Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Donnerstag, 23. Mai 2019, Nr. 118
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.04.2019, Seite 6 / Ausland
Sudan

Historischer Tag im Sudan

Präsident Al-Baschir abgesetzt und inhaftiert, Militär übernimmt die Macht. Gewerkschaft ruft zur Fortsetzung der Proteste auf
Von Gerrit Hoekman
RTS2HARR.jpg
Jubel für das Militär am Donnerstag in Khartum. Doch die Opposition will keine Herrschaft der Generäle

Es begann am Donnerstag morgen mit einer merkwürdigen Meldung aus dem Sudan: Überraschend und sehr kurzfristig war eine Demonstration von Anhängern des Präsidenten Omar Al-Baschir abgesagt worden. Sie hatten sich gegen die anhaltenden Proteste der Opposition stellen sollen. In normalen Zeiten würde eine solche Nebensächlichkeit im Papierkorb landen, aber angesichts der andauernden Krise im Sudan ließ die Nachricht aufhorchen.

Die Absage der Kundgebung für den Präsidenten war das erste, kleine Anzeichen, dass in dem afrikanischen Land etwas im Gange sein könnte. Der Verdacht wurde konkreter, als die nationalen Fernsehsender und Radiostationen gegen acht Uhr ihr Programm unterbrachen und die Bürgerinnen und Bürger auf eine »wichtige Erklärung der Armee« vorbereiteten. Fortan spielten die Sender in Endlosschleife patriotische Blasmusik. Wenig später berichtete das Onlineportal Sudan Tribune von Militärfahrzeugen, die in großer Zahl in Khartum und Umgebung unterwegs seien.

Im Laufe des Vormittags besetzten Soldaten das staatliche Fernsehen, die Radiostationen und die Zentralen der regierenden »Nationalen Kongresspartei« und ihrer Verbündeten, der »Islamischen Bewegung«. Sudan Tribune meldete, dass rund 150 Mitglieder beider Parteien verhaftet worden seien. Auch vor dem Präsidentenpalast zog Militär auf. Der internationale Flughafen von Khartum stellte den Betrieb ein. Gleichzeitig kursierten auf Twitter Berichte, dass politische Gefangene freigelassen worden seien, was wohl auch tatsächlich so war.

Obwohl das Statement der Armee Stunde um Stunde auf sich warten ließ, gingen die Menschen in der Hauptstadt Khartum zu Zehntausenden auf die Straße und feierten, wie Liveschaltungen des Fernsehsenders Al-Dschasira zeigten. Allen war klar: Das Ende der Ära Al-Baschir ist gekommen. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung, in Jeeps vorbeifahrende Soldaten wurden von den Passanten gefeiert, Fahnen schwingende Demonstranten stiegen auf Panzer.

Am frühen Nachmittag verlas Verteidigungsminister Ahmed ibn Auf im Staatsfernsehen die mit großer Spannung erwartete Erklärung. »Als Verteidigungsminister teile ich den Sturz des Regimes mit und die Inhaftierung seines Chefs an einem sicheren Platz.« Er selbst werde übergangsweise für zwei Jahre die Amtsgeschäfte leiten.

Den Menschen im Sudan stehen nun die nach Staatsstreichen üblichen Maßnahmen bevor: Ausnahmezustand für drei Monate und eine Ausgangssperre von 22 Uhr bis vier Uhr morgens für mindestens einen Monat. Das bedeutet, dass der Sitzstreik vor dem Hauptquartier der Armee in Khartum ab sofort verboten ist. Dort trafen sich seit dem Wochenende täglich in den Abendstunden Tausende Demonstranten und blieben über Nacht.

Den alten Präsidenten gegen General ibn Auf auszutauschen, ist für die Opposition eine Luftnummer. Bislang galt er als treuer Parteigänger von Omar Al-Baschir und sollte ohnehin sein Nachfolger werden. Der Gewerkschaftsbund SPA, der seit dem Beginn im Dezember an der Spitze der Proteste stand, rief auf Twitter dazu auf, das Sit-in fortzusetzen, bis eine zivile Regierung im Amt sei. »Wir stehen an einer Kreuzung: Entweder der komplette Sieg oder der verzweifelte Versuch, das alte Regime wiederherzustellen.«

Die sudanesische Journalistin Yousra Elbagir befürchtete bereits am frühen Morgen auf Twitter, es könnte sich womöglich nur um einen Machtkampf innerhalb des stark am Islam orientierten Regimes handeln. Dafür spreche, dass sich angeblich sowohl Geheimdienstchef Salah Gosh als auch der Kommandant der Schnellen Sicherheitskräfte, Mohammed Hemidti, gegen Al-Baschir gestellt hätten. Gosh hatte bis jetzt eine harte Linie gegenüber den Demonstranten vertreten, seine Knüppelgarde hat wohl die meisten Toten und Verletzten der vergangenen Tage auf dem Gewissen.

Wie es jetzt im Sudan weitergeht, bestimmen natürlich auch die Anhänger des aus dem Amt vertriebenen Präsidenten. Es gibt sie, und ihre Zahl ist nicht gering. Werden sie es einfach hinnehmen, dass ihr Mentor vom Hof gejagt wird? Noch ist der friedliche Übergang im Sudan nicht geschafft. »Wir wollen eine Armee, die uns beschützt und nicht über uns herrscht«, sagte bei Al-Dschasira der Filmemacher Hajooj Kuka. »Wir wollen eine vier Jahre dauernde Übergangsphase, in der Technokraten das Land auf die Demokratie vorbereiten.«

Ähnliche:

  • 30.01.2019

    Krieg der Dollar

    Die USA kontrollierten mit ihrem Weltgeld lange Zeit uneingeschränkt die Geschicke des Planeten. Ihre Herrschaft erodiert, doch kampflos wollen sie das Feld nicht räumen – und rüsten auf
  • Größenwahn als Schlüsselqualifikation? Bundeswehr auf der Inform...
    19.09.2018

    Schulung für Propagandisten

    Wie die Bundeswehr Abgeordnete, Journalisten, Beamte und Funktionäre aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Vereinen auf Kriegskurs einstimmt

Regio: