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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Eskalation und Geschlecht

Es geht auch um Magie: Streit um »Queer-Theorie« spitzt sich zu

Von Markus Bernhardt
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Im Visier der »Queergida«?! Trachtenparade »Christopher Street Day«, Juli 2018 in Berlin

Es gibt Debatten, die kann kaum einer nachvollziehen, der für seinen Lebensunterhalt sorgen muss, und längst ist keine Debatte mehr zu absurd, um nicht in aller Form eskalieren zu können. Ein Paradebeispiel ist die »Queer-Theorie«, deren Anhänger immer schon sehr randständig und realitätsfern argumentierten, neuerdings tun sie es immer aggressiver und wütender.

Ihrer Überzeugung nach ist neben der sexuellen auch die geschlechtliche Identität durch äußere Handlungen erzeugbar. Das körperliche Geschlecht ist also keine Gegebenheit mehr, sondern Konstrukt. Beim vergangenen Parteitag der Linken in Bonn führte diese Annahme dazu, dass sich ein äußerlich rein männlicher Kandidat auf Listenplätze bewarb, die für Frauen reserviert waren. Das nicht etwa, weil er eine Geschlechtsumwandlung begonnen hatte oder wenigstens plante, sondern einzig, weil er sich zum Zeitpunkt der Aufstellung als Frau fühlte. Fünf Minuten später kann das schon wieder ganz anders aussehen.

In der vergangenen Woche platzte nun dem Taz-Journalisten Jan Feddersen, der als großer Kenner des »Eurovision Song Contest« einige Berühmtheit erlangt hat, der Kragen. Im Homo-Blog »Mannschaft.com« monierte der Schlagerliebhaber, dass alle »aus der ›Queer community‹ herausfallen«, die laut »Bannformel ›cis, weiß, männlich‹ sind. Also auch schwule Männer«. »Cisgender« bedeutet, dass die Geschlechtsidentität dem entspricht, was bei der Geburt registriert wurde. An dieser Stelle geht es übrigens keineswegs um Trans- oder Intersexuelle, die tatsächlich Diskriminierungen und Eingriffen in ihren Körper und ihre Sexualität ausgesetzt sind – diese Gewalterfahrungen werden von den »Queer-Theoretikern« ziemlich verhohnepiepelt.

Selten um eine überzogene Formulierung verlegen, spricht Feddersen in besagtem Blogeintrag von »Queergida«, in Anspielung auf den rechten Pegida-Mob. Er begründet das in stilistisch wie philosophisch unnachahmlicher Manier: »Schwule Männer, die partout sich äußerlich nicht weiblicher machen wollen, als sie innerlich – wie alle Menschen, Männer sowieso – ohnehin sind: Die gehören zum Feindbild«. Und nicht nur das. Es geht auch um Magie: »Die Queergida belegt mithin alle mit einem Fluch, die einfach nur schwul sein wollen.« Mit der Erinnerung an den historischen Fortschritt, »dass homosexuelle Männer sich nicht mehr verhuscht (im Deutschen) als ›gay‹ oder ›homophil‹ bezeichnen«, sondern »die einstige Schmähvokabel ›schwul‹« zum »stolzverheißenden Wort machten«, schwenkt Feddersen auf diesem Niveau allerdings schon die Funzel der Aufklärung.

Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Alfonso Pantisano vom Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD), dessen Funktionäre in der Vergangenheit auch schon mit antimuslimischen Rassismus auf sich aufmerksam machten, bezeichnete Feddersens Polemik, dem Internetportal Queer.de zufolge, als »braunen Dreck«. Und der studentische Arbeitskreis »Que(e)r_einsteigen« der Martin-Luther-Universität Halle gab einen Vorwurf Feddersens postwendend zurück, bezichtigte diesen des Erschaffens von »Feindbildern«. Während die Entsolidarisierung innerhalb der einstigen Emanzipationsbewegung bei Feddersen entfernt noch eine Rolle spielte – die »Queergidisten« hätten »nicht gekämpft gegen die homophobe Mächtigkeit«, schimpfte er, sondern »an ihrer Agenda gestrickt. Nämlich: Schwule und Lesben moralisch zu vernichten« –, war das allgemeine Auseinanderfallen aller Zusammenhänge den Gender-Theoretikern, von denen erstaunlich viele heterosexuell leben, keine Silbe wert. Ob hier nun Recht hat, wer zuerst die Nazikeule schwang, mag auswürfeln, wer sich dazu berufen fühlt.

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