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Aus: Ausgabe vom 13.04.2019, Seite 12 / Thema
Sozialpsychologie

Alle gegen einen

Der Kapitalismus fördert Konkurrenzdenken und Abgrenzung. Wer nicht funktioniert, wird ausgegrenzt – Fragmente einer Sozialpsychologie des »Mobbings«
Von Götz Eisenberg
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In Deutschland wird fast jeder sechste 15jährige regelmäßig körperlich und seelisch durch Mitschüler misshandelt (so eine OECD-Studie auf Grundlage der PISA-Daten von 2017). Der gesellschaftliche Hintergrund der steigenden Zahl von Mobbingattacken wird öffentlich kaum diskutiert

Seit dem Tod eines elfjährigen Mädchens in Berlin-Reinickendorf Ende Januar 2019 wird wieder einmal breit über das Thema »Mobbing« diskutiert. Der selbsternannte Anti-Mobbing-Coach und Darsteller in einer Dokusoap von RTL 2 Carsten Stahl erklärte das Mädchen flugs zum Mobbingopfer und erhob schwere Vorwürfe gegen die Schule, die sie besucht hatte. Er rief zu einer Mahnwache auf, an der circa 150 Menschen teilnahmen. Man warf der Schulleitung und dem Kollegium vor, die seit Jahren bestehende Problematik nicht ernst genug zu nehmen und nichts dagegen zu tun. Die Eltern baten indes darum, den Tod ihrer Tochter nicht zu instrumentalisieren und ihnen mehr Zeit zur Klärung einzuräumen. Leute wie Stahl machen aus Fällen wie diesem ein Geschäftsmodell. Vor allem neigen sie zu Vereinfachungen. Todesfälle wie der des elfjährigen Mädchens werden immer etwas Rätselhaftes behalten, das sich unseren Deutungsversuchen entzieht. Monokausale Erklärungen genügen hier nicht.

Ich hege ein gewisses Misstrauen gegenüber Begriffen, die aus der Ethnologie in die Sozialwissenschaften und die Psychologie eingewandert sind. Sie dienen häufig dazu, ein historisch und gesellschaftlich spezifisches Verhalten zu einer biologischen oder zumindest anthropologischen Konstante zu verdinglichen und damit aus dem Bereich dessen zu verbannen, der veränderbar ist. Der Begriff »Mobbing« geht, soweit ich weiß, auf Konrad Lorenz zurück, der damit aggressive Verhaltensweisen von Tieren beschrieb, die dazu dienen, Eindringlinge von ihrem Territorium zu vertreiben. Der Begriff ist vom englischen Verb »to mob« (»herfallen über«) abgeleitet. In den 1980er Jahren führte Heinz Leymann, ein in Schweden lebender deutschstämmiger Psychologe, den Begriff ein, um schwere Formen seelischer Gewalt in Organisationen, vor allem in der Arbeitswelt zu beschreiben. In den 1990er Jahren drang »Mobbing« in die Alltagssprache ein. Ein solcher Vorgang der Verallgemeinerung eines Begriffs verweist in der Regel auf die Vermassung dessen, was mit dem Begriff bezeichnet werden soll. Mobbing als massenhaftes Phänomen scheint eine Begleiterscheinung und Folge der Durchsetzung neoliberaler Praktiken in Wirtschaft und Gesellschaft zu sein. Diese haben eine im Kapitalismus tief eingewurzelte endemische Verhaltensweise zu einer akuten Epidemie anwachsen lassen. »Der Kapitalismus«, hat der österreichische Sozialist Günther Nenning einmal gesagt, »ist nur nett, wenn er muss, und gegenwärtig muss er nicht.« Zu Zeiten des Kalten Krieges war der Kapitalismus weniger reich als jetzt, und dennoch finanzierte er, wenn auch nie begeistert, den vollen Sozialstaat, der die schlimmsten Auswirkungen des Kapitalprinzips abfedern sollte. Mangels kommunistischer oder auch nur sozialdemokratischer Herausforderungen sieht er sich jetzt zu solchen Nettigkeiten nicht mehr genötigt und legt seine Beißhemmungen ab.

