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Aus: Ausgabe vom 13.04.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ich bin Marathonläuferin

Aus dem Tagebuch einer »Abtreibungsärztin«
Von Kristina Hänel
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»Ich werde tatsächlich verurteilt« – Kristina Hänel im Amtsgericht Gießen

Die Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel aus Gießen wegen »Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft« löste im November 2017 eine breite Diskussion über den Paragraphen 219 a Strafgesetzbuch aus. Dieser Tage erscheint ihr Tagebuch der Zeit im Hamburger Argument-Verlag. Wir danken Autorin und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Mittwoch, 22.11.2017. Presse, Presse, Presse – wo bleiben da die Frauen?

Die Spannung steigt, die Hektik auch. Anrufe, Mails ohne Ende. Klare Regel: Alle Printmedienanfragen gehen direkt an Kersten Artus vom Unterstützungskomitee, alle Fernsehanfragen an meinen Fernsehredakteur, der schlussendlich für das ZDF drehen wird. Wir können selbst nichts mehr beantworten. Mein Handy bleibt bei meiner Krankenschwester, ich darf nicht mehr drangehen. (…)

Dann Radio FFH, sie wären doch nebenan, sie möchten mal schnell vorbeikommen. Meine Krankenschwester sagt nein. Sie sollen Kersten Artus anrufen. Aber Hamburg ist doch so weit weg … Unsere Praxiputze, wie sie sich selbst nennt, schickt einen Artikel vom 21.11. aus der Gießener Allgemeinen Zeitung (GAZ), in dem steht, dass von den 50 Plätzen im Gerichtssaal 30 für die Presse weg sind. Was macht eigentlich die zweite Gießener Zeitung, der Gießener Anzeiger, schläft der? Warum erscheint da nichts über den Prozess?

Der Artikel in der GAZ ist ohne Foto von mir erschienen. Noch scheue ich mich, eins an die Lokalpresse rauszugeben. Die Redakteurin wandte folgerichtig ein, dass ich doch bei change.org und in der Frankfurter Rundschau, der Welt, der FAZ usw. auch mit Foto sei. Aber mir ist mulmig wegen der Leute aus meiner dörflichen Kleinststadt, die nicht internetfähig sind, aber die Lokalzeitung lesen. Ich habe da schlechte Erfahrungen gemacht. (…)

Zeit online erscheint. Das wird für mich erst mal die Nummer eins! Oh, ein Fehler, der mir schon beim Redigieren aufgefallen ist und den ich vergessen habe anzusprechen. Die Gründe für die Abbrüche, das ist zu einfach: Zeit, Geld, das stimmt nur zu 70 Prozent. Ausschlaggebend sind auch die Beziehung, die soziale Unsicherheit bzgl. Arbeits- oder Ausbildungsplatz.

In einem Artikel in der Oberhessischen Presse spricht eine betroffene Frau. Sie hat sich von sich aus mit ihrer Geschichte an die Zeitung gewandt. Ich bin total gerührt.

Die Hessenschau: Sie wollen mal eben kurz vorbeikommen. Ich habe so nebenbei gerade Praxisbetrieb. Es ist mal wieder voll bei uns, wie so häufig in letzter Zeit. Sie sollen sich an den Berliner Fernsehredakteur wenden. Der sagt: »Die Schnarchnasen«, er habe vor vier Wochen dort angefragt, »warum kommen sie jetzt?« (…)

Alle Abbrüche laufen komplikationslos heute. Eine Nachuntersuchung mit Resten nach medikamentösem Abbruch, die Frau soll erst mal die Pille absetzen. Vielleicht lässt sich das Problem damit lösen. Ihr geht es gut. Fast alle Frauen, die zu uns kommen, wünschen mir für Freitag Glück.

Schreibtisch, E-Mails, Artikel lesen, mein Sohn hat den Beitrag von Ulrike Lembke vom Deutschen Juristinnenbund in der SZ entdeckt. Dann später der Tagesspiegel: super Artikel. Edition F: Da steht was von »Heroes«. Sie sprechen von mir. Leider reicht mein Englisch nicht, um den Sinn zu verstehen. Irgendwas mit Helden.

