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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 12 / Geschichte
Mexiko

Ikone der Revolution

Vor hundert Jahren wurde Emiliano Zapata ermordet. In Mexiko ist der Bauernführer eine legendäre Gestalt – um sein Erbe wird bis heute gestritten
Von Héctor Jiménez Guzmán
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Jede Mexikanerin und jeder Mexikaner kennt Emiliano Zapata (1879–1919), den Anführer der Kleinbauern während der Mexikanischen Revolution (Ort und Datum der Aufnahme unbekannt)

Am 10. April 1919 wurde Emiliano Zapata, »El Caudillo del Sur« (Der Anführer des Südens), ermordet. Er war der Anführer der wichtigsten mexikanischen Bauernaufstände im 20. Jahrhundert. Fast zehn Jahre lang hatte er für die Anerkennung der Autonomie der ursprünglichen Bauerngemeinschaften und für das Recht auf kollektives Eigentum gekämpft. Er starb durch die Kugeln des Staates, der ihn nach seinem Tod zum Helden machen sollte. Heute wird er sowohl von diesem als auch von der Linken verehrt. Aber wer war Zapata? Wofür kämpfte er? Und wie veränderte sich seine Bedeutung im Laufe eines Jahrhunderts?

Diktatur und Aufstand

Im August 1821 wurde die Unabhängigkeit Mexikos von Spanien im Vertrag von Córdoba anerkannt. In den sechs Jahrzehnten danach durchlief das Land Zeiten der Instabilität und Zerrüttung. Zahllose Hindernisse mussten überwunden werden, bis es gelang, einen souveränen Staat aufzubauen. In dieser Zeit des Hin und Her hatte Mexiko zahlreiche Regierungen, die sich immer wieder mit bewaffneten Aufständen konfrontiert sahen. Das Land wechselte von der liberalen zur autokratischen Republik, dazwischen gab es zwei gescheiterte Monarchien: die von Agustín de Iturbide, einem plebejischen Militärangehörigen, der Napoleon imitieren wollte, und die von Maximilian I., einem jungen Mitglied des Hauses Habsburg-Lothringen. Angesichts der geringen Aussichten, jemals den Thron Österreich-Ungarns zu besteigen, entschied er sich für das Abenteuer, Kaiser Mexikos zu werden. Er scheiterte.

1876 folgte Porfirio Díaz der Tradition der Machtübernahme durch Waffengewalt, indem er eine militärische Rebellion anführte, durch die er wenig später zum Präsidenten wurde. Sein Prestige als siegreicher Held beruhte auf dem Krieg gegen Maximilian I. und die französischen Invasoren (1862–1867). Einmal an der Macht begann der junge General das an Umstürze gewöhnte Land zu befrieden. Das Díaz-Regime sorgte für wirtschaftliche Entwicklung. Durch die politische Instabilität hatte Mexiko seine Infrastruktur nur unzureichend ausbauen können. Gestützt auf oligarchisches nationales und ausländisches Kapital modernisierte die Regierung die Erdölindustrie und den Bergbau, ließ Schienen und Straßen bauen und sorgte für Elektrizität und Telekommunikation.