Neoliberales Treibhaus

Eine vom Markt und seinen Gesetzen vollkommen beherrschte Gesellschaft zwingt die Menschen zu einem Leben im Zustand permanenter Verteidigung und Aggression. Wer vorwärts kommen und nicht irgendwann zu den Herausgefallenen und Überflüssigen gehören will, muss sozialdarwinistische Haltungen wie Skrupellosigkeit und Härte an den Tag legen. Der Neoliberalismus hat solche Haltungen vermasst. Es herrscht ein Klima, in dem Praktiken des Mobbings wie in einem Treibhaus gedeihen.

Robert J. Sternberg hat in seinem Buch »Erfolgsintelligenz« das Wirken des darwinistischen Prinzips in der Gesellschaft anhand folgender Geschichte illustriert: Zwei Jungen begegnen irgendwo in den amerikanischen Wäldern einem aggressiven Grizzlybären. Während der eine in Panik gerät, setzt sich der andere seelenruhig hin und zieht sich seine Turnschuhe an. Da sagt der in Panik Geratene: »Bist du verrückt? Niemals werden wir schneller laufen können als der Grizzlybär.« Und sein Freund entgegnet ihm: »Du hast recht. Aber ich muss nur schneller laufen können als du.«

Glück ist, wenn der Pfeil den Nebenmann trifft. Die Wut der Unterdrückten dreht sich, wenn sie sich nicht gegen die Verursacher kehren kann, im Kreis und richtet unter den Unterdrückten selbst Verheerungen an. Mobbing ist nicht zuletzt Folge von nicht ausgetragenen und stillgestellten Klassenkämpfen. Oskar Negt hat eine Definition des Begriffs Mobbing vorgeschlagen, der ich mich anschließen kann: »Mobbing ist ein aktuelles Stichwort für atmosphärische Veränderungen innerhalb von institutionellen Gruppenzusammenhängen, deren reibungslose Funktionsfähigkeit durch ausgeglichene emotionale Beziehungen garantiert wird. Wo harte Leistungskonkurrenz nach innen drängt, wo das Denken und Verhalten der einzelnen bis ins Unbewusste hinein durch Überlebenskampf bestimmt wird, wo Unbehagen und Wut aber keine eindeutigen Adressaten finden, entstehen leicht diffuse Aggressionen, die sich auf beliebige Objekte fixieren.«

»Hallo, Masern!«

Eingangs seiner Autobiographie, die unter dem Titel »Wie man wird, was man ist« erschienen ist, schildert der amerikanische Psychotherapeut und Schriftsteller Irvin D. Yalom einen späten Traum. Er ist zehn, vielleicht elf Jahre alt und fährt in seinem Heimatort mit dem Rad eine Straße entlang. Er sieht ein Mädchen namens Alice vor ihrem Haus sitzen. Sie ist ein wenig älter und hübsch, aber ihr Gesicht ist voller roter Flecken. Im Vorbeifahren ruft er ihr zu: »Hallo, Masern!« Im Traum steht plötzlich ein großer und kräftiger Mann vor ihm und stoppt seine Fahrt, indem er den Lenker seines Rades packt. Es ist der Vater des Mädchens. Er ist sehr erbost und fragt ihn, ob er sich vorstellen könne, wie seine Tochter sich nach dieser Anrede fühle. Ihm wird noch im Traum klar, dass er Alice grob beleidigt und gekränkt hat. Er ist entsetzt, vor allem auch darüber, wie leicht und unbedacht ihm die Beleidigung über die Lippen ging. Schließlich kommt Alice herbeigelaufen und fragt ihn, ob er nicht reinkommen und mit ihr spielen möchte. Er antwortet: »Ich fühle mich so schrecklich, ich schäme mich so. Ich kann nicht.«

Als Junge ist Yalom tatsächlich am Elternhaus von Alice vorbeigeradelt und hat ihr »Hallo, Masern!« zugerufen. Nun, siebzig Jahre später, bricht ein verkapselter Abszess auf, und er braucht lange, um sich von diesem Traum zu erholen. Er ist aufgewühlt und voller Schuldgefühle. Ihm wird klar, welchen Schaden er damals leichtfertig angerichtet hat und formuliert in seiner Autobiographie eine späte Entschuldigung: »Verzeih mir, Alice.«

