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Aus: Ausgabe vom 13.04.2019, Seite 3 (Beilage) / Medien

Das Halluzinationsmagazin

Von Arnold Schölzel
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Auf dem Spiegel-Titel steht am vorigen Sonnabend: »Putins Puppen. Wie der Kreml die Rechtspartei für seine Zwecke benutzt«. Über der Titelgeschichte im Innern des Heftes: »Moskaus Marionetten« und weiter: »E-Mails aus dem russischen Staatsapparat belegen, wie Moskau AfD-Politiker für seinen Informationskrieg ausnutzen will. Die Rechtspopulisten dienen sich als willige Helfer an, im Mittelpunkt steht ein junger Bundestagsabgeordneter«. Unter dem Artikel stehen zehn Autorennamen, darunter einer, Alexander Sarovic, der am Dienstag auch im Abspann eines Elf-Minuten-Beitrags »Der Fall Frohnmaier. Wie russische Strategen einen AfD-Politiker lenken wollten« im ZDF-Magazin »Frontal 21« auftaucht. Die Schlagzeilen machen deutlich: Von Sonnabend bis Dienstag ist die Sensation geschrumpft: Aus dem Plural »Puppen« und »Marionetten« wurde in drei Tagen der »Fall« eines AfD-Hinterbänklers im Bundestag. Aber nicht einmal den geben Spiegel-Artikel und ZDF-Beitrag her: Es handelt sich nicht um einen Fall Frohnmaier, einem unappetitlichen Schwadroneur (»mordende Messermigranten«) üblichen AfD-Zuschnitts und passionierten Russland-Reisenden, sondern bestenfalls um den Fall eines Mitarbeiters der russischen Duma. Wenn’s denn stimmt: Das Material stammt vom russischen Exiloligarchen Michail Chodorkowski. Der Spiegel: »Die entscheidende Mail geht am 3. April 2017 in der Moskauer Präsidialadministration ein.« Darin seien »bereits ausgearbeitete Projekte« vorgestellt worden, im Telegrammstil u. a.: »Kandidat: Markus Frohnmaier/Ort: Bundestag/Wahrscheinlichkeit der Wahl: hoch/Verlangt wird: Unterstützung im Wahlkampf.« Der Spiegel weiter: »Es wird ein unter absoluter Kontrolle stehender Abgeordneter im Bundestag sein.« Absender wie Empfänger dieser E-Mail seien »Staatsdiener in Putins Apparat«.

Das war’s. Mehr haben die zehn Spiegel-Macher nicht. Aber so etwas ergibt im »Nachrichtenmagazin« heute ein Cover, auf dem eine schwarze Hand die AfD an Fäden hält und Fotomontagen im Text, z. B. ganzseitig mit oben Putin, in der Mitte Frohnmaier und unten hinterm Reichstagsgebäude Flammen. Stürmer-Stil? Jedenfalls gefährlicher Unsinn und ein Fall Spiegel/ZDF. Was die Autoren rund um die E-Mail zusammengetragen haben, bewegt sich auf entsprechendem Niveau: Vokabeln wie »vermuten« und »Vermutung« spielen eine tragende Rolle, »Wahlbeobachtungen« durch die AfD werden zu einer Hauptwaffe Moskaus, und von irgendwoher taucht der »russische Neofaschist« Alexander Dugin auf (»ein Mann wie Rasputin, mit schmalem Gesicht, grauem Rauschebart und stramm antiliberalem Weltbild«), der in kaum einem Spiegel-Artikel zu Russland fehlen darf. Frohnmaier, zur Rede gestellt, »beteuert«, mit Dugin 2015 »nur ein kurzes, zufälliges« Gespräch geführt zu haben. Da AfD-Chef Alexander Gauland auch dabei war, wird er auf einer weiteren düsteren Fotomontage mit Rasputin-Dugin zusammengetackert.

Warum treibt Putin den Aufwand? Der Spiegel: Das Ziel der AfD, »das Establishment anzugreifen, vereint die Partei mit dem russischen Präsidenten, der die Macht des Westens brechen will, indem er ihn zu spalten versucht«. So raffiniert sind sie, die Moskowiter. Am Mittwoch schlagen sie zurück. Andreas Peter macht sich in der deutschsprachigen Ausgabe von ­sputniknews.com (Spiegel: sendet »alternative« Nachrichten) lustig. Er erinnert u. a. daran, dass der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, am 3. Juni 2018 in einem Interview mit dem US-Portal für Faschisten Breitbart ankündigte, er wolle konservative Führer in Europa »stärken«. Will der etwa auch ...? Spiegel hilf! Aber entweder wird zuviel Kokain in dessen Redaktion verteilt oder angesichts stark schwindender Auflage jede Phantasie gedruckt. Die Zukunft heißt: Das Halluzinationsmagazin.

Entweder wird zuviel Kokain in der Spiegel-Redaktion verteilt oder angesichts stark schwindender Auflage jede Phantasie gedruckt. Die Zukunft heißt: Das Halluzinationsmagazin.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Michael Schmidt: Wie schon 1941 Solche antirussischen Verschwörungstheorien, wie sie der Spiegel heute bringt, hat die deutsche »Mainstreampresse« auch im Zweiten Weltkrieg verbreitet. Am 23. Juni 1941 konnte man in ihr lesen: »Das ...

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