Díaz regierte von 1876 bis 1880. Dann gab er für vier Jahre die Macht an einen Untergebenen, Manuel González, ab, blieb jedoch der starke Mann im Hintergrund. 1884 kehrte er an die Macht zurück und wurde in den folgenden 26 Jahren sechs weitere Male im Amt bestätigt. Unter seiner Regierung konsolidierte sich der mexikanische Kapitalismus. Aus der liberalen Republik, die Díaz empor gebracht hatte, wurde eine Diktatur. Es entstand eine kleine Aristokratie, die den Unterschied zwischen öffentlicher Macht und Privatinteressen auslöschte. Der Diktator scharte eine Handvoll loyaler Anhänger um sich, bedachte sie mit Ämtern und öffnete ihnen so die Tür zum Reichtum. Nach außen hin verkörperte Díaz das Bild eines modernen und stabilen Mexikos. Aber jenseits seines unmittelbaren Umfelds wuchs der Unmut.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert war es mit der Ruhe vorbei. In verschiedenen Regionen des Landes rebellierten Bauern und Arbeiter. Dies stärkte die politische Opposition, die freie Wahlen forderte, woraufhin die Regierung die Repression verschärfte. Die Opposition teilte sich in zwei Richtungen: Auf der einen Seite ein radikaler Flügel, der eine soziale Revolution befürwortete. In diesem sammelten sich die verschiedensten linken Gruppierungen. Am einflussreichsten war der Partido Liberal Mexicano (PLM, Mexikanische Liberale Partei), eine Gruppe von Intellektuellen und Aktivisten mit offen anarchistischen Tendenzen. Die PLM formulierte mit der Forderung nach Land, Arbeit in Würde und Freiheit eine soziale Agenda, die bald andere revolutionäre Bewegungen aufnahmen. Auf der anderen Seite gab es eine reformistische Strömung, angeführt von Mitgliedern der Oligarchie, die sich auf die Seite der Opposition gestellt hatten. Sie forderten das Ende der Diktatur und eine liberale Demokratie, die kapitalistisches Wachstum fördern sollte. Francisco I. Madero, ein reicher Haciendabesitzer aus dem exklusiven Kreis der Aristokratie im mexikanischen Norden, wurde zu einem der schärfsten Gegner des Díaz-Regimes. »Die Wiederwahl von Porfirio Díaz verhindern!« – mit dieser Forderung trat Madero 1910 bei den Präsidentschaftswahlen an. Doch der Diktator gewann die von Betrugsvorwürfen überschattete Abstimmung. Madero rief daraufhin dazu auf, die Demokratie mit Waffengewalt zu verteidigen und den Diktator zu stürzen. Nach einigen Monaten triumphierte die Revolution. Díaz trat zurück und ging ins französische Exil, wo er 1915 verstarb. Madero trat erneut bei den Wahlen an, wurde 1911 Präsident und beanspruchte seitdem die Führungsrolle bei der Veränderung des politischen Systems.

Am 20. November 1910 hatte Madero zur Revolution aufgerufen. Doch der erste Widerhall blieb schwach. Kleine bewaffnete Erhebungen, Scharmützel mit loyalen Regierungstruppen, eine Handvoll Märtyrer, an die sich heute nur wenige erinnern. In den folgenden Wochen verbreitete sich die Nachricht von der Rebellion, die ersten revolutionären Heere entstanden. Ihre Ursprünge waren vielfältig. Wie alle Revolutionen verlief die mexikanische nicht nur in eine Richtung. Sie ähnelte vielmehr einem Vulkan, der die heiße Lava in alle Richtungen ausspuckt. Es war ein Prozess mit verschiedenen Ursachen, Ausdruck voneinander entfernt liegender Realitäten, einzig geeint durch den Wunsch nach Veränderung. Die wichtigste Reaktion auf Maderos Aufruf zum Widerstand kam aus einem ganz unerwarteten Ort: Einige Bauerngemeinden im Bundesstaat Morelos griffen im März 1911 zu den Waffen.

Der Krieg der Bauern

Morelos ist einer der kleinsten Bundesstaaten Mexikos. Betrachtet man seine Fläche, nimmt die Region Platz 23 unter den 32 Bundesstaaten ein: knapp 5.000 Quadratkilometer, etwa die doppelte Größe Luxemburgs. Der Name der Region geht auf José María Morelos zurück, ein rebellischer Priester, der zwischen 1811 und 1815 den Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Kolonialherrschaft angeführt hatte. Der Bundesstaat befindet sich im Süden von Mexiko-Stadt, im Zentrum des Landes. Sein natürliches Erscheinungsbild ist abwechslungsreich: von den kalten hohen Bergen, wo Zypressen, Steineichen und Eschen eng an eng stehen, bis zu den tiefen, halbtropischen Gebieten mit üppiger Vegetation. In der Region entstand auf Grund des günstigen Klimas eines der bedeutendsten Zuckeranbaugebiete des Landes.

Der Bundesstaat war einst die Wiege der Nahua-Bevölkerung, der ethnischen Gruppe, die das alte aztekische Reich besiedelt hatte. Eines ihrer wichtigen Identitätsmerkmale war die Nahuatl-Sprache (auch bekannt als Aztekisch). Trotz der spanischen Herrschaft sprachen die Einwohner weiter die Muttersprache, sie erhielten alte Traditionen und Organisationsformen aufrecht, integrierten aber kulturelle Einflüsse. Der »Ethnographische Atlas der Nahua-Bevölkerung von Morelos« nennt 46 Gemeinschaften mit diesen Merkmalen in der Region. In einer dieser Gemeinden, in Anenecuilco, kam Emiliano Zapata Salazar am 8. August 1879 zur Welt. 1911 verwandelte sich unter der Führung dieses jungen Mestizen eine bewaffnete Gruppe von Bauern in ein wirkliches Heer. Wie ein Schneeball löste der kleine Trupp eine Lawine aus und leitete das Ende der Díaz-Diktatur ein. Die Bauern aus Morelos hatten ihre Motive, sich der Rebellion anzuschließen.