SMS von den Linken, sie wollen am Freitag um 14 Uhr die Abschaffungsforderung in den Hessischen Landtag einbringen, sie brauchen das Ergebnis des Prozesses per SMS. Kersten macht das. Kersten macht alles, die ist spitze. Wie gut, dass ich ausgerechnet sie angesprochen habe. (…)

Christian Fiala schickt mir Texte, was ich im Gericht alles sagen soll. Als ob ich da einen Vortrag zu halten hätte. Alles seine Argumente, nicht meine Sprache. Was schickt er mir da über die Hinrichtung dieser Frau im Januar 1945 in Österreich? Der letzten Engelmacherin, auf die die Todesstrafe angewandt wurde. Merkt der nicht, dass ich Gefühle habe? Ich kann das jetzt nicht lesen.

Meine Cousine ruft an, langes Gespräch über meine Beziehung zu meiner Anwältin Monika Frommel. Sie redet auf mich ein wie auf einen lahmen Gaul, erklärt mir, dass Hochschullehrer mehr gelten als Anwälte. Sie war an der Uni, ihr Mann war Dozent. Ich dagegen kenne mich nicht aus mit deren Hierarchie.

Ich habe mich mehrfach gegen eine Promotion entschieden und einen anderen Lebensweg eingeschlagen. Als ich seinerzeit über Hausgeburten promovieren wollte, sagte Prof. Beckmann, der Medizinsoziologe, zu mir: »Frau Hänel, wenn Sie politisch etwas erreichen wollen, ist eine Promotion der falsche Weg. Überlegen Sie sich das.« Ich war in der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung aktiv, wollte die Bedingungen für Frauen ändern, die Kinder bekommen. Weg von der damals üblichen programmierten Geburt. Es gab die ersten Kunstfehlerprozesse wegen dieser Art, wie sie in Kliniken Frauen haben gebären lassen. Ich habe einen Artikel geschrieben, mich für die Hebammen eingesetzt, als das Hebammengesetz verändert werden sollte. Bereits damals war der politische Weg der richtige. (…)

Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen hat eine Solidaritätserklärung geschickt. Komisch. Die fordern ja nicht mal die Abschaffung des 219 a. (…)

Mir ist alles zu viel. Ich muss noch Betten beziehen. Wollte in Ruhe noch was lesen. Das Essen abschmecken. Morgen Fernsehen, dann Gäste, ich werde keine ruhige Minute haben. Wie wird der Abend mit Frommel? Ich hatte gehofft, wir könnten ein bisschen Musik machen, mein Musikerfreund kommt aus Frankfurt. Er trifft sich vorher noch mit Herrn Dahlen, die beiden wollen bei der Kundgebung zusammen etwas zum Thema Holocaust vortragen. Das habe ich mir gewünscht. Es wird mir Kraft geben.

Habe ich eigentlich was gegessen heute, als ich heimkam? Hunger habe ich jetzt. Ich glaube, ich habe vergessen zu essen.

Donnerstag, 23.11.2017. Der erste ­Fernsehdreh in der Praxis

Aufgeregt und unausgeschlafen erreiche ich am Morgen die Praxis. Wir haben für den heutigen Tag nur wenige Frauen einbestellt, damit wir auf jeden Fall fertig sind, wenn nachher das Fernsehteam kommt. Zwischendurch finde ich noch Gelegenheit, mich zehn Minuten hinzulegen. Ich bin hoffnungslos übermüdet. Dann klingelt es an der Tür, und da sind sie mit ihrer Kamera und sonstigem Equipment. Zu meiner großen Freude stellt sich meine ruhige erfahrene Krankenschwester spontan für Aufnahmen zur Verfügung. Also stehe ich in dieser schwierigen Situation nicht alleine da. Der Dreh geht relativ zügig, die Fragen sind schnell gestellt und beantwortet. Zwischendrin soll ich am PC die »Babycaust«-Seite öffnen. Aber filmen müssen sie das ohne mich. Ich mag nicht auf die Seite gucken.

Freitag, 24.11.2017. Der Prozess

Endlich kommt der Morgen. Ich kann laufen gehen. Noch mal alleine sein. Frühstücken. Die Kleidungsfrage ist geklärt. Ich ziehe auch die schwarzen Barfußstiefel an, die gerade noch rechtzeitig aus Dresden gekommen sind. Weil ich jetzt einen Rock trage, hatte ich befürchtet, mit Absatzschuhen womöglich vor allen Leuten und laufenden Kameras zu stolpern. Außerdem könnte ich in eine Situation geraten, wo ich schnell sein muss, wer weiß, wie die Polizei mich wird schützen können … Damit war klar, ich brauche diese Schuhe, mit denen ich richtig rennen kann, wenn es sein muss. Die Frau aus dem Laden in Dresden erinnerte sich am Telefon sofort an mich. »Sie haben doch den dritten Platz in Ihrer Altersklasse gemacht, ja und wissen Sie, ich habe auch mein drittes Kind damals nicht bekommen können …«

