederholt werden, wenn nicht eher dies hier intendiert wäre: Der Unschärfe macht aus dem Lächeln eine Grimasse, aus den strahlenden Augen des Geburtstagskinds einen Zombie vor einer Kirschtorte, die als blutiges Festmahl wahrgenommen wird. Man kann auch Humor dazu sagen. Und dann wird es wieder ernst: »Dich betreffend, gibt es da nichts – hier drinnen / Dich betreffend, gibt es da nichts.«

Jakuzi: »Hata Payi« (City Slang/Rough Trade)

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