Gegründet 1947 Mittwoch, 26. Juni 2019, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 8 / Abgeschrieben

Militaristisches Spektakel

Mit einem offenen Brief wandte sich die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche am Dienstag an die Landeshauptstadt. Darin heißt es:

Für den 14. April plant die Stadt Potsdam eine Veranstaltung zum Jahrestag der Bombardierung Potsdams durch die britische Luftwaffe. Um 22.16 Uhr sollen »in Erinnerung an den Abwurf der ersten Markierungsbomben die Glocken Potsdamer Kirchen läuten«. Die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche fordert die Stadt Potsdam auf, das Läuten des Glockenspiels auf der Plantage nicht nur während der Veranstaltung, sondern am 14. und 15. April komplett zu unterbinden.

Wer der Opfer des Bombardements in Potsdam gedenken will, muss die deutsche Kriegsschuld hervorheben, die dazu geführt hat. Potsdam wurde bombardiert, weil »dort das deutsche Oberkommando sich niedergelassen hatte und von Potsdam aus die Gesamtverteidigung Zentraldeutschlands leitete« (Mitteilung der Royal Air Force vom 15.4.1945). Heute wird in Potsdam gerade im Kontext der Garnisonkirche hingegen oft eine vermeintliche Opferrolle betont. Schon der erste Satz im »Ruf aus Potsdam« stilisiert die Militärkirche zum hilflosen Opfer eines sinnlosen Bombenangriffs, ohne die jahrhundertelange Hetze und Kriegsverherrlichung an diesem Ort als Nährboden für deutsche Angriffskriege anzuerkennen. Das Glockenspiel steht in mehrfacher Hinsicht im Widerspruch zu einem angemessenen Gedenken. Zum gleichen Jahrestag wurde es der Stadt Potsdam 1991 von dem rechtsradikalen Ex-Bundeswehr-Offizier Max Klaar übergeben. Eingraviert sind Namen der Kaiserfamilie und altpreußischer Gardetruppen. Von sieben Glocken mussten Widmungen für die ehemaligen »deutschen Ostgebiete« entfernt werden. Eine Inschrift für den rechtsnationalen Soldatenbund »Kyffhäuser« durfte sogar bleiben. Seitdem wird im 30-Minuten-Takt die preußische »Tugend« des blinden Gehorsams bis zum letzten Tropfen Blut gepriesen: »Üb’ immer Treu’ und Redlichkeit bis an dein kühles Grab« erschien einst Propagandaminister Joseph Goebbels nicht umsonst als geeignetes Pausenzeichen für den Großdeutschen Rundfunk, der bis zum Kriegsende in die Schützengräben übertragen wurde. Wir wenden uns gegen die Verharmlosung des preußischen Militarismus, gegen den Geschichtsrevisionismus dieser Selbstmitleidskultur und gegen eine »Versöhnung« mit den Tätern. Wir lehnen ein »Gedenken« ab, das nicht einmal zwischen Kriegsteilnehmern und Zwangsarbeitern unter den Opfern des Bombardements unterscheidet. Wir fordern eine schonungslos selbstreflektierte städtische Gedenkkultur fernab von der privatisierten Geschichtsklitterung, wie sie die Stiftung Garnisonkirche betreibt. (…)

Michel Brandt, für die Fraktion Die Linke Obmann im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe des Bundestags, erklärte am Dienstag mit Blick auf die Kämpfe um die libysche Hauptstadt Tripolis:

Acht Jahre nachdem die NATO Libyen ins Chaos gebombt hat, eskalieren die gewaltsamen Milizenkonflikte erneut. Leidtragende sind die Zivilbevölkerung und die über 670.000 Flüchtlinge, die sich in dem Land aufhalten. (…) Es gibt in Libyen kein Asylsystem, und die Genfer Flüchtlingskonvention wurde nicht ratifiziert. Das Land steht vor einer humanitären Katastrophe. Die Bundesregierung kann sich von einer Mitschuld an schwersten Menschenrechtsverletzungen in Libyen nicht freisprechen. (…)

Ähnliche:

  • Im Dienst von Obrigkeit und Militär – die Garnisonkirche mit dem...
    02.09.2016

    Preußens Gloria

    Zur Debatte über die Wiedererrichtung der Potsdamer Garnisonkirche
  • 02.07.2001

    Es darf nicht so bleiben

    Was beim Stichwort Preußen gern vergessen wird: Es gab auch Demokraten. Karl Gass hat ein Buch über Max Dortu geschrieben