Zweierlei finde ich an dieser Episode bemerkenswert. Da ist zum einen die für unsere heutigen Ohren relative Harmlosigkeit der Bemerkung »Hallo, Masern!«, und zum anderen der unerbittliche innere Gerichtshof des Gewissens, der noch siebzig Jahre nach dem Vorfall nicht auf Freispruch wegen Verjährung, sondern auf schuldig plädiert. Die Ansprache des Vaters trifft auf ein empfängliches Gewissen und eine intakte moralische Instanz auf seiten des jungen Irvin Yalom. Ohne diese bliebe es bei einer Schuldzuschreibung von außen ohne korrespondierendes Schulderleben.

Wie anders ist die Situation heute. Lehrerinnen und Lehrer berichten von einem Zugleich von schlimmsten Mobbing- und Dissing-Attacken und einem fast vollständigen Fehlen von Gefühlen der Schuld und der Scham auf seiten der Täter. Ein Siebenjähriger kündigt einer Mitschülerin an, ihr seinen »Penis in den Mund zu stecken«, und kann, von der Lehrerin zur Rede gestellt, nichts dabei finden. Die Scham des Mädchens geht im Gelächter der Klasse unter. Zwölfjährige filmen ihre Mitschülerinnen mit einer Selfiestange unter der Toilettentür hindurch und stellen die kompromittierenden Filme ins Netz. Schuldgefühle? Fehlanzeige. Neulich begegnete ich im Wald einer Schulklasse auf einem Wandertag. Obszöne Beschimpfungen flogen durch die Luft. In dem Gefängnis, in dem ich lange als Psychologe gearbeitet habe, herrschte, im Vergleich mit dieser Schulklasse, ein gesitteter Ton. Ich erinnere mich an mein Erschrecken, als ich zum ersten Mal mitbekam, dass unter Kindern und Jugendlichen »Du Opfer« als Schimpfwort im Schwange ist. Dass so etwas möglich ist, wirft ein Schlaglicht auf das Menschenbild, das in den letzten Jahren im Zeichen eines Kults des »Winners« entstanden ist.

Woran die aktuelle Debatte krankt, ist der Umstand, dass die gesellschaftlichen Ursachen der beklagten Phänomene, mangelnde Empathie und ein Schwund des Mitgefühls, nicht thematisiert werden. Aber wie sollen diese sich entwickeln, wenn Kinder bereits in der Grundschule einem harten Konkurrenzkampf ausgesetzt sind? Wenn Kinder und Jugendliche mitbekommen, wie Dieter Bohlen in seiner Castingshow vor einem Millionenpublikum Leute runterputzt? Sadismus als Abendunterhaltung zur besten Sendezeit. Mit der Verbreitung des Smartphones und der sogenannten sozialen Netzwerke kam das »Cybermobbing« als neuer Breitensport hinzu. Meist aus dem Schutz der Anonymität heraus werden andere mittels Beleidigungen, Gerüchten oder Lügen sowie kompromittierenden Fotos oder Montagen drangsaliert. Die sozialen Medien fungieren als digitaler Pranger. Die Social-­Media-Plattformen fördern all jene Emotionen, die Menschen am längsten am Bildschirm halten – und das sind Häme, Schadenfreude und Hass.

So ist es kein Wunder, dass Mobbing zu einer Seuche des neoliberalen Zeitalters geworden ist. Gerade höre ich im Radio die Meldung, dass sich die Zahl der Krankentage wegen psychischer Probleme binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat, von rund 48 Millionen im Jahr 2007 auf 107 Millionen im Jahr 2017. Die Fehltage sind ein ziemlich genauer Indikator für den Druck, der auf all denen lastet, die noch einen Job haben. Praktiken, die man als Mobbing einstuft, werden an dieser Entwicklung ihren Anteil haben. Krankenkassen und Unternehmen antworten auf psychische Störungen und andere »Dysfunktionen« mit Achtsamkeits- und Resilienztrainings, die sie ihren Mitgliedern und Belegschaften anbieten oder verordnen. Arbeiter und Angestellte sollen lernen, mit immer stärkeren Belastungen umzugehen, um die Produktivität ihrer Arbeit weiter zu steigern. Vernünftig und im Sinne einer »Ökonomie des ganzen Hauses« letztlich auch rentabler wäre es, das aberwitzige Tempo des Lebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschengerechte Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht länger zuzumuten, ihre Gesundheit auf dem Altar des Profits zu opfern. Dann bräuchte es den ganzen psychologisch-medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht.

