Gegründet 1947 Donnerstag, 18. April 2019, Nr. 92
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.04.2019, Seite 6 / Ausland
Arbeitskampf in Polen

Schulen bleiben zu

Polens Lehrer im Ausstand für höhere Gehälter und Verbesserungen im Bildungswesen. »Solidarnosc« macht den Streikbrecher
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
Lehrerstreik_in_Pole_60911512.jpg
Geschlossen wegen Streiks: Grundschule in Katowice am Montag

Am Montag morgen hat in Polen ein seit langem diskutierter Streik der Lehrer begonnen. Zur Teilnahme aufgerufen sind etwa 200.000 Mitglieder der Gewerkschaften ZNP und FZZ. Die Beteiligung am Ausstand war am ersten Streiktag offenbar rege. Die Stadtverwaltung Warschau gab bekannt, dass gut 8.000 der insgesamt 10.000 Lehrer in der Stadt die Arbeit niedergelegt hätten. Aus Gdansk wurde berichtet, dass zwei Drittel der Schulen lahmgelegt seien. In der südostpolnischen Stadt Rzeszow, einer Hochburg der Regierungspartei PiS, erschienen an einer Schule nur zwei von 53 Pädagogen zum Dienst. Teilweise haben sich auch Erzieherinnen und Erzieher sowie Hausmeister dem Ausstand angeschlossen, zudem haben sich viele Lehrer offenbar gezielt krankgemeldet. Allgemein hieß es, die Zahl der Streikenden könne noch wachsen. Denn – und das ist einer der Streikgründe – durch eine Organisationsreform der Regierungspartei PiS muss in vielen Schulen in zwei Schichten unterrichtet werden.

Hauptsächlich geht es jedoch um Gehaltsforderungen. Polens Lehrer sind nicht nur im Vergleich zu den meisten anderen EU-Staaten schlecht bezahlt, sondern auch zur sogenannten freien Wirtschaft im eigenen Land. Berufsanfänger bekommen etwa 1.800 Zloty (420 Euro) auf die Hand, ein Lehrer mit 15jähriger Berufserfahrung kommt nicht über 5.000 Zloty (1.250 Euro) brutto hinaus. Schuldirektoren klagen deshalb über Nachwuchsmangel, vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern. »Meine Konkurrenten sind Banken und Versicherungen«, zitierte das Portal oko.press die Leiterin eines Warschauer Gymnasiums zu ihren Schwierigkeiten, Mathematiklehrer zu finden. Entsprechend liegt das Durchschnittsalter der polnischen Lehrer inzwischen bei über 50 Jahren; nur noch sieben Prozent sind unter 30.

ZNP und FZZ fordern rückwirkend zum 1. Januar 15 Prozent mehr Gehalt und eine weitere Lohnerhöhung um 15 Prozent zum neuen Schuljahr im September. Die Verhandlungsführerin der Regierung, die frühere Ministerpräsidentin Beata Szydlo, hatte Lohnerhöhungen von 4,6 Prozent zum September angeboten, die sie mit einer bereits gezahlten Erhöhung Anfang des Jahres zu einem Gesamtvolumen von 9,6 Prozent schönrechnete. Als offenen Hohn nahmen viele Streikende ein weiteres »Angebot« Szydlos wahr: Man könne das Stundendeputat von jetzt 18 auf 24 Wochenstunden erhöhen, dann könnten die Lehrer auch mehr verdienen. Abgesehen davon, dass die tatsächliche Arbeitszeit polnischer Lehrer mit allen Korrekturen und Nebenaufgaben bei 47 Stunden pro Woche liegt und dann in Richtung 60 steigen würde, wären in diesem Fall angesichts stagnierender Schülerzahlen Entlassungen an den Schulen absehbar.

Ein unrühmliches Beispiel fehlender Solidarität lieferte die PiS-nahe Gewerkschaft »Solidarnosc«. Sie unterzeichnete das von Szydlo unterbreitete Angebot und forderte ihre Mitglieder zum Streikbruch auf. Allerdings vertritt sie an den Schulen nur eine Minderheit der Beschäftigten. Zudem zeigten sich an der Basis viele der »Solidarnosc« angehörenden Lehrer mit ihren Kolleginnen und Kollegen solidarisch.

Für Probleme sorgt der Ausstand bei berufstätigen Eltern. An manchen Schulen haben die Streikenden freiwillige Kinderbetreuung organisiert, einige Lehrerinnen brachten ihre eigenen Kinder mit ins Streiklokal. Auf der anderen Seite finden Eltern auch kreative Lösungen. So berichtete die Gazeta Wyborcza, dass sich in Warschauer Wohnsiedlungen Eltern zusammengetan hätten, um abwechselnd die Kinder mehrerer Familien zu beaufsichtigen.

Der Streik ist unbefristet. Als erster kritischer Tag gilt der morgige Mittwoch. Da sollen die landesweiten Abschlussprüfungen der Grundschule stattfinden. Eine Woche später sind Abschlussprüfungen der Mittelstufenschulen angesetzt, Anfang Mai das Abitur. Wenn die Lehrer so lange durchhalten, geraten einige Planungen durcheinander.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

Regio: