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Aus: Ausgabe vom 13.04.2019, Seite 6 / Ausland
Arbeitskampf in Polen

Lehrer bleiben hart

Streik in Polen nach erster Woche ungebrochen. Bevölkerung uneins
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Streiklokal Lehrerzimmer: Grundschule Nr. 68 in Warschau am Montag

Nekla, ein 6.000-Einwohner-Städtchen östlich von Poznan. Im Supermarkt kauft eine Kundin am Gebäckstand einen Karton voller Krapfen. Als die Verkäuferin beiläufig fragt, ob sie einen Namenstag zu feiern habe, erwidert die Kundin, nein, das sei eine Solidaritätsspende für die streikenden Lehrer. »Na, dann haben die ja wenigstens was zu tun«, kontert die Frau an der Kasse spitz. Eine Gewerkschafterin bestätigt später im als Streiklokal dienenden Lehrerzimmer der örtlichen Schule, dass sie, wenn sie mit ihrem Streiksticker an der Jacke einkaufen geht, von den Verkäuferinnen angefeindet werde. Das Argument der »unwürdig« niedrigen Lehrergehälter von umgerechnet 450 bis 800 Euro netto beeindruckt hier kaum jemanden. Es gibt auf dem Land viele, die sowenig verdienen.

Am Abend desselben Tages in der Großstadt Poznan. Auf dem Freiheitsplatz haben sich einige tausend Menschen zu einer Solidaritätskundgebung mit den Streikenden versammelt. Es gibt engagierte, teils emotionale Redebeiträge von Lehrern, Eltern und Schülern. Für den Schluss haben sich die Organisatoren etwas Besonderes ausgedacht: Aus den Lautsprechern erklingt eine in Polen bekannte Polonaise, die traditionell zum Auftakt der Abiturbälle gespielt wird. Demonstranten haken sich unter und deuten ein Tänzchen an. Wer aber kein Abitur gemacht hat, ist durch den kulturellen Code ausgeschlossen. Hier demonstriert das Bildungsbürgertum seine Solidarität mit den streikenden Klassenbrüdern und -schwestern.

Die Parallelität beider Vorfälle bestätigt die Ergebnisse einer Umfrage, die Mitte der Woche die Gazeta Wyborcza veröffentlichte. Danach unterstützen 52 Prozent der Bevölkerung den Ausstand, 43 sind gegen ihn. Die Unterstützung für den Streik wächst mit dem Bildungsniveau und der Größe der bewohnten Ortschaft. Nur 16 Prozent der PiS-Wähler finden ihn gut, aber um die 80 Prozent der Anhänger der liberalen und linken Opposition.

Die Streikfront für höhere Löhne steht nach der ersten Woche auf den ersten Blick unangefochten. An rund drei Viertel aller Schulen wird gestreikt. An den einzelnen Schulen liegt die Beteiligung zwischen 70 und 90 Prozent. Dabei hatten die Gewerkschaften ZNP (Polnischer Lehrerverband) und FZZ (Gewerkschaftliches Forum) bereits Anfang der Woche ihre stärkste Drohung aus der Hand gegeben. ZNP-Chef Slawomir Broniarz stellte den Streikenden frei, ob sie durch ihre Mitarbeit die in dieser und der kommenden Woche anstehenden Abschlussprüfungen an den Grund- und Mittelstufenschulen ermöglichen wollten. Groß war die Bereitschaft zum Streikbruch offenbar nicht. Die Regierung rühmt sich, für 15.000 streikende Schulen 9.000 Freiwillige für die Prüfungsaufsicht rekrutiert zu haben, unter ihnen viele Rentner, aber auch Förster, Priester, Feuerwehrleute und sogar Gefängniswärter.

Die Regierung weist einstweilen alle neuen Verhandlungsaufforderungen der Gewerkschaften zurück und setzt darauf, den Streik ins Leere laufen zu lassen. Sie verweist auf die Einigung, die am letzten Sonntag mit der PiS-nahen Gewerkschaft »Solidarnosc« erreicht worden sei. Einen besseren Abschluss als diesen werde es nicht geben, so die frühere Ministerpräsidentin Beata Szydlo. Der »Solidarnosc« allerdings laufen inzwischen die Mitglieder an den Schulen weg. Ganze Betriebsgruppen lösen sich auf oder drohen damit, falls der Funktionär, der die Einigung unterschrieben hat, nicht zurücktritt.

ZNP und FZZ organisieren ein knappes Drittel der polnischen Lehrerschaft. Der Streik steht und fällt daher mit der Solidarität auch der nichtorganisierten Kolleginnen und Kollegen. Deshalb wurde am Donnerstag ein Aufruf zu Spenden für eine zweite Streikkasse veröffentlicht, aus der ausschließlich bisher nicht Organisierte unterstützt werden sollen. Den Anstoß hatten Prominente aus Kultur, Wissenschaft und Medien gegeben.

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