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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 5 / Inland
Tarifbindung

Ein Euro mehr pro Stunde gefordert

Tarifrunde für bundesweit 3,1 Millionen Beschäftigte im Einzelhandel startet diese Woche
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Die Verhandlungen könnten schwierig werden - wie 2013 in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: Hier Sitzung von Verdi-Mitgliedern und der Tarifkommission des Handelsverbandes am 14.11.2013 in Peißen

Es ist eine alte Forderung, mit der die Gewerkschaft Verdi in diesem Jahr in die Tarifrunde geht. Mindestens einen Euro mehr pro Stunde sollen die Beschäftigten erhalten. Das entspricht in der niedrigsten Lohngruppe einer Steigerung von mehr als neun Prozent. In Baden-Württemberg liegt der niedrigste Stundenlohn im Einzelhandel mit 10,63 Euro knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 9,19 Euro.

Das soll sich ändern. An diesem Mittwoch startet die Tarifrunde bundesweit. Die Verhandlungen in Baden-Württemberg bilden am Mittwoch den Auftakt, Nordrhein-Westfalen startet am Donnerstag. Bundesweit sind laut Verdi rund 3,1 Millionen Beschäftigte betroffen. Im Südwesten der Republik will die Gewerkschaft für die dort 490.000 Beschäftigten 6,5 Prozent mehr Lohn – mindestens aber 163 Euro, was dem einen Euro pro Stunde entspricht. In vielen anderen Bundesländern fallen die Forderungen ähnlich aus.

Eine ordentliche Gehaltserhöhung ist angesichts der steigenden Inflationsraten nach Ansicht von Bernhard Franke, Verdi-Verhandlungsführer in Baden-Württemberg, dringend notwendig. »Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten bewegen sich in der Tarifstufe 2 und leben – sofern sie Vollzeit arbeiten – von einem Tarifgehalt von bis zu 2579 Euro pro Monat«, sagt er.

Trotz immer neuer Hiobsbotschaften aus dem Modehandel geht es der Branche Franke zufolge gut: »Insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel floriert das Geschäft. Baumärkte und Möbelhändler sind von der Krise gänzlich unangetastet.« Nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes waren die Umsätze 2018 das neunte Jahr in Folge gestiegen – real um 1,2 Prozent.

Die Kapitalseite sieht ihre Lage naturgemäß anders: »Die Branche steht vor immensen Herausforderungen«, sagt die Geschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Sabine Hagmann. »Da geht es um den Onlinehandel oder die Frage, welche Technik für die Digitalisierung eingesetzt wird.« Die Attraktivität der Innenstädte sinke. Hinzu kämen steigende bürokratische Kosten zum Beispiel für Brandschutz oder Energie. Hagmann stellt sich auf schwierige Verhandlungen ein.

Neben der Lohnerhöhung geht es der Gewerkschaft noch um etwas anderes. Sie will die Allgemeinverbindlichkeit für den Tarifvertrag wiederherstellen. Übersetzt heißt das, dass die Tarifverträge verpflichtend für alle »Arbeitgeber« einer Branche gelten. Anfang der 2000er Jahre war die Allgemeinverbindlichkeit im Einzelhandel von Unternehmerseite aufgekündigt worden. Seitdem hielten sich immer weniger Händler freiwillig an den Tarifvertrag.

»Der Rückgang der Tarifbindung hat in den vergangenen zwei Jahren an Fahrt aufgenommen«, sagt Franke. Das liege unter anderem an dem Ausstieg großer Einzelhändler wie Real und Kaufhof. Verdi schätzt, dass im Handel nur etwa ein Drittel der Beschäftigten und etwa 18 Prozent der Unternehmen noch im Tarifvertrag sind. Beim Handelsverband Baden-Württemberg ist man optimistischer. Hagmann spricht von 38 Prozent direkter Tarifbindung bei den Unternehmen. Und 60 Prozent würden sich anlehnen oder seien direkt gebunden.

Der Grund dafür, dass sich viele Firmen nur am Tarifvertrag orientieren, sich aber nicht verpflichten wollen, liegt nach Einschätzung von Branchenvertreterin Hagmann nicht an der Höhe der Entgelte. »Viele Firmen haben Schwierigkeiten mit dem Mantel«, sagt sie.

Nach zähen Verhandlungen um den Manteltarifvertrag im Jahr 2013 hatte sich die Branche darauf geeinigt, eine neue Entgeltstruktur separat auszuhandeln. Die gibt vor, wer was für welche Tätigkeiten bekommt. Verhandlungsführer Franke geht nicht von einer schnellen Lösung aus: »Es wäre ein Riesenerfolg, wenn wir das Anfang 2020 durchbekämen.« (dpa/jW)

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