Der Sündenbockmechanismus

Von dem Sozialpsychologen Peter Brückner habe ich gelernt zu fragen: »Welche menschlichen Haltungen gedeihen eigentlich in einem gegebenen sozialen Klima, welche verdorren?« Die Antwort: Ellenbogeneinsatz, Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leiden und Skrupellosigkeit gedeihen im sozialdarwinistischen Klima; Mitgefühl, Solidarität und Empathie drohen zu verdorren. In dem Maße, wie die Menschen von der Kita bis zum Seniorenheim gehetzt und vor allem aufeinandergehetzt werden, der Konkurrenz- und Leistungsdruck zunimmt, ohne dass sich ihnen eine Möglichkeit der Gegenwehr bietet, wächst das Bedürfnis nach einem Sündenbock, auf den die Malaise verschoben werden kann. Er ist das beste Objekt für die Projektion aller möglichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgefühle. Mobbing ist eine Spielart des Sündenbockmechanismus, auf den alle klassengespaltenen Herrschaftskulturen zwecks systemkonformer Entschärfung von Konflikten angewiesen sind.

Robert Walser gehört zu den Schriftstellern, denen ich mich seelenverwandt fühle. Er zählt zu den »Zaungästen des Fortschritts«, als die Theodor W. Adorno gewisse randständige Künstler charakterisiert hat. Es gelang Walser nie, »sich der bürgerlichen Ordnung brav anzuschmiegen«, und er zog es vor, die zweite Hälfte seines Lebens in Heil- und Pflegeanstalten zuzubringen. Dort wischte er nach dem Essen die Tische ab, beschrieb Zettel in seiner mikroskopisch kleinen Bleistiftschrift und unternahm ausgedehnte Wanderungen. Manchmal durfte ihn sein Vormund und Förderer Carl Seelig begleiten. Bei einer dieser Gelegenheiten sprach Walser über einen Bruder im Geiste, und man kann davon ausgehen, dass er, indem er über Hölderlin sprach, auch über sich selbst sprach: »Ich bin überzeugt, dass Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eines daraus!«

In seinem letzten, vor dem Rückzug in die Anstalt geschriebenen Roman »Der Räuber« finden sich Sätze, die uns mitten ins Zentrum der Mobbingthematik führen (wenn dieser Terminus aus dem Arsenal zeitgenössischer sozialtechnischer Begriffe in diesem Kontext einmal erlaubt sei). Walser beschreibt den Räuber so: »Wer lebhaften Geistes ist, spinnt eben ab und zu mal. Im allgemeinen, so wird man glauben dürfen, wurde er verfolgt, weil sich das fast von selbst ergab, weil’s leicht war. Man sah ihn nämlich immer so ohne jede Gesellschaft, so mutterseelenallein. Man verfolgte ihn, damit er leben lerne. Er gab sich so exponiert. Er glich dem Blatt, das ein Knabe mit der Rute vom Zweig herunterschlägt, weil es ihm als Vereinzeltes auffällt.« Robert Walser starb am zweiten Weihnachtstag 1956 auf einem seiner Spaziergänge. Man fand ihn tot im Schnee liegend, ganz so, wie er 50 Jahre zuvor den Tod des Dichters Sebastian in seinem Roman »Geschwister Tanner« beschrieben hatte. Peter Brückner, auch so ein Bruder im Geiste, resümierte die Erfahrungen von Außenseitern und verfolgten Minderheiten im 20. Jahrhundert mit dem knappen Satz: »Wer aber nicht ›komplett‹, wer nicht sichtlich unsereiner ist, steht sehr unfest in der Kultur.«

