Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Mai 2019, Nr. 120
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.04.2019, Seite 7 / Ausland
Sudan

Einfach sitzen bleiben

Räumung von Protestblockaden im Sudan misslungen. Armee uneins über weiteres Vorgehen
Von Gerrit Hoekman
RTS2H0A6.jpg
Wollen sich nicht mehr vertreiben lassen, bis Präsident Al-Baschir zurücktritt: Sudans Protestbewegung am Dienstag in der Hauptstadt Khartum

Wie lange kann sich der sudanesische Präsident Omar Al-Baschir noch an der Macht halten? Seit Sonnabend verstärken sich die seit vier Monaten andauernden Proteste gegen ihn noch einmal. In der Hauptstadt Khartum kampieren rund um die Uhr Tausende Menschen vor dem Hauptquartier der Armee und fordern die Soldaten auf, sich ihnen anzuschließen. Die der Opposition nahestehende Internetzeitung Sudan Tribune berichtet am Dienstag von 21 Toten. Mehr als 150 Menschen sind zum Teil schwerverletzt, einige befinden sich in einem kritischen Zustand. Mehr als 2.000 sollen verhaftet worden sein. Unter den Getöteten sind auch fünf Soldaten, die offenbar zu den Protestierenden übergelaufen waren.

»Maskierte Schützen greifen jeden Tag im Morgengrauen die Demonstranten an«, beschreibt Sadiq Al-Mahdi, Anführer der oppositionellen Nationalen Umma Partei (NUP), die Lage vor dem Armeehauptquartier in der Tribune. Die NPU ist eine der ältesten Parteien im Land und tritt für eine islamische Demokratie ein. Al-Mahdi war Premierminister, als sich Al-Baschir 1989 an die Macht putschte.

Eine Großdemonstration, zu der die verbotene Gewerkschaft SPA für den vergangenen Sonnabend aufgerufen hatte, war der Katalysator für die neue Protestwelle. Seitdem harren die Menschen aus und fordern ein Ende der fast 30 Jahre dauernden Herrschaft von Omar Al-Baschir. Forderten die Demonstranten im Dezember »nur« niedrigere Brotpreise und mehr Lohn, so stellt die Opposition inzwischen die Machtfrage. Auch in anderen Städten des Landes, etwa in Port Sudan, gehen die Leute auf die Straße. Dabei sind Frauen oft in der Mehrheit. »Für viele Frauen ist dieses Regime ein Synonym für alle Arten von Unterdrückung. Es überrascht nicht, dass sie das jetzt als die Chance sehen, die für sie wichtigen Dinge zu ändern«, erklärte die Menschenrechtlerin Jehanne Henry im Guardian deren Motivation.

Der Sprecher der sudanesischen Streitkräfte kündigte am Dienstag an, die Sitzstreiks aufzulösen: »Sie haben die Sicherheit gefährdet und zu negativen Phänomenen geführt.« Er unterstrich die Loyalität der Armee zum Präsidenten. Aber offensichtlich spricht das Militär nicht mehr mit einer Stimme. Denn am gleichen Tag wies die Armeeführung das Ansinnen des Geheimdienstes zurück, den Platz zu räumen, wie die Tribune am Mittwoch schrieb. Der Onlinezeitung zufolge beschwerte sich Geheimdienstchef Salah Gosh bei einem Treffen führender Politiker der regierenden Nationalen Kongresspartei nachdrücklich über die Armee. Die Militärs hätten alle Versuche, die Leute zu vertreiben, torpediert.

Der unheilschwangeren Ankündigung des Armeesprechers sind zunächst keine Taten gefolgt. In der Nacht zum Mittwoch ist zum ersten Mal seit dem Wochenende kein Blut vor dem Hauptquartier geflossen. Ob es daran lag, dass sich am Dienstag abend laut Tribune erstmals zwei ranghohe Offiziere zu den Protestierenden gesellten? Die beiden Militärs versicherten den Demonstranten, die Armee unterstütze die Proteste, also wohl auch den Ruf nach dem Sturz des Präsidenten.

Oppositionsführer Al-Mahdi sieht drei Optionen für Al-Baschir. Die erste sei, mit dem sinnlosen Blutvergießen bis zum bitteren Ende weiterzumachen. »Die zweite ist, die Macht an ein ausgewähltes Militärkommando zu übergeben, das in der Lage ist, Verhandlungen mit den Repräsentanten des Volkes führen, um eine neue Regierung zu bilden, die Frieden und Demokratie schafft«, so der Expremier auf einer Pressekonferenz in Khartum. Präsident Al-Baschir könnte natürlich auch – die dritte Option – selbst mit den Protestierenden in den Dialog treten.

Neben der Gewerkschaft SPA und den moderaten Religiösen um Al-Mahdi ist die Kommunistische Partei eine der wichtigsten Triebfedern des Protests. Leider ist sie in ihrer Arbeit stark eingeschränkt, seit Generalsekretär Mohammed Mokhtar Al-Khatib und 15 Mitglieder des Zentralkomitees verhaftet wurden. Kommunistische Parteien aus aller Welt schickten im März eine Solidaritätsadresse an die einsitzenden Genossinnen und Genossen im Sudan. Die DKP gehört zu den Unterzeichnern.

Ähnliche:

  • Jubel für das Militär am Donnerstag in Khartum. Doch die Opposit...
    12.04.2019

    Historischer Tag im Sudan

    Präsident Al-Baschir abgesetzt und inhaftiert, Militär übernimmt die Macht. Gewerkschaft ruft zur Fortsetzung der Proteste auf

Regio:

Mehr aus: Ausland