Obwohl das porfirianische Modernisierungsprojekt nach einer Urbanisierung des Landes gestrebt hatte, war Mexiko auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiter ländlich geprägt. Die Exportorientierung der landwirtschaftlichen Produktion förderte den Großgrundbesitz. In einigen Regionen, darunter Morelos, zwang der Aufschwung der Zuckerproduktion die ländlichen Gemeinden dazu, ihr Land an Agrarkonsortien zu verpachten und sich damit deren Interessen zu unterwerfen. Hinzu kam, dass die Konflikte um die Aufteilung des Bodens weit zurückreichten. Seit Ende des 16. Jahrhunderts hatte der spanische König einigen indigenen Gemeinden kollektive Besitztitel gewährt, was ihnen eine gewisse Autonomie gegenüber den großen Landgütern, den Haciendas, verlieh. Nach der Unabhängigkeit Mexikos begannen die Kleinbauern Haciendaland zu besetzen, das die Gemeinden einst für die gemeinschaftliche Produktion genutzt hatten. Sie forderten die Wiederherstellung des alten Produktionssystems und beriefen sich dabei auf die alten, von der spanischen Krone ausgestellten Besitztitel. Die liberalen Regierungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Verfechter des Privatbesitzes. Deshalb beschränkten sie die Rechte der Gemeinden, autonom und gemeinsam über ihre natürlichen Ressourcen zu entscheiden. Die Gemeinden in Morelos schlossen sich nicht zuletzt vor diesem Hintergrund der Rebellion Maderos an. Sie hofften eine Lösung der alten Landkonflikte zu erreichen.

Sobald Madero Präsident war, wurde die Guerilla aus Morelos als Teil des revolutionären Heeres und Emiliano Zapata als Revolutionsführer des Staates Morelos anerkannt. Aber angesichts der Weigerung Maderos, eine schnelle Aufteilung des Bodens anzuordnen, zerbrach das Bündnis mit der neuen Regierung. Erneut entschieden sich Zapata und die Guerillaführung, zu den Waffen zu greifen, diesmal gegen Madero. In einem Manifest, dem »Plan de Ayala« vom November 1911, verweigerten sie der neuen Regierung die Anerkennung. Außerdem forderten sie die Wiederherstellung des kollektiven Landbesitzes der Gemeinden und die Enteignung der Haciendas sowie aller anderen Akteure, die sich Gemeindeflächen angeeignet hatten.

Während Maderos Truppen gegen die Bauernrevolte in Morelos vorgingen, fiel der Präsident einem Komplott zum Opfer, das das Regime von Porfirio Díaz wiederherstellten sollte. Beteiligt daran waren wichtige Generäle, einige Oligarchen sowie der US-amerikanische Botschafter. Im Februar 1913 wurde Madero festgenommen und ermordet. Victoriano Huerta, ein Militär, der mit blutiger Repression gegen die Nahua-Gemeinden von Morelos vorgegangen war, übernahm die Macht und installierte eine neue Diktatur. Daraufhin begann Zapata im Oktober 1913 den Kampf gegen die Diktatur Huertas. Im Dezember 1914 zog er triumphierend in Mexiko-Stadt ein. Neuer Präsident Mexikos wurde der Gouverneur von Coahuila, Venustiano Carranza. Gelöst waren die Probleme damit aber nicht.

Nach wie vor war die Opposition gespalten zwischen den Anhängern eines demokratischen und liberalen politischen Systems und denjenigen, die neben dem politischen Wandel auch soziale Veränderungen forderten: eine Aufteilung des Landes und das Ende der ­Ungerechtigkeit gegenüber den Kleinbauern. Die Heere von Emiliano Zapata und Francisco Villa waren die berühmtesten der Bewegung, es existierten jedoch noch zahlreiche weitere Fraktionen. 1915 gab es einen neuen Krieg, und zwar an zwei Fronten: gegen Villa und gegen Zapata. Er zog sich über mehrere Jahre hin. 1916 wurde Villa, immer weiter nach Norden getrieben, von der Armee Álvaro Obregóns (1920–1924 Präsident Mexikos) besiegt.