Ausgrenzungserfahrungen

Was ist eigentlich mit meinen eigenen Erinnerungen an erlittene Demütigungen und Schulqualen? Es hat sie gegeben in den frühen Jahren. Das Gedächtnis ist gnädig und hat sie weitgehend dem Vergessen überantwortet. Aber ein gewisses Nachgefühl ist doch geblieben, und je länger ich mich mit dem Thema befasse, desto mehr versunkene Erinnerungen tauchen auf. Nach dem frühen Tod meiner Mutter hatte man mich von allen Seiten mit Süßigkeiten vollgestopft. Das galt als probates Mittel gegen kindlichen Kummer. Wer mir allseits bedauerten Halbwaise etwas Gutes tun wollte, gab mir Schokolade oder Kekse. War ich schon zu Lebzeiten der Mutter ein wenig pummelig gewesen, umgab ich mich nun mit einer Schicht aus traurigem Fett. Und da ich dick war, wurde ich gehänselt und verlacht: »Dicker fetter Pfannekuchen«, riefen die anderen hinter mir her, gelegentlich auch »Fettsack« und »fettes Schwein«. Verglichen mit den heute üblichen Beschimpfungen war es relativ harmlos. Aber natürlich traf und verletzte es mich. Tief gruben sich die Schmähungen ein und prägten mein Selbst- und Weltverhältnis. Mein Vater war mit Beruf, Haushalt und Kind überfordert. Eines Tages fand er morgens die richtigen Kleidungsstücke nicht, und ich wurde mit der Schlafanzughose in die Schule geschickt, die unten aus der Stoffhose herausschaute. Man kann sich vorstellen, dass eine Woge des Spottes über mich hereinbrach. Das Gelächter der anderen dröhnte mir noch lang in den Ohren.

Der Tod der Mutter hat meinem Leben und meinem Verhältnis zur Welt einen Schlag verpasst, der sich durch die in Kindergarten und Schule gemachten Erfahrungen der Zurückweisung noch verstärkte. Ich fühlte mich verlassen und zurückgestoßen. Ich wurde krank. Irgendwann reagierte ich mit Aggressionen und ging blindwütig auf die Beleidiger und Peiniger los. Meist zog ich gegen die Übermacht der anderen den kürzeren und kehrte blutend und geschlagen nach Haus zurück. Dort war auf Unterstützung nicht zu rechnen, denn auch hier wurde ich »Dicker« genannt. Ich entsprach nicht dem Ideal eines »deutschen Jungen«, das mein Vater, wie vieles andere auch, aus dem wilhelminischen Deutschland und dem »Dritten Reich« in die Bundesrepublik mitgeschleppt hatte. Für ihn war vor allem das Turnen wichtig, für mich war das der blanke Horror. Verzweifelt stand ich da und wusste beim besten Willen nicht, wie ich die Kletterstangen hinaufkommen oder einen Bock überspringen sollte.

Niederlagen und erlittene Demütigungen machten einsam, und diese Einsamkeit zog weitere Nachstellungen nach sich. Kinder und Jugendliche, die Opfer jener Paranoia geworden sind, die man Erziehung nennt, besitzen oft eine feine Witterung für kleinste Anzeichen von Differenz; wer abweicht, wer fremdartig erscheint, erfährt Ablehnung und Aggression. Körperliche Stigmata wie Schielen, abstehende Ohren, rote Haare, eine Brille oder in meinem Fall Fettleibigkeit reichten aus, um einen zum Opfer von Nachstellungen werden zu lassen. Mit so einem mochte keiner die Bank teilen. Schwache, Hilflose, Sensible wurden und werden leicht Beute von Hetzmeuten. Die Schwäche reizt die Starken, die ihre Stärke der Verleugnung der eigenen Schwäche verdanken. Wer Verbündete und Freunde hat, fällt ihren Attacken weniger leicht zum Opfer. Gewalt und seelisch-körperliche Quälereien gedeihen vor allem im trüben Klima der Unterwerfung unter fremde Zwecke. Schulen sind bis heute Institutionen des Zwangs geblieben. Da sie sich immer mehr als effiziente Zulieferbetriebe für Industrie und Markt begreifen, werden sie verschärft zu Orten der Konkurrenz, der Selektion und damit auch der Kränkung und Beschämung.

