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Aus: Ausgabe vom 11.04.2019, Seite 5 / Inland
Mysteriöses »Projekt Cartagena«

Metro schwenkt um

SB-Tochter Real soll vor Abgabe schöngemacht werden. Mutterkonzern präsentiert »Plan B« für geplanten Verkauf. Immobilienhaie außen vor?
Von Ralf Wurzbacher
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Protest gegen Entgeltabsenkung bei Neueinstellungen der Metro-Tochter Real 2018 in Berlin

Kann ein Handelsunternehmen so schlecht dastehen, dass dessen Eigentümer es mal eben verschenkt? Wie im Handelsblatt vom Mittwoch zu lesen war, bahnt sich im Fall der krisengeschüttelten SB-Warenhauskette Real eine überraschende Wende an. Noch vor einer Woche hatte die Zeitung zwei Investoren als letzte verbliebene Bieter im Verkaufspoker um den Supermarktbetreiber aus dem Metro-Konzern gehandelt und über dessen Zerschlagung spekuliert. Vielleicht kommt nun doch alles anders: Nach dem neuesten Bericht führe Metro-Chef Olaf Koch Gespräche mit dem Einkaufsverbund Markant darüber, nur die rund 280 Märkte abzugeben und sämtliche Real-Immobilien im Mutterkonzern zu belassen.

Der mögliche zweite Deal soll »Projekt Cartagena« heißen, wobei sich nur rätseln lässt, was das alles mit einer der gleichnamigen Städte zu tun hat. So merkwürdig wie der Name erscheint auch der Inhalt von »Plan B«. Weil Real seit Jahren rote Zahlen schreibt, will Koch angeblich sogar Geld drauflegen, um sich der Tochter zu entledigen. Das Filialnetz mit seinen rund 34.000 Beschäftigten soll laut Handelsblatt für 99 Millionen Euro den Besitzer wechseln. Nicht im Preis inbegriffen wären allerdings die 65 Häuser, die Real selbst besitzt. Die restlichen über 200 Geschäfte sind nur angemietet.

Jetzt der Clou: Schlägt Markant ein und verzichtet auf die Immobilien, wolle die Metro noch vor Vertragsabschluss 300 Millionen Euro in das Unternehmen stecken, um es fit für die Zukunft zu machen. Damit liefe die Sache auf ein Minusgeschäft von 200 Millionen Euro hinaus, es sei denn, Markant übernimmt auch das vergleichsweise gut laufende Onlinesegment Real.de. Für diesen Fall würde eine nicht näher spezifizierte Extrasumme fällig. Die Markant-Kooperation, der auch Real als Einkäufer angehört, hatte zuvor mit dem Finanzinvestor Sapinda bereits ein Angebot für das Gesamtpaket abgegeben. Dieses soll allerdings unterhalb der Gebote der beiden Immobilieninvestoren Redos und X+Bricks gelegen haben. Ob man sich unter den veränderten Bedingungen einig wird, ist wohl noch nicht ausgemacht. Koch verwies auf die »heiße Phase« der Verhandlungen, die »bis Mai, spätestens Juni« abgeschlossen sein sollen.

Bis dahin kann noch allerhand passieren und am Ende doch noch ein anderer das Rennen machen. Bisher wollte die Metro-Führung Real nur komplett samt Immobilien veräußern. Nach dem neuen »Plan B« könnten letztere nun in einem zweiten Schritt an einen anderen Investor verkauft werden. Gestern vermeldete die Börsen-Zeitung, das hinter Redos stehende Konsortium sei als Interessent abgesprungen. Über die Redos-Gruppe wie die X-Bricks AG wird gemutmaßt, sie hätten es nur auf die Real-Immobilien abgesehen und wollten den Geschäftsbetrieb häppchenweise an die Konkurrenz verhökern. So verlautetet etwa von der Gruppe des Lidl-Gründers Dieter Schwarz, sie wolle 100 Märkte übernehmen und in das Netz der Tochter Kaufland integrieren. Kaufland selbst tritt schon heute als Mieter mehrerer Standorte von Redos sowie X+Bricks auf.

Aber was steckt hinter dem vermeintlichen Sinneswandel von Metro-Chef Koch? Laut Medienberichten will er Real als Gesamtunternehmen vor einer Filetierung bewahren. So solle der Betrieb mit den offerierten 300 Millionen Euro für mindestens drei Jahre gesichert werden. Den zur Schau gestellten Altruismus nimmt man dem Mann indes nicht ab. Im Vorjahr war Real aus dem Flächentarifvertrag mit Verdi ausgestiegen und unterliegt seither den minderwertigen Standards der unternehmernahen Gewerkschaft »Deutscher Handelsgehilfenverein« (DHV). Seither werden Neueingestellte zu einem Fünftel weniger Lohn und schlechteren Arbeitsbedingungen beschäftigt. Aus Protest gegen das »Programm der Lohnarmut« waren Ende November Tausende Mitarbeiter vor die Metro-Zentrale in Düsseldorf gezogen (jW berichtete). Ihr Vorwurf: Die Tarifflucht war Teil eines abgekarteten Spiels, das Unternehmen zum Verkauf aufzuhübschen.

Auch die Neuigkeiten vertreiben Verdi nicht die Sorgen. »An den Gerüchten beteiligen wir uns nicht«, erklärte Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger am Mittwoch in einer Stellungnahme. »Aber unsere Forderungen sind klar: Wir verlangen den Erhalt des Unternehmens als Ganzes, denn eine Zerschlagung bedeutet für die Arbeitsplätze nichts Gutes.« Herr Koch müsse seiner sozialen Verantwortung für Tausende Mitarbeiter und deren Familien gerecht werden. »Alles andere wäre eine große Schweinerei«, bekräftigte die Gewerkschafterin und verwies auf die »enge Abstimmung« mit dem Gesamtbetriebsrat: »Auch Streiks schließe ich nicht aus.«