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Aus: Ausgabe vom 12.04.2019, Seite 6 / Ausland
Argentinien

Kampf um eine Kooperative

Seit 16 Jahren gibt es in Buenos Aires ein selbstverwaltetes Hotel. Doch nun droht endgültig die Räumung
Von Jeremy-James Peter, Buenos Aires
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Kampf, Arbeit, Kultur für die Enteignung der Kapitalisten – BAUEN-Aktivisten am 29. Dezember 2016 in Buenos Aires

Das Hotel BAUEN – das Kürzel steht für »Buenos Aires, Una Empresa Nacional« (Ein nationales Unternehmen) in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires wurde 1978 vom Unternehmer Marcelo Iurcovich aus Mitteln der Militärdiktatur errichtet, um Unterkünfte für die in jenem Jahr in Argentinien stattfindende Fußballweltmeisterschaft zu schaffen. Mitten im Zentrum der Millionenmetropole an der Avenida Callao 360 gelegen und unmittelbar neben dem noch prunkvolleren »BAUEN Suites« war das Hotel einst eine feine Adresse.

Das ist lange her. Im Jahr 1997 verkaufte Iurcovich das Hotel an eine chilenische Investorengruppe. Vier Jahre später war das BAUEN bankrott und über 100 Angestellte von einem Tag auf den anderen arbeitslos. Das traf diese zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, am Beginn der großen Wirtschaftskrise. Die Situation der ehemaligen Angestellten verschlechterte sich in den folgenden Jahren immer mehr, nicht wenige verloren ihre Wohnungen und fanden sich auf der Straße wieder. Da fassten sie am 21. März 2003 einen beherzten Entschluss. Sie besetzten ihre ehemalige Arbeitsstätte und eröffneten das Hotel in Eigenregie wieder.

Seither verwalten und betreiben die ehemaligen Angestellten das BAUEN gemeinschaftlich als Kooperative. Sie ist einer von mehreren hundert Betrieben in Argentinien, die hauptsächlich in den Krisenjahren nach 2001 von den Beschäftigten übernommen und selbstverwaltet fortgeführt wurden.

Doch die früheren Eigentümer hatten das Hotel nach der Pleite im Dezember 2001 regelrecht ausgeplündert. Nach der Wiederinbetriebnahme 2003 musste sich die Mannschaft zunächst einmal um umfangreiche Renovierungs- und Aufräumarbeiten kümmern und eine komplette neue Inneneinrichtung besorgen. Doch es gelang mit Herz und Einsatz. Seither bieten die Aktivisten ihre Räumlichkeiten auch linken und Non-Profit-Organisationen kostenlos für Treffen und Seminare an.

Seit dem Jahr 2007 droht der Kooperative die Räumung, doch bisher konnte sie immer wieder abgewendet werden. Unter den Regierungen von Néstor Kirchner und dessen Nachfolgerin Cristina Fernández war die Exekutive selbstverwalteten Betrieben wohlgesonnen und hatte einen Prozess eingeleitet, um diese auch formell an die neuen Betreiber zu übergeben. Das änderte sich mit der Machtübernahme des neoliberalen Präsidenten Mauricio Macri im Dezember 2015. Seine Regierung betreibt eine Politik der sozialen Härte und des gnadenlosen Kaputtsparens. Das Ergebnis ist die zweithöchste Inflationsrate der Welt, die Armut im Land nimmt dramatisch zu, die Erwerbslosigkeit steigt immer weiter an. Das Land steuert wieder auf den Abgrund und die nächste schwere Wirtschaftskrise zu.

Selbstverwaltete Unternehmen sind dem Präsidenten ein besonderer Dorn im Auge, er bezeichnete sie einmal als »Wunden in der argentinischen Wirtschaft« und deren Betreiber schlichtweg als »Diebe«. Im April 2017 stand einmal mehr die Räumung des BAUEN an, doch ein letzter juristischer Schachzug seiner Betreiber verhinderten diese in letzter Sekunde.

Das von der Kooperative eingereichte Rechtsmittel wurde jedoch im vergangenen Januar in letzter Instanz endgültig abgewiesen. Der Weg für eine baldige Räumung ist damit frei. Zusätzlich hat der »Tarifazo« – das stetige Steigen der Preise für Gas, Wasser und Strom um insgesamt schon mehrere tausend Prozent seit 2015 – das BAUEN in immer mehr Schulden getrieben. Das spielt den Plänen der Regierung, das ungeliebte Projekt aus dem Weg zu räumen, ebenfalls in die Karten.

Jeremy-James Peter ist gebürtiger Österreicher und studierter Naturwissenschaftler (Biotechnologie und Agronomie). Unzufrieden mit seinem Leben in der Festung Europa und dem Leben im Wohlstand auf Kosten der Restwelt, ließ er sein altes Leben hinter sich, um in Südamerika einen Neustart zu probieren.

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