Dabei hätte ich so gern dazugehört. Mein Außenseitertum war ja kein selbstgewähltes, es war mir von außen aufgezwungen worden. Erst als meine Stiefmutter mich am Beginn der Pubertät auf strenge Diät setzte und meine Fettleibigkeit sich verlor, besserte sich meine Lage. Ich begann Sport zu treiben und fand dort endlich die Anerkennung, nach der ich mich lange vergeblich gesehnt hatte. Ich entdeckte die Wonnen der Gemeinsamkeit, blieb allerdings immer skeptisch gegenüber Formen von Gemeinschaft, die auf Kosten und unter Ausschluss von anderen zustande kommen. Das brüllende Gelächter nach einem Witz, der zu Lasten von Minderheiten und Schwächeren geht und letztlich auf den Totschlag hinausläuft, war mir immer zuwider. Jede Kameraderie blieb mir unheimlich und flößte mir Schrecken ein. »Kameraden«, schrieb Peter Brückner einmal, »sind diejenigen, die von den gleichen Ressentiments radikalisiert werden.« Viele dieser Ressentiments hatten ja die Ausrottung ihrer Objekte überlebt und erfreuten sich in den 1950er und 1960er Jahren noch immer großer Beliebtheit. In gewissen Vorurteilen sind sie »so sicher konserviert wie die Mücke im Bernstein«, fährt Brückner fort. »Gemeinschaft« können sich viele Deutsche bis auf den heutigen Tag nur als »Volksgemeinschaft« vorstellen, die jene ausschließt, denen gewisse soziale oder ethnische Merkmale fehlen, die man vom »Volksgenossen« fordert.

Sendboten des Faschismus

Michael Hanekes Film »Das weiße Band« führt diesen Mechanismus im Milieu eines norddeutschen Dorfes im wilhelminischen Deutschland vor. Der Faschismus bezog und bezieht seine psychischen Energien aus dieser Quelle. Er systematisierte Verhaltensweisen, die bereits vermasst vorlagen. Theodor W. Adorno sprach deswegen in einem »Der böse Kamerad« überschriebenen Abschnitt der »Minima Moralia« davon, dass der Ausbruch des Faschismus zwar sein politisches Urteil überraschte, doch nicht seine unbewusste Angstbereitschaft. Er konnte den Faschismus aus den Erinnerungen seiner Kindheit ableiten. »Wie ein Eroberer in fernste Provinzen, hatte er dorthin seine Sendboten vorausgeschickt, längst ehe er einzog: meine Schulkameraden.« Diese hatten ihn verprügelt und brüllend gelacht, wenn er, der Primus, einmal versagte. »Im Faschismus ist der Alp der Kindheit zu sich selber gekommen«, heißt es abschließend.

Einer oder eine Gruppe wird ausgeguckt, gejagt und zur Strecke gebracht. Das stiftet ein Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Jägern. Primär ist die Bosheit, die den Menschen von den sozialen Verhältnissen und der Erziehung eingepresst wird. Mobbing ist ein Ventil, um diese eingepresste Bosheit gegen einzelne und Minderheiten loszulassen. Der menschenverachtende Furor käme erst in einer Gesellschaft zum Erliegen, in der Solidarität zur vorherrschenden Verkehrsform und Freundlichkeit zum bestimmenden Kommunikationsstil würde. Man kann nur hoffen, dass die neue Schülerbewegung etwas davon vorwegnimmt und in den Schulalltag einführt.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er ist Mitinitiator des Gießener Georg-Büchner-Clubs und arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« 2018 im Gießener Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ullrich Uhle: Wozu das alles? Ja, da war doch mal was – Handfestes, Gutes, Wertvolles, Stabiles. Und das dort, wo nach Auffassung der Menschen hier im Ostland/Westland es doch eigentlich – nischt gab! Was aber besonders herabsetze...
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