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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 10 / Feuilleton

Eine Exkursion durch den Karl-Marx-Hof

Von Erwin Riess
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»Heutzutage erreichen Kreuzfahrtschiffe diesen Wert« (Karl-Marx-Hof in Wien)

»Laut einer Wohnungszählung aus dem Jahr 1917 verfügten 92 Prozent aller Wohnungen über kein eigenes WC, 95 Prozent hatten keinen Wasseranschluss, und 58 Prozent aller Arbeiter hatten kein eigenes Bett«, berichtete der Dozent, der mit Herrn Groll im Karl-Marx-Hof im 19. Wiener Gemeindebezirk unterwegs war. Der 1,1 Kilometer lange Hof sei der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt, fügte er hinzu. Ein Bau, in dem alle Wohnungen ein eigenes WC und Wasser aufwiesen. »Und das, obwohl der Karl-Marx-Hof mitten in der Weltwirtschaftskrise errichtet wurde«, setzte der Dozent bewundernd hinzu – für etwa 5.000 Personen.

»Heutzutage erreichen Kreuzfahrtschiffe diesen Wert, es gibt sogar welche, die über 7.500 Passagiere aufnehmen, mit der Crew wird die Zehntausendermarke übertroffen«, erwiderte Groll.

»Ich weiß, dass es kein Thema gibt, dass Sie nicht mit der Schifffahrt in Verbindung bringen, aber dieser Vergleich mit den dreckspeienden SUVs der Kreuzfahrtindustrie ist in einem Binnenland sehr weit hergeholt«, entgegnete der Dozent.

Er habe neulich eine TV-Dokumentation über den Hafen von Marseille gesehen, täglich würden fünf bis zehn Unterhaltungsriesen ihre Schadstoffe in die umliegenden Hügel blasen. »Die Krebsrate der Anwohner, die schutzlos der permanenten Vergiftung ausgesetzt sind, ist exorbitant hoch«, beharrte Herr Groll. »Im Bürgerkrieg des Jahres 1934 ging es den Arbeiterfamilien im Karl-Marx-Hof nicht ganz unähnlich. Das Bundesheer ließ mit schwerer Artillerie aus Eisenbahngeschützen vom nahen Bahndamm in den Karl-Marx-Hof schießen, auch in vielen anderen Gemeindebauten schwangen sich die Christlich-sozialen Militärs zu dieser Kulturleistung auf.«

»Eine ewige Schande für jenes Heer, das beim Einmarsch der Wehrmacht vier Jahre später keinen einzigen Schuss abgab«, bekräftigte der Dozent.

Der scharfe Rechtsruck in Österreich habe nun auch in den Gesellschaftswissenschaften seinen Niederschlag gefunden, führte Herr Groll weiter aus. Ein jüngerer Historiker habe ein Buch vorgelegt, in dem es heißt, dass es sich 1934 um keinen Bürgerkrieg, nur um »kleinräumige« Scharmützel, gehandelt habe, die Opferzahlen seien übertrieben, und der Beschuss der Gemeindebauten durch die Heeresartillerie sei ein tief christlicher Gnadenakt gewesen, denn er habe den Widerstandswillen der Aufständischen gebrochen, wodurch weitere Opfer verhindert worden seien. *

»Ich habe davon gehört«, sagte der Dozent. »Das Buch wird in den Medien als willkommener Tabubruch gefeiert. Der ORF macht da keine Ausnahme.«

Schweigend setzten die beiden den Rundgang durch die grünen Höfe mit den großen, schattenspendenden Bäumen fort. In einem kleinen Eckcafé nahmen sie schließlich einen Espresso. Herr Groll beendete die Exkursion mit einer wahren Begebenheit. Walter Simon, ein vertriebener jüdischer Österreicher, kehrte als US-Offizier nach Wien zurück, er machte den US-Behörden, die den Bezirk verwalteten, weis, dass Karl Marx ein harmloser Bezirkspolitiker gewesen sei, worauf der Bau seinen Namen behalten durfte. Der Dozent nahm eine Eintragung in sein Notizbuch vor.

* Kurt Bauer: Der Februaraufstand 1934 – Fakten und Mythen, Böhlau-Verlag 2019

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