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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 15 / Antifa
Francos Konzentrationslager

Umerziehung und Auslöschung

Unter der Diktatur General Francos gab es in Spanien doppelt so viele Konzentrationslager wie bisher angenommen. Journalist publiziert neue Erkenntnisse
Von Carmela Negrete
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SS-Chef Heinrich Himmler (3. v. l.) trifft Diktator Francisco Franco (3. v. r.) im Palacio de El Pardo de Madrid (20.10.1940)

In Spanien habe es in der Anfangszeit der Diktatur von Francisco Franco von 1936 bis 1947 schätzungsweise bis zu 190 Konzentrationslager gegeben. In ihnen seien fast eine halbe Million republikanische Kämpfer des Spanischen Bürgerkriegs, Flüchtlinge und Oppositionelle eingesperrt gewesen. Seit Mitte März müssen die Geschichtsbücher zu diesem Thema neu geschrieben werden.

Der spanische Journalist Carlos Hernández de Miguel hat seine Recherche als Buch mit dem Titel »Los campos de concentración de Franco« (Francos Konzentrationslager) veröffentlicht. Demnach zählte der Autor bis zu 296 Konzentrationslager im ganzen Land. Die Frage, ob Historiker ihre Arbeit bisher schlecht gemacht hätten, verneinte Hernández am 1. ­April im Gespräch mit junge Welt. Vor 40 Jahren hat die spanische Diktatur Teile der Geschichte »gelöscht und umgeschrieben«, sagte der frühere Kriegsreporter. Die Repression des Franco-Regimes sei noch längst nicht vollständig untersucht.

Hernández publizierte bereits zwei andere Bücher, die sich mit den historischen Geschehen in Spanien und auch während der NS-Zeit befassen. Bei dem einen handelt es sich um eine Monographie über eine spanische Überlebende des Holocausts im KZ Mauthausen, bei dem anderen um die Geschichte seines Onkels, der nach Frankreich emigrierte und ebenfalls Mauthausen überlebte. Der Autor veröffentlichte dessen Geschichte zunächst in insgesamt 2.700 Nachrichten über den Kurznachrichtendienst Twitter und später in Buchform sowie in einem Comicband.

Archive geöffnet

Mitverantwortlich dafür, dass »die historische Wahrheit damals nicht gesucht« worden sei, ist dem Journalisten zufolge der ehemalige spanische Präsident, Felipe González von der PSOE. Der Autor war von 2004 bis 2008 und von 2011 bis 2012 Kommunikationschef der Partei. Viele Überlebende hätten sich vorher nicht getraut, ihre Geschichte zu erzählen. Vom amtierenden Präsidenten Pedro Sánchez hofft der Buchautor, dass dieser im Falle einer Wiederwahl seine Ankündigungen umsetzt und damit Spanien endlich eine Art Entfaschisierungsprozess durchläuft.

Für seine Recherche konnte Hernández auf zivile und militärische Archive zurückgreifen, die vor kurzem erst zugänglich gemacht worden sind. Die Konzentrationslager von Franco schildert der Autor als blanken »Horror für die Insassen, die oft gefoltert und getötet wurden«. Man müsse »diese Grausamkeit für sich betrachten«, ein Vergleich mit den Vernichtungslagern der Naziherrschaft sei nicht angeraten – wie ihn die extreme Rechte in Spanien praktiziert. Allerdings werde andererseits den Verbindungen zwischen dem Naziregime und dem Putschisten Franco »oft nicht genug Bedeutung beigemessen«, sagte Hernández. Das läge daran, dass die Kriegszeit und der Anfang der Diktatur »so gut es ging aus den Archiven« getilgt worden sei. Grund sei, dass das Land damals eine Verbindung zum postfaschistischen Europa gesucht habe.

Nach der endgültigen Machtübernahme Francos 1939 wurden die meisten Gefangenen ohne Gerichtsverfahren in die Lager gebracht, wo sie im Durchschnitt fünf Jahre inhaftiert waren. Unzählige von ihnen wurden ebenfalls ohne Prozess hingerichtet. Oft handelte es sich um republikanische Kämpfer. Aber auch »Bürgermeister oder Linke« waren unter den Lagerinsassen. Ausschließlich männliche Gefangene landeten in Spaniens Konzentrationslager. Frauen wurden in Gefängnissen des Franco-Regimes eingesperrt und gefoltert.

Verborgene Orte

Zudem seien nur 30 Prozent der Konzentrationslager auch als solches zu erkennen gewesen, »mit Zaun und Kasernen«. Oft wurden andere Gebäude wie Kloster, Stierkampfarenen, Sportanlagen oder Fabriken als Lager genutzt. Die fehlende Aufarbeitung macht es oft unmöglich, die dunkle Vergangenheit vieler solcher Anlagen nachzuverfolgen. Oft verrät nicht einmal eine Hinweistafel, was an diesen Orten geschah.

Das deutsche »Vorbild« ist dem Journalisten zufolge entscheidend gewesen für die Entstehung der spanischen KZ. In ihnen sollen schätzungsweise zwischen 700.000 und eine Million Spanier gelitten haben. Sie wurden als Arbeitssklaven und beim Wiederaufbau des Landes eingesetzt. Viele der spanischen Konzentrationslager sind in Andalusien errichtet worden. Das offiziell letzte Lager wurde 1947 in Miranda del Ebro, Kastillien-León, geschlossen. Doch bis in die 1960er Jahre existierten sie weiter. Das letzte soll auf der kanarischen Insel Fuerteventura gewesen sein, wo Homosexuelle »umerzogen« wurden. Der zweite Teil seines Buches enthält viele Interviews mit Überlebenden, um deren Erfahrungen festzuhalten. Im Lager mussten sie die Franco-Hymne »Gesicht zur Sonne« singen oder Gottesdienste besuchen. »Die KZ hatten darüber hinaus das Ziel, den Häftlingen eine national-katholische Moral zu vermitteln«, erklärte der Journalist.

https://kurzlink.de/Francos_KZ

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