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Aus: Ausgabe vom 09.04.2019, Seite 1 / Titel
Krieg in Libyen

Warlord rückt vor

Bomben auf Tripolis. Private »Libysche Nationalarmee« greift Hauptstadt an
Von Knut Mellenthin
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Vor den Toren der Hauptstadt: Standbild aus einem selbst veröffentlichten Video von Khalifa Haftars Milizionären (3.4.)

Im achten Jahr nach dem von der NATO erzwungenen Sturz von Muammar Al-Ghaddafi geht der Krieg in Libyen weiter. Seit voriger Woche kämpfen verfeindete Streitkräfte und Milizen um die Herrschaft über die Hauptstadt Tripolis und das diese umgebende Gebiet. Am Montag habe es Luftangriffe auf den Flughafen Mitiga gegeben, wie die Deutsche Presseagentur berichtete. Ein zweistündiger Waffenstillstand, den die UNO am Sonntag vorgeschlagen hatte, blieb offenbar weitgehend unbeachtet. Die Kampfpause hätte dazu dienen sollen, Verletzte in Sicherheit zu bringen und Zivilisten zu evakuieren. Bis Montag mittag wurden insgesamt mindestens 49 Menschen getötet. Laut UNO flohen bereits 2.900 Menschen aus der Region Tripolis vor den Gefechten.

Hauptkontrahenten sind die von der »internationalen Gemeinschaft« eingesetzte und anerkannte Regierung im westlibyschen Tripolis und der autonome Militärmachthaber Khalifa Haftar, der sein Hauptquartier im ostlibyschen Bengasi, der zweitgrößten Stadt des Landes, hat. Beide Seiten sind nicht durch Wahlen legitimiert und stützen sich neben ihren eigenen Kräften auf wechselnde Bündnisse mit lokalen Milizen und anderen Kampfgruppen.

Haftar hatte seinen Machtbereich in den vergangenen Monaten so ausgeweitet, dass er Medienberichten zufolge zwei Drittel Libyens »kontrollierte«, was auch wegen unzureichender Verkehrsverbindungen ein relativer Begriff ist. Von strategischer Bedeutung ist, dass Haftar die größten Öl- und Gasfelder des Landes und die meisten Exporthäfen beherrscht.

Am 4. April hatte der Warlord seine Truppen angewiesen, eine allgemeine Offensive gegen die Hauptstadt zu eröffnen und sie einzunehmen. Das Gros der Angriffe kam aus der Region südlich von Tripolis, wo Haftars private »Libysche Nationalarmee« (LNA) in den letzten Monaten ihre umfangreichsten Geländegewinne gemacht hatte. Dieser hatte zuvor am 27. März den saudischen König Salman in Riad besucht und sich dort vielleicht ­Rückendeckung für sein Vorhaben geholt. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten sind Haftars wichtigste Unterstützer, insbesondere durch Waffenlieferungen und Geld. In Moskau ist der Warlord ein häufiger Gast mit direktem Kontakt zum Außenministerium. Ob Russland ihm auch materielle Hilfe leistet, wie oft behauptet wird, ist jedoch ungewiss. Frankreich, Italien und Großbritannien stehen mit Haftar zumindest in ständiger Verbindung.

Im vorigen Jahr hatte es mehrere Versuche einzelner Staaten gegeben, den Chef der Regierung in Tripolis, Fajes Al-Sarradsch, mit Haftar zusammenzubringen und sich auf diese Weise einen beherrschenden Einfluss auf die Zukunft Libyens und seine Ölvorkommen zu sichern. Trotz einiger spektakulärer Scheineinigungen, wie die gemeinsame Durchführung von Parlaments- und Präsidentenwahlen, wurden jedoch keine nachhaltigen Ergebnisse erreicht. Zur Zeit ist immer noch eine »Versöhnungskonferenz« vom 14. bis zum 16. April vereinbart, deren Stattfinden aber unwahrscheinlich ist.

Die US-Streitkräfte gaben am Sonntag den vorläufigen Abzug eines Truppenkontingents bekannt. Die Maßnahme wurde mit der »zunehmend komplizierten und unvorhersehbaren Sicherheitslage« in Libyen begründet. Um wie viele Soldaten es dabei geht, wurde nicht mitgeteilt.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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