Ich fahre mit meinem Musikerfreund nach Gießen. Am Parkhaus soll das Treffen mit dem Fernsehen und der Polizei stattfinden. Als ich um Polizeischutz bat, habe ich auch erfahren, wer mich angezeigt hat: Es war nicht Günter Annen von der Website »Babycaust«, es war ein Yannic Hendricks, Mathematikstudent aus Kleve. Warum hat meine Anwältin mir bloß eine Fehlinformation gegeben, die ich obendrein an die Presse weitergereicht habe?

Ich sehe das Auto mit meinen Kolleginnen von der Praxis und renne quer durchs Parkhaus hinterher, ich muss sie erreichen, bevor ich mich der Öffentlichkeit stelle. Ich kann jetzt auf keinen Fall alleine sein.

Dann geht es raus. Jetzt stark sein. Begrüßung, die Polizist*innen sind kooperativ. Ich muss vor die Kamera. Der Satz »Ich bin Ärztin und ich möchte das Informationsrecht für Frauen zum Schwangerschaftsabbruch« wird später wieder und wieder über die Bildschirme flattern. Ich denke an meinen Polizistenfreund, der mir sagte: »Du brauchst ein Mantra.« Dieser Satz scheint das Mantra zu sein. Das ist der Kern.

Sogar im Gehen wird noch gefilmt und interviewt. Ich fühle mich wie im Film. Vor dem Gerichtsgebäude stehen Menschen. Nicht so viele, wie ich dachte, aber eine größere Gruppe. Die »Abtreibungsgegner« sind nicht da.

Die Kundgebung ist gut organisiert. Kersten Artus ist perfekt. Es werden sehr gute Reden gehalten, ich verstehe nicht alles und erinnere nicht alles, mein Denken ist eingeengt. Die Situation ist unbekannt, unglaublich, unfassbar, und bis zum Schluss bleibt neben der Angst vor einem Übergriff eines verrückten »Abtreibungsgegners« auch die Angst meines Sohnes präsent, es könnte womöglich doch mit einer Gefängnisstrafe enden. Das Gefängnis liegt dem Gericht übrigens direkt gegenüber. Ich kann die hohe Mauer mit dem Stacheldraht sehen. Praktisch. Ich habe mir über diese Tatsache bisher nie Gedanken gemacht.

Ich sehe bekannte Gesichter, darunter Menschen, die ich vor vielen Jahren gut kannte. Aus ganz Deutschland sind sie angereist. Elisabeth Faber, die ehemalige Kreisfrauenbeauftragte, spricht als eine der ersten. Sie bezeichnet die »Abtreibungsgegner« als unchristlich. Christ*innen müssten sich dagegen wehren. Jesus hat gesagt: »Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.« Ja, wenn Jesus heute leben würde, er wäre auf unserer Seite, dessen bin ich mir sicher. Das Pharisäertum, das war nicht seine Welt. Es sprechen Politikerinnen: Cornelia Möhring und Christine Buchholz von der Linken, Ulle Schauws von den Grünen, der SPD-Bundestagskandidat Matthias Körner und die Gießener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Sie sagt, sie hoffe, dass Gießen keinen schlechten Eindruck machen wird. Dass sie mich und mein soziales Engagement seit Jahren kennt und ich viel für die Stadt getan habe. Jemand reicht mir einen Strauß mit roten Nelken und einer Karte: »Danke, Kristina.« Später denke ich, es ist doch keine Hochzeit, ich kann doch hier nicht mit den Blumen stehen, und gebe sie meiner ruhigen erfahrenen Krankenschwester. (…)

Ich gehe in den Saal. Mein Platz ist vorne. Hinten wäre mir lieber. Freund*innen sind da, Verwandte, Kolleg*innen. Alleine bin ich nicht. Das tut mir gut. Draußen stehen noch alle, die nicht mehr reingekommen sind. Zu guter Letzt haben sie Karten vergeben. Die gesamte Presse ist da, die meisten kenne ich. Später werden sie aufstöhnen, wenn der Staatsanwalt nicht weiß, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. (…)