Zapata zog sich nach Morelos zurück, wo er die Kontrolle ausübte und versuchte, das zapatistische soziale Experiment umzusetzen: die Autonomie der Gemeinschaften sowie die Enteignung der Großgrundbesitzer und die Neuverteilung des Landes. Eine Gruppe von Intellektuellen, die von sozialistischen Ideen beeinflusst waren, nahm an diesem revolutionären Prozess teil. Er währte jedoch nur kurze Zeit, denn der Krieg war nicht vorbei. Als die Heere Zapatas immer schwächer wurden, kam es zu internen Zerwürfnissen. Letztlich führten Plünderungen, Willkür und Korruption einiger Anführer zu Zapatas Niederlage. Am 10. April 1919 geriet er in einen von Carranza organisierten Hinterhalt und wurde getötet.

Das Erbe des Caudillo

Schon bald machten diejenigen, die Zapata verfolgt und ermordet hatten, den Helden der Kleinbauern zu einer mythischen Figur. Seine ehemaligen Feinde nahmen sich seines Vermächtnisses an. Die Ideen über den Gemeinschaftsbesitz inspirierten Artikel 27 der neuen Verfassung von 1917. Álvaro Obregón, der Zapata bekämpft hatte, übernahm die Postulate von Land und Freiheit als seine eigenen. »El Caudillo del Sur« war allgegenwärtig in der Erinnerungspolitik des Partido Revolucionario Institucional (PRI), der Mexiko über weite Strecken des 20. Jahrhunderts regierte. Öffentliche Gebäude, Straßen, Gemeinden und Stadtviertel wurden nach ihm benannt. Im ganzen Land wurden Reiterstandbilder errichtet, die die stattliche Figur Zapatas zeigten, immer nach vorne blickend, mit einer Hand an den Zügeln des Pferdes, in der anderen das Gewehr.

Im Mexiko der sogenannten Institutionalisierten Revolution war die Verherrlichung des kleinbäuerlichen Caudillos ein fester Bestandteil des politischen Kalenders: Der Präsident, faktischer Bevollmächtigter der Mexikanischen Revolution, sang ein Loblied auf den Helden. Er tat dies in Anwesenheit der Anführer von Kleinbauernorganisationen, die dem PRI angeschlossen waren. Seit der Präsidentschaft Lázaro Cárdenas (1934–1940) gab es eine große Anzahl von Organisationen, die in die einst starke Nationale Kleinbauernkonföderation eingebunden waren und damit den sogenannten Kleinbauernsektor des PRI bildeten. Dieser war neben dem Arbeitersektor und dem sogenannten Populären Sektor eine von drei Bastionen, die über Jahrzehnte die Massenbasis der Partei der Institutionalisierten Revolution bildeten.

Zusammen mit anderen Anführern aus der Revolutionszeit wie Madero, Carranza, Villa und Obregón, die sich teilweise gegenseitig bekämpft hatten, wurde Zapata ein Platz im zivilen Olymp des Mexikos der Institutionalisierten Revolution zugewiesen. Jede Mexikanerin und jeder Mexikaner kennt den Mann, der auf Bildern stets mit breitem Sombrero und markantem Schnurrbart dargestellt wird. Jedes Jahr am 20. November, dem Jahrestag des Beginns der Revolution von 1910, wird dem Erbe des gescheiterten Bauernführers gehuldigt.

Welche formelle Anerkennung Zapata auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch erfuhr, zeigt der Umstand an, dass die beiden PRI-Präsidenten Carlos Salinas de Gortari (1988–1994) und Ernesto Zedillo (1994–2000) je einem ihrer Söhne den Vornamen Emiliano gaben. Doch diese beiden Präsidenten waren es auch, die in den 1990er Jahren den Neoliberalismus festigten. John Womack, ein angesehener Lateinamerikanist und vielleicht der beste Biograph Zapatas, betreute Mitte der 1970er Jahre die Doktorarbeit von Salinas an der Universität Harvard. Seine öffentliche Verehrung Zapatas hinderte Salinas nicht daran, während seiner Regierungszeit den Artikel 27 der Verfassung zu »reformieren«. In der Praxis bedeutete dies die Beerdigung der Hauptforderung des zapatistischen Kampfes während der Revolution. Mit der Verfassungsreform vom Januar 1992 starb Zapata ein zweites Mal. Mehr als 100 Millionen Hektar Land in Gemeinschaftsbesitz, aufgeteilt in über 29.000 Parzellen, wurden in Privatbesitz überführt. Die Erben der alten Nutzer des Gemeinschaftbesitzes erhielten erstmals einen individuellen Besitztitel. Dies führte langfristig zum Verfall der landwirtschaftlichen Produktion und nährte die Bodenspekulation. Trotzdem rühmte Salinas in seinen Reden weiterhin die Beispielhaftigkeit des mutigen Handelns von Zapata und die Aktualität des zapatistischen sozialen Kampfes, auch wenn völlig offensichtlich war, dass die Ideale des landwirtschaftlichen Kollektivismus und der Gemeindeautonomie mit dem Projekt der neoliberalen Modernisierung unvereinbar waren.