Über den Inhalt des Prozesses kann ich nicht viel schreiben, es war unsäglich. Nach einigen Minuten merke ich, dass ich verurteilt werde, die Stimmung der Richterin sagt es mir ganz deutlich. Je mehr die Anwältin doziert, je öfter sie die Richterin unhöflich unterbricht, desto klarer wird die Situation. Es geht nicht wirklich um Inhalte, darum, ob ich sachlich informiert habe. Auch wenn hier in aller Öffentlichkeit Teile meiner Informationen zum Schwangerschaftsabbruch verlesen werden. Skurril ist das – wo doch alles geheim bleiben soll. Der Prozess ist eher ein Schlagabtausch. Ob der Staatsanwalt wirklich glaubt, was er da sagt? Dass ich den Wettbewerbsvorteil in Gießen ausnützen würde, da ich die einzige bin, die Abbrüche durchführt? Kann man die Wahrheit so verdrehen? Wenn alle anderen Abbrüche machen würden, wäre doch das Problem gelöst. Dann könnten die Frauen überall hingehen, die Vermittlung der Adressen spielte gar keine Rolle mehr und ich müsste die ganzen Abbrüche nicht machen. Will er das nicht sehen? In der Pause sage ich: »Ohnsorg-Theater ist nichts dagegen.« Ich wünsche mir den Prozess unzensiert direkt ins nächste Kabarett.

Dann kommt die Urteilsverkündung. Ich werde tatsächlich verurteilt. Zu 6.000 Euro Geldstrafe. Das Unglaubliche passiert. Irgendwie scheint die Tatsache nach draußen gedrungen zu sein, denn vom Vorplatz ertönt ein Pfeifkonzert und Geschrei. Ich empfinde die Situation als surreal. Während draußen die Leute, mehrheitlich Frauen, schreien, spricht drinnen die Richterin in ihrer Urteilsbegründung von hormonellen Störungen, unter denen Frauen während der Schwangerschaft leiden, weshalb sie vor sich selbst geschützt werden müssten … Ein altbekanntes absurdes »Abtreibungsgegner«-Argument. Ich weiß nicht, ob ich heulen, lachen oder stolz sein soll. (…)

Dienstag, 29.5.2018. Ich bin ­Marathonläuferin, ich werde mein Ziel erreichen

Die Bewegung wird stärker. Zahlreiche Verbände haben sich der Forderung nach Streichung des Paragraphen 219 a angeschlossen und rufen die Politik zum Handeln auf, darunter der Arbeitskreis Frauengesundheit, die Pro Familia, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Giordano-Bruno-Stiftung, das Institut für Weltanschauungsrecht, die Evangelischen Frauen. (Später kam auch der Deutsche Frauenrat dazu, Dachverband von rund 60 bundesweit aktiven Frauenorganisationen, Anm. d. Autorin). Mehrere Ärztekammern fordern Rechtssicherheit für Ärzt*innen, ebenso die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, der Berufsverband der Frauenärzte. Ich setze genauso auf den juristischen Weg. Weitere Ärzt*innen sind von Anzeigen betroffen. Sie wehren sich. Auch sie gehen an die Öffentlichkeit, geben Interviews, treten im Fernsehen auf. Wir werden vom Deutschen Juristinnenbund, dem Deutschen Anwaltsverein, der Gesellschaft für Freiheitsrechte unterstützt.

Mein Fall erregt internationale Aufmerksamkeit. Die New York Times spricht von einem Paragraphen der Hitler-Ära, BBC, Agence France Presse, Medien aus Holland, Norwegen, Spanien, Argentinien wollen Interviews. Im Gespräch mit einem Redakteur des niederländischen Fernsehens wird überdeutlich, wie aberwitzig wir in Deutschland mit dem Paragraphen 219 a dastehen, für den es europaweit keine Entsprechung gibt.

Vor 30 Jahren habe ich in Holland gelernt, Abbrüche durchzuführen. Willem Boissevain, ein Allgemeinarzt und einer der ersten Hausärzte, die damals begannen, Abbrüche per Absaugmethode vorzunehmen, hatte mir in Arnheim erklärt: »Wir Hausärztinnen und Hausärzte konnten nicht länger mit angucken, dass unsere Patientinnen an illegalen Abtreibungen starben. Sie hatten doch alle Familie, Kinder, Männer. Wir mussten etwas unternehmen. Wir haben damit begonnen, obwohl es laut Gesetz noch nicht erlaubt war. Später dann wurde das Gesetz in Holland angepasst.« Eine solche Haltung muss man sich mal für Deutschland vorstellen.

Für das niederländische Fernsehpublikum soll ich die Auswirkungen des Paragraphen erklären und warum ich die Informationen auf meine Website gestellt habe. Sie dienen der medizinischen Aufklärung von Frauen, die zu mir kommen wollen. Sie sollen es vorher in Ruhe gelesen haben. Aber die Angst der ­Ärzt*innen vor Verfolgung führt dazu, dass kaum sachliche Informationen zu finden sind und die Leute auf Seiten wie »Babycaust« landen. Der Redakteur schaut mich staunend an. Er kennt so etwas nicht. Dann möchte er wissen, wie ich mich fühle dabei. Ich erzähle von den Hassmails, die ich bekomme. »Soll ich sie vortragen?« Er nickt. Inzwischen habe ich Übung und schaffe den Satz fast ohne zu stocken: Man möchte mir in meine Semitenhackfresse hineinschlagen, dass sich das Hirn auf dem Boden verteilt. Ich sehe das Entsetzen in seinen Augen. Zum Abschluss fragt er, ob ich glaube, dass der Paragraph 219 a abgeschafft oder verändert wird. »Ja, ich bin mir ganz sicher.« Ich habe wieder eine feste Stimme in dem Moment. »Natürlich kann er so nicht bleiben. Wissen Sie, ich bin Marathonläuferin, ich gebe nicht auf, bevor ich am Ziel bin. Und es gibt jetzt so viele, die mir schreiben, wie froh sie sind, dass sie wissen, ich gebe niemals auf.« Jetzt strahlt er wieder, der Mann vom Fernsehen. Und mir wird wieder klar, wie absurd die deutsche Situation auf einen Menschen wirken muss, der nicht in die religiös-fundamentalistisch geprägten Diskussionen verwickelt ist.

Am 25. Mai hat Irland abgestimmt. Irland hat das strengste Gesetz in Europa: Abtreibung ist in keinem Fall erlaubt, nicht bei Gesundheitsgefahr für die Frau, nicht nach Vergewaltigung. Die katholische Kirche hat durch die bekanntgewordenen Skandale Vertrauen und Macht verloren. Das Votum für eine Liberalisierung fällt mit einer Zweidrittelmehrheit überwältigend aus.

Das Frauenwahlrecht kam nicht an einem Tag, aber es war nicht aufzuhalten. Die Informationsfreiheit zum Schwangerschaftsabbruch und das Recht der Frau, über ihren Körper zu entscheiden, kommen auch nicht an einem Tag, aber die Bewegung wird nicht aufzuhalten sein. Ich trage gern meinen Anteil dazu bei. Wie absurd der Paragraph 219 a und das künstlich erzeugte Tabu ist! Wir brauchen die Informationsfreiheit zum Schwangerschaftsabbruch. Es geht um unsere Gesundheit, unsere Würde und unsere Ehre. Das Recht auf Information ist ein Menschenrecht.

Kristina Hänel ist Fachärztin für Allgemeinmedizin aus Gießen. Bundesweite Bekanntheit erreichte sie durch einen Prozess gegen sie wegen des Verdachts der Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft. Sie wurde vom Amtsgericht Gießen am 24. November 2017 zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen verurteilt, weil sie auf der Website ihrer Praxis erklärt habe, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Der »Abtreibungsgegner« Yannic Hendricks hatte gegen sie Anzeige erstattet. Das Urteil löste eine breite Debatte über den Paragraphen 219 a des Strafgesetzbuches aus. Die Ärztin wurde zur Symbolfigur des feministischen Kampfes gegen den Paragraphen. Ihre Berufung gegen das Urteil wurde abgelehnt, wogegen Hänel Revision einlegte.

Kristina Hänel: Das Politische ist persönlich. Tagebuch einer »Abtreibungsärztin«. Mit einem Vorwort von Luc Jochimsen. Argument-Verlag mit Ariadne , Hamburg 2019, 240 Seiten, 15 Euro

Lesungen:

Hamburg: 12.4.2019, 19 Uhr, Gesundheitszentrum St. Pauli Haus 1, Seewartenstr. 10

Kiel: 13.4.2019, 18 Uhr, Literaturhaus SH, Schwanenweg 13

Flensburg: 14.4.2019, 11 Uhr, Weinkontor Robert Gavin, Neustadt 16

Lübeck: 14.4.2019, 18 Uhr, Haus der Kulturen, Parade 12

Oldenburg: 15.4.2019, 19 Uhr, Bibliothekssaal Uni Oldenburg, Campus Haarentor, Uhlhornsweg 49–55

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