La lucha sigue

Meine Generation wuchs mit der Idee einer mumifizierten Revolution auf. Zapatas Bild bewohnte unsere Geschichtsbücher, unsere Gedenkstätten und unsere Grabstätten. Er war einer jener berühmten Männer, denen wir als Enkelkinder der Revolution die patriotische Ehre zu erweisen hatten. Insofern gehörte Zapata zu dieser Welt der toten und gescheiterten Helden. Das änderte sich jedoch für einige von uns ab dem 1. Januar 1994, als eine indianische Rebellion den langsamen, aber unvermeidlichen Fall des Regimes der Institutionalisierten Revolution ankündigte. Der Aufstand des Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN, Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) zeigte, dass Zapata mehr sein könnte als Propaganda: eine zukunftsorientierte politische Alternative. »Zapata vive, la lucha sigue!« (»Zapata lebt, der Kampf geht weiter!«), lautete der Schlachtruf der Zapatisten.

Mexikos gegenwärtiger Präsident, Andrés Manuel López Obrador, der mit Hilfe einer breiten Mitte-links-Koalition an die Macht kam, bezieht sich ebenfalls auf Zapata, um sich von seinen Vorgängern abzugrenzen, den neoliberalen Regierungen, die er für die Armut und Ungleichheit im modernen Mexiko verantwortlich macht. Das ist neu, denn seit 25 Jahren, seit der indigenen Rebellion der EZLN, ist der staatliche Bezug auf den einst so verehrten Helden diskret geworden. Die Annäherung López Obradors an die Figur Zapatas ließe sich denn auch so interpretieren, dass der Präsident eine Brücke zur EZLN bauen will, die zur Zeit zu seinen Hauptkritikern zählt.

Im Januar unterschrieb López Obrador in Anenecuilco, dem Geburtsort des Caudillos, ein Dekret, mit dem 2019 zum Jahr des »Caudillo del Sur« erklärt wird, um des 100. Todestages Zapatas zu gedenken. Diese Erinnerung ist Teil einer Serie von staatlichen Zeremonien, Foren und kulturellen Veranstaltungen zur Wiederbelebung des historischen Erbes. Alle offiziellen Dokumente der mexikanischen Regierung tragen dieses Jahr die Aufschrift »2019, Jahr des Caudillo del Sur, Emiliano Zapata«.

Während der Zeremonie in Anenecuilco sagte der Präsident, eine der zentralen Lehren Zapatas sei sein Kampf gegen den Amtsmissbrauch. Um diesem Geiste zu folgen, werde sich seine Regierung nie vom Volk trennen. Einige Wochen nach dieser Rede überschütteten die Nahua-Gemeinden aus Morelos den Präsidenten mit Beschwerden: Ein Umweltaktivist und Gegner eines Kraftwerkbaus aus der Gemeinde Huexca war ermordet worden, erschossen von einem Auftragsmörder. Vor seiner Wahl hatte sich López Obrador noch für eine Einstellung des auch von lokalen Kleinbauern kritisierten Baus ausgesprochen. Später bezeichnete er die Kritiker des Bauvorhabens als »radikale Linke«. Das Wärmekraftwerk und eine dazugehörige Gaspipeline werden von der staatlichen Energiegesellschaft Comisíon Federal de Electricidad errichtet. Bis jetzt deuten die Ermittlungen darauf hin, dass kriminelle Banden, die an der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen der Region interessiert sind, hinter dem Mord stecken. Das Verbrechen zeigt, dass der Bezug der Regierung auf Zapata solange demagogisch bleibt, wie derartige Vorfälle anhalten.

Héctor Jiménez Guzmán ist Soziologe und Historiker. Er lebt in Bern und Toluca (Mexiko). Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 17./18. November 2018 über das Organisierte Verbrechen in Mexiko (Land